EKD gedenkt Dietrich Bonhoeffers 100. Geburtstag

Wolfgang Huber und Rowan Williams in Breslau und Berlin

20. Januar 2006

Als „evangelischer Heiliger“ wird der Theologe Dietrich Bonhoeffer, der am 4. Februar 1906 in Breslau geboren wurde, immer wieder bezeichnet. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) erinnert und gedenkt des Widerstandskämpfers und Märtyrers anlässlich seines 100. Geburtstages. Dietrich Bonhoeffer wurde am 9. April 1945 – wenige Wochen vor Kriegsende – im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet. Dietrich Bonhoeffer hatte während des Dritten Reichs schon zu einem relativ frühen Zeitpunkt der nationalsozialistischen Ideologie widersprochen und gehörte zum Kreis derer, die das Attentat am 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler vorbereitet haben. Dabei hat er sein politisches Handeln immer theologisch begründet und in dieser Zeit mehrere Bücher geschrieben, die ihn auch als theologischen Denker weltweit bekannt gemacht haben. Seine Briefe und Texte aus der Zeit der Haft (1943-1945) sind nach dem Krieg unter der Überschrift „Widerstand und Ergebung“ veröffentlicht worden.

Er sei ein Heiliger im evangelischen Verständnis, erläutert der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber, der auch Herausgeber der Gesamtausgabe der Texte von Dietrich Bonhoeffer ist, weil er für Andere zum Vorbild im Glauben geworden sei. In diesem Sinne sei er allerdings kein Heiliger, der der Welt geflohen sei, sondern er sei „der Erde treu gewesen“, erinnert Huber. Bonhoeffer habe deutlich gesagt, dass sein geschöpfliches Dasein im Kern zum christlichen Glauben gehöre. In seiner Biographie und in seinen Texten sei deshalb zu beobachten, dass er aus diesem Grund seine eigenen Schwächen nicht versteckt habe: „seine Angst in der Haft, seine Depression, seine Wut“. Der Ratsvorsitzende stellt deshalb gegenüber dem evangelischen Monatsmagazin „chrismon“ fest: „Jemand, der diese unterschiedlichen Seiten des Lebens bejaht, ist für mich ein Vorbild im Glauben. Ein Mensch wie Bonhoeffer, der gern Klavier spielt, sich ins Gefängnis Zigaretten schicken lässt und ein gutes Glas Wein nicht verschmäht, taugt durchaus dazu, ein Heiliger zu sein.“

Mit verschiedenen Angeboten und Veranstaltungen erinnert die EKD an den Theologen und Widerstandskämpfer. In Zusammenarbeit mit der Internationalen Bonhoeffergesellschaft und dem Polnischen Ökumenischen Rat finden auch zentrale Feiern in Breslau, der Geburtstadt von Dietrich Bonhoeffer statt. An einigen zentralen Gedenkveranstaltungen nimmt auch der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, teil.


Hinweis:

Neues Themenheft der Zeitschrift „Arbeitsstelle Gottesdienst“ zu Bonhoeffer

 

Nachfolgend Terminhinweise zu den einzelnen Veranstaltungen in Berlin, Breslau und London:

Dienstag, 31. Januar, 24.00 Uhr (ZDF)

Ausstrahlung des Filmes zum 100. Geburtstag Dietrich Bonhoeffers: „Liebe ist stark wie der Tod. Die Welt des Dietrich Bonhoeffer“. Ein Film von Gerold Hofmann (Kamera: Peter Petrides, Produktion: EIKON Berlin im Auftrag des ZDF, Produzent: Ulli Pfau, Redaktion: Gunnar Petrich, Länge: 30 Minuten)

Aus dem Pressetext des ZDF: Er wurde nur 39 Jahre alt, doch er ist heute einer der ganz Großen. Straßen und Schulen, Kirchen und Gemeindehäuser tragen seinen Namen, ein Kinofilm erzählt seine Geschichte. Dietrich Bonhoeffers leidenschaftlicher Protest gegen die Nationalsozialisten, seine aktive Rolle im Widerstand gegen Hitler, seine Bücher und sein Ermordung durch die Nazis vor 60 Jahren finden weit über die deutschen Grenzen hinaus Beachtung. US-Präsident George W. Bush nannte ihn "einen der größten Deutschen". Am 4. Februar 2006 jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal. Bereits mit 21 Jahren ist er promoviert, mit 24 habilitiert, mit 25 Privatdozent. 1932 entdeckt er die Bergpredigt für sich, will nun ein Leben in der Nachfolge Jesu Christi führen und macht sich pazifistische Ideen zu eigen. Schon früh warnt Dietrich Bonhoeffer vor den Gefahren des Nazi-Regimes. Im April 1933 erwägt er unter dem Eindruck der Judenverfolgung die Möglichkeit, "nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen".

Doch nur wenige Kirchenleute folgen dem jungen und kompromisslosen Nazi-Gegner in dieser Einschätzung. Seit 1938 weiß er durch seinen Schwager Hans von Dohnanyi, den Vater des späteren Hamburger Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi, von Hitlers Kriegsplänen und zugleich von Plänen für einen Staatsstreich, die am 20. Juli 1944 schließlich in die Tat umgesetzt wurden. 1939 kehrt er nach einem kurzen USA-Aufenthalt nach Deutschland zurück. Der Theologe führt nun ein riskantes Doppelleben, ist offiziell Reiseagent der "Abwehr". Tatsächlich aber weiht er im Ausland kirchliche Mittelsmänner in die Putschpläne gegen Hitler ein. Am 5. April 1943 wird Bonhoeffer verhaftet. In seiner Zelle in Berlin-Tegel erfährt er vom misslungenen Staatsstreich seiner Mitverschwörer am 20. Juli 1944. Hier schreibt er jene Briefe, die später unter dem Titel "Widerstand und Ergebung" berühmt werden und entwickelt seine Gedanken über ein Christentum in einer "religionslosen" Zeit. Heute ist Bonhoeffer über alle kirchlichen Lager hinweg eine Integrationsfigur. Sein Gedicht "Von guten Mächten wunderbar geborgen" von Silvester 1944 ist kirchliches Allgemeingut geworden. Gerold Hofmanns Film verknüpft Szenen aus dem Spielfilm "Die letzte Stufe" mit Aussagen von Zeitzeugen wie Christoph von Dohnanyi und Renate Bethge. Zu Wort kommen ferner der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, der Bonhoeffers Werke mit herausgegeben hat, und Antje Vollmer, die Bonhoeffers politische Bedeutung beleuchtet.“

Weitere Ausstrahlung: Samstag, 04. Februar, 17.30 auf Phoenix

Außerdem erscheint im Februarheft des Monatsmagazins „Chrismon“ ein ausführliches Interview zu Dietrich Bonhoeffermit dem Vorsitzenden des Rates der EKD, Bischof Wolfgang Huber, dem auch im obigen Text zitierten Sätze entnommen sind.

Mittwoch, 01. Februar, 13.15 Uhr

Pressekonferenz mit dem Vorsitzenden des Rates der EKD, Bischof Wolfgang Huber, und dem Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, anlässlich der Konsultation zwischen der Church of England und der EKD und anlässlich des 100. Geburtstag von Dietrich Bonhoeffer. Die Pressekonferenz findet voraussichtlich im Haus der EKD, Charlottenstraße 53/54 (Gendarmenmarkt), Berlin statt.

Die Konsultation zwischen der Church of England und der EKD, an der Rowan Williams und Wolfgang Huber teilnehmen, findet von 1. bis 3. Februar in der Tagungsstätte Schwanenwerder (Berlin) statt.

Freitag, 03. Februar

Tagung der Internationalen Bonhoeffergesellschaft in Breslau (Die Tagung geht bis Mittwoch, 08. Februar):

16.45 Uhr: Feierliche Eröffnung des Bonhoeffer-Kongresses in der Aula Leopoldina der Universität Breslau unter Beteiligung der Stadt- und Wojewodschaftsbehörden, Vertretern von Kirchen sowie Gästen aus Polen und anderen Ländern. Begrüßungsreden und offizielle Eröffnung des Kongresses

17.30 Uhr: Inaugurationsvortrag des Ratsvorsitzenden der EKD, Bischof Wolfgang Huber: "Leben und Wirken Dietrich Bonhoeffers"

18.15 Uhr: Wort des Erzbischofs Rowan Williams, Primas der Anglikanischen Kirche in England

18.30 Uhr: Konzert

19.15 Uhr: Empfang auf Einladung von Generalkonsul Dr. Helmut Schöps im Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland

(Weitere Informationen zu der Tagung unter: http://www.luteranie.pl/diec.wroclawska/kongres/de-prog.htm)

Samstag, 04. Februar – in Breslau

12.30 Uhr: Feierlichkeiten am Dietrich Bonhoeffer Denkmal in Breslau am Ring. Ansprachen und Kranzniederlegung. Es sprechen unter anderem Bischof Bogusz (Polen), Erzbischof Rowan Williams (England), Bischof Wolfgang Huber (Deutschland)

Samstag, 04. Februar – in Berlin

18.00 Uhr: Ökumenische Vesper in der Oberpfarr- und Domkirche, Berlin. Predigt: Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky (Berlin). Der Vorsitzende des Rates der EKD, Bischof Wolfgang Huber, und der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, werden an der ökumenischen Vesper teilnehmen.

