Morgenandacht

Anna Gräfin von Bernstorff

08. November 2001 (6. Tagung der 9. Synode der EKD in Amberg)

Liebe Brüder und Schwestern in Jesus Christus, liebe Synodengemeinde!

Ich bin Anna von Bernstorff, eine Synodale aus dem Bereich der Hannoverschen Landeskirche, und begrüße Sie alle an diesem Donnerstag Morgen. Ich freue mich, dass ich diese Andacht hier halten darf und beginne im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen.


Damit wir alle fröhlich und wach werden, bitte ich Sie, die Gesangbücher zur Hand zu nehmen und Nr. 440 aufzuschlagen, damit wir mit der Begleitung der Bläser das Lied "All Morgen ist ganz frisch und neu" zum Lobe Gottes anstimmen können.

Ich möchte heute mit Ihnen über das Wort aus dem Galater Brief, Kapitel 6, Vers 7 nachdenken, das da heißt:

"Was der Mensch sät, das wird er ernten."

Zuerst fand ich diesen Vers sehr streng und drohend, vor allem, wenn ich den ersten Teil des Verses dazu las: "Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten, denn was der Mensch sät, das wird er ernten."
Sofort fielen mir die Terroranschläge auf das World Trade Center ein, die ich interpretiere

1. als Folge von Hass und Neid auf den Besitz und auf die Macht des Kapitalismus,

2. als Folge von Verzweiflung der fundamentalistischen Muslime über die Gottlosigkeit in der Welt und den Zerfall der Moral,

3. als Folge von der Gewalt zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn.

Die Antwort auf Terror ist Gewalt, und der Krieg in Afghanistan ist das Resultat:

"denn was der Mensch sät, das wird er ernten".

Als ich länger über diesen Vers nachdachte, überlegte ich, was wir hier in der EKD-Synode tun. Ist es eine gute Saat, die wir ausbringen? Liegt Gottes Segen auf dem, was wir tun? Wird es eine gute Ernte geben? Ich weiß nicht, ob es Ihnen manchmal ähnlich geht wie mir, dass Ihnen gelegentlich Zweifel kommen, wenn Sie an die Papierfülle denken, die rund um die Synode, überhaupt in kirchlichen Gremien, erzeugt wird. Wenn Sie an die Gefahr denken, dass wir uns als Kirche in all unseren Aktivitäten verzetteln und das Ziel, die Heilsbotschaft Gottes zu hören und weiterzugeben, dabei aus dem Auge verlieren. Bei aller Betriebsamkeit, bei aller Mühe, herrscht in unseren kirchlichen Gremien manchmal Kleingläubigkeit, weil wir gar nicht an die gute Ernte glauben, weil wir auf die Wirkung unserer Arbeitsergebnisse, dass unsere Worte in der Öffentlichkeit gehört werden, nicht vertrauen.

Aber, liebe Gemeinde, ich höre aus unserem heutigen Bibelwort

"Was der Mensch sät, das wird er ernten"

die Ermutigung, dass Gott uns die Ernte verspricht. Wir können uns darauf verlassen, dass unsere Arbeit Früchte trägt. Und ich höre die Aufforderung, uns dem Leben zuzuwenden, uns ans Werk zu machen, nicht müde zu werden, zu säen.
Ich höre auch den Trost und die Ruhe, die wir so nötig brauchen. Bei aller Angespanntheit und Anstrengung beim Nachdenken in den Ausschüssen, beim ungeduldigen Ringen um greifbare Ergebnisse gibt uns Gott Zuversicht und Ruhe: "Es wird schon, ich sehe deine Mühe, du mühst dich nicht umsonst, es wird die Ernte geben, warte doch ab!"

Ich kenne dieses Abwarten sehr genau aus meinem Lebensumfeld in Gartow. Wir leben dort von der Forstwirtschaft. Die Forstwirtschaft muss lange auf die Ernte warten. Was du heute pflanzt, wirst du erst in der übernächsten Generation ernten.

Oder was mein Vorfahre vor 300 Jahren in einem Familienstatut für seine Nachfahren an Verhaltensmaßregeln und Empfehlungen festgehalten hat, ist noch heute gültig und bestimmt mein Denken und Handeln nachhaltig. Manchmal müssen wir einen langen Atem haben und geduldig auf die Ernte warten. In Ruhe abzuwarten fällt uns oft schwer. Ich denke, Ihnen allen geht es nicht anders als mir, und in langen Zeiträumen zu denken steht im Widerspruch zu der rasanten Entwicklung in Wissenschaft und Technik. Wie ich werden Sie sich auch manchmal Entschleunigung wünschen.

Wenn ich unseren Bibelvers noch einmal lese "Was der Mensch sät, das wird er ernten", dann empfinde ich auch den Ansporn, unsere Talente nicht brach liegen zu lassen. Wir haben die Gabe, mehr zu tun, als in den Tag hineinzuleben. "Seht die Vögel unter dem Himmel, sie säen nicht, sie ernten nicht, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr nicht viel mehr als sie?"

Wir Menschen haben die persönliche Freiheit zu entscheiden, was wir säen. Wir säen selbst. Diese Freiheit beinhaltet die Verantwortung für die Saat. Wir entscheiden, ob wir gute oder schlechte Saat ausbringen. Schlechte Saat, die schon im Keim zersetzt ist von Bosheit, Missgunst, Dummheit oder Egoismus. Die Frucht ist dann eine vergiftete Atmosphäre, schreckliche Zerstörung, unkontrollierbares Wachstum, Krieg oder
gute Saat, die gute Früchte bringt, die dafür sorgt, dass mehr Gerechtigkeit, mehr Frieden und Wahrhaftigkeit in unserer Welt entsteht.

Dafür, dass aus unserer Saat eine gute Ernte wächst, brauchen wir Gottes Beistand.
"Wir pflügen und wir streuen, den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand."

Dieses Lied erinnert uns daran, dass wir Wachstum und Gedeihen nicht in die eigenen Hände nehmen können. Die Spanne zwischen Saat und Ernte ist Gottes Bereich. Ohne seine Mitarbeit und ohne seinen Segen gedeiht nichts. Wenn wir uns nur auf uns selbst verlassen und Gott dabei vergessen, bringen wir uns um die guten Früchte unserer Arbeit.

Darum lasst uns um Gottes Segen bitten, dass die Worte und Empfehlungen der Kirche in der Kundgebung "Globale Wirtschaft verantwortlich gestalten" draußen in der Welt gehört werden, dass in Politik und Gesellschaft neben den guten zukunftsweisenden Möglichkeiten der Globalisierung auch die Gefahr gesehen wird, die darin besteht, dass die Spanne zwischen Arm und Reich noch größer wird und dass die Verlierer dieser Entwicklung unterstützt werden, um der Gerechtigkeit willen, dass die Beschädigung ihrer Menschenwürde nicht hingenommen wird.

Darum lasst uns um Gottes Segen bitten für den heutigen Tag, wenn wir über den Haushalt beraten und um die richtigen Schritte der Kirche ringen werden. Lasst uns nicht verzagen vor der Fülle der Aufgaben und Herausforderungen in unserer Welt, z.B. bei der Globalisierung, die alle Lebensbereiche, auch die Kirche, erfasst oder bei den Einsparungen im Haushalt, die zu schmerzhaften Einschnitten in den Gemeinden und kirchlichen Werken führen. Selbst, wenn wir mit unseren Entscheidungen in dieser Woche oder heute morgen bei den Beschlüssen zum Haushalt Fehler machen, so müssen wir trotzdem zu Entscheidungen kommen. Und das können wir auch, wenn wir darauf vertrauen, dass Gott uns dabei begleitet.

Lasst uns also auf die guten Früchte unserer Arbeit hoffen, wie Gott sie uns verheißen hat, denn wie es in den Klageliedern Kap. 3, Vers 22 steht "Die Güte des Herrn ist es, daß wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu."
Diese Zusage gilt auch für diesen Donnerstag Morgen. Amen


Nun lassen Sie uns noch ein Lied singen im Gesangbuch Nr. 347, V. 1 - 6

"Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ ..."

Zum Abschluss dieser Andacht möchte ich mit Ihnen zusammen beten und bitte Sie, dazu aufzustehen.


Herr unser Gott,
wir danken dir, dass wir in dieser Stunde beieinander sein dürfen, um dich anzurufen, um alles, was uns bewegt, vor dich zu bringen, um gemeinsam über dein Wort nachzudenken und es in uns wirken zu lassen.

Wir bitten dich, gib uns Weisung für diesen Tag, an dem wir über das knapper werdende Geld und über die Aufgaben der Kirche beraten.
Gib uns deinen guten Geist, dass die Entscheidungen in deinem Sinne zum Wohl der Menschen fallen. Schenke uns deinen Segen, dass wir gute Saat ausbringen und die Ergebnisse unserer Arbeit fruchtbar sind und zu mehr Gerechtigkeit und Frieden und zur Bewahrung der Schöpfung beitragen.

Und nun beten wir gemeinsam, wie Jesus es uns gelehrt hat:

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen



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