Leben in pluralistischer Welt verlangt Klärung eigener Identität

Leitender Bischof der VELKD sprach über die Herausforderung des religiösen und kulturellen Pluralismus

20. Januar 2011

Logo der EKD Mailand/Hannover – Der religiöse und kulturelle Pluralismus stellt nach den Worten des Leitenden Bischofs der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Landesbischof Dr. Johannes Friedrich (München), sowohl für die Politik wie für die christlichen Kirchen Europas eine „enorme Herausforderung“ dar. In einem Vortrag im Rahmen eines Interkulturellen Abends in der Chiesa Cristiana Protestante di Milano zusammen mit der Gemeinschaft Sant’Egidio sagte Friedrich, in dieser Situation „haben wir jedem Versuch der politischen Instrumentalisierung der Religion entgegenzutreten“. Dies gelte auch im Blick auf die in Europa „grassierende Islamfeindlichkeit“, die „letztlich eine Angst vor dem Unbekannten“ darstelle.

Der Vortrag stand unter dem Thema „Der religiöse und kulturelle Pluralismus – Eine Herausforderung für den sozialen Zusammenhalt in Europa“. Verschiedene Sprachen und Kulturen, verschiedene geschichtliche Erfahrungen in einer Gesellschaft seien eine Bereicherung. „Aber ethnische, sprachliche, kulturelle und nicht zuletzt religiöse Unterschiede in einer Gesellschaft enthalten auch Konfliktpotentiale, die zu leugnen naiv wäre“, so Friedrich. „Deshalb gilt es, mit Klugheit Differenzen zuzulassen.“ So habe die Gesetzgebung der Bundesrepublik Deutschland das Festhalten an einer deutschen Minderheitskultur im Ausland – etwa in Osteuropa, ausdrücklich gefördert. Einreiseberechtigt in Deutschland und automatisch deutsche Staatsbürger seien bis heute auch Menschen, die weder in Deutschland geboren seien, noch jemals dort gelebt, die aber im Ausland am deutschen Volkstum festgehalten hätten. „Warum, so frage ich, soll es gut sein, wenn Deutsche im Ausland an der deutschen Kultur festhalten, aber schlecht, wenn Türken in Deutschland an der türkischen Kultur festhalten? Voraussetzung dafür, dass Differenz zugelassen werden kann, ist nach meiner Überzeugung allerdings vor allem zweierlei: einmal die Anerkennung der für alle geltenden Gesetze in dem Land, in dem man leben will, zum anderen der gleichberechtigte Zugang aller zu den Bildungschancen der Gesellschaft – was bedeutet, dass man neben der Muttersprache die Landessprache in Wort und Schrift beherrschen muss.“ Im Übrigen werde die Integration durch die gesellschaftliche Anerkennung der Herkunftssprachen und -kulturen gefördert, während die Forderung nach Gleichheit und kultureller oder religiöser Einheitlichkeit sowohl dem Geist unserer Verfassung wie dem Integrationsgedanken widerspreche.

„Das Zusammenleben in einer pluralistischen Welt verlangt nach der Klärung der eigenen Identität“, hob der Leitende Bischof hervor. „Unklare Identität aber, religiöse und kulturelle Verunsicherung, führt zu Abstoßungsreaktionen, möglicherweise auch zu Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie.“ Es sei auffällig, dass Fragen wie „Soll der Islam in Deutschland verboten werden?“ oder „Soll bei Muslimen die freie Religionsausübung eingeschränkt werden?“ bei Meinungsumfragen in Ostdeutschland eine höhere Quote an Zustimmung bekämen als in Westdeutschland – wobei die Zustimmung auch im Westen erschreckend hoch sei. „Dahinter steckt, dass in einer Gesellschaft, der die eigene religiöse Tradition fremd geworden ist, eine fremde und engagiert praktizierte Religiosität bedrohlich wirkt. Gerade deshalb trete ich für den interreligiösen Dialog ein.“ Der Staat muss nach Friedrichs Worten „religiös neutral bleiben und sich aus der Debatte um die Inhalte der Religion heraushalten“. Dennoch sei der interreligiöse Dialog, den Christen mit Muslimen, Buddhisten, Hindus führen, nicht nur ein kirchliches Anliegen: „Er ist zugleich ein Dienst am Frieden und am Zusammenhalt in der Gesellschaft. Es ist der Auftrag der Christen, ihr ureigner Beitrag zum Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft, dass sie ihre eigene religiöse Identität immer neu bestimmen – auf den Wahrheitsanspruch des eigenen Glaubens und der eigenen Religion nicht verzichtend, aber den anderen Religionen unpolemisch, freundlich, offen und dialogisch gegenübertretend.“ Hier liege wohl der Schlüssel, wie man in Europa der Herausforderung des religiösen und kulturellen Pluralismus begegnen könne. „Wer um die eigene christliche Identität weiß, in seiner Tradition verwurzelt ist und die Vielfalt des Christentums aus eigener Anschauung kennt, kann auch offen sein für das Andere, mitunter Fremde anderer Religionen.“

Hannover, 20. Januar 2011

Udo Hahn
Pressesprecher der VELKD