19.15 Uhr Festakt der theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, Senatssaal – Vorträge:

Prof. Dr. Dorothea Wendebourg
Theologische Fakultät, Humboldt-Universität
„Bonhoeffer und die Berliner Universität“

Bischof Prof. Dr. Wolfgang Huber
Ratsvorsitzender der EKD
„Das Vermächtnis Dietrich Bonhoeffers und die Wiederkehr der Religion“

Sonntag, 05. Februar

09.30 - 10.30 Uhr: Gottesdienst in der Kirche, in der Dietrich Bonhoeffer ordiniert wurde, St. Matthäus-Kirche, Berlin, Kulturforum (Der Gottesdienst wird live im ZDF übertragen)

Aus der Presseinformation zu diesem Gottesdienst:

Mit einem Gottesdienst in der St. Matthäus-Kirche erinnert die Evangelische Kirche an den 100. Geburtstag Dietrich Bonhoeffers. Zum bleibenden Vermächtnis des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer gehört die ökumenische Weite seines Kirchenbegriffs. 1933 bis 1935 war Bonhoeffer Pfarrer in London. Die gemeinsame Würdigung Dietrich Bonhoeffers mit der Kirche von England ist auch Ausdruck der wachsenden Annäherung zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Anglikanischen Kirche von England.

Die tief empfundene Geborgenheit im Glauben, verknüpft mit seiner Lebensgeschichte, macht die Vorbildwirkung Bonhoeffers bis in die heutige Zeit aus. Früh sieht Bonhoeffer die Gefahren des Naziregimes. Bereits im April 1933 spricht er angesichts der massiven Diskriminierung und Entrechtung der Juden davon, "nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen. Solches Handeln wäre unmittelbar politisches Handeln der Kirche."

Am 5. April 1943 wird Bonhoeffer verhaftet. In seiner Zelle in Berlin-Tegel erfährt er vom gescheiterten Attentat der Mitverschwörer auf Hitler am 20. Juli 1944. Hier schreibt er jene Briefe, die später unter dem Titel "Widerstand und Ergebung" berühmt werden, und er entwickelt seine Gedanken zu einem religionslosen Christentum. Er stellt den Glauben als Lebensakt der Religion gegenüber und sucht eindringlich nach einer neuen Sprache für den Glauben in einer Welt, die für traditionelle Glaubenssprache "taub und religionslos" geworden ist Bonhoeffers Gedanken und Texte sind bis heute aktuell, der Gottesdienst stellt sich ihren Fragen nach der Glaubwürdigkeit christlicher Existenz.

In der St. Matthäus-Kirche in Berlin wurde Dietrich Bonhoeffer kurz nach seinem Studienaufenthalt am Union Theological Seminary in New York 1931 für den Pfarrdienst ordiniert. In New York war Bonhoeffer Gastpastor in der Abyssinian Baptist Church in Harlem. Von dort brachte er Gospelaufnahmen mit nach Deutschland –  Musik, die ihn im Innersten seiner Seele bewegte.

Im Gottesdienst werden Gedanken und Texte von Dietrich Bonhoeffer vorgetragen. Für die musikalische Gestaltung sorgen der Gospelchor "Spirited" und Felicia Taylor, die Gewinnerin des Gospel-Award 2004. Otto Sander liest unbekannte und bekannte Texte von Dietrich Bonhoeffer, darunter auch das bekannte Gedicht: "Von guten Mächten treu und still geborgen, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr..."

Anschließend an den Gottesdienst: Empfang im Foyer der Philharmonie Berlin.

Am Nachmittag finden weitere Veranstaltungen in Berlin statt, auf die die Pressestelle der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz hinweist und für die dort Informationen zu bekommen sind.

Samstag,  04. Februar, und Sonntag, 05. Februar, in London

4. Februar, ab 14.30 Uhr: In der ältesten erhaltenen, neu renovierten, Deutschen Evangelischen Kirche im UK, St. George, Alie Street, Aldgate, wird eine Ausstellung zum Thema „Bonhoeffer und seine Zeit in London 1933-1935“ eröffnet.

5. Februar, 11.00 Uhr: Deutschsprachiger Gedenkgottesdienst zum 100.Geburtstag Dietrich Bonhoeffers in St. George. Eine eigens für diesen Zweck in Auftrag gegebene „Bonhoeffer-Messe“, ein Werk für Chor, Orgel und Streicher, des Komponisten und Pianisten Richard van Schoor wird zur Aufführung kommen. Richard van Schoor, gebürtig in Cape Town/Südafrika, studierte und arbeitete in Florenz (1988 bis 1991 bei Orazio Frugoni), Zürich (1991 bis 1996 bei Esther Yellin, Heinrich-Neuhaus-Institut) und der Zeit in München. Er ist unter anderem in so bedeutenden Konzertsälen wie der Musikhalle Hamburg, der Alten Oper Frankfurt, dem Prinzregententheater München sowie der Philharmonie am Gasteig München aufgetreten. Der Chor besteht aus Mitgliedern des Lloyd`s Chores London und Gemeindegliedern, begleitet unter anderem von Prof. Philipp Bonhoeffer (Violine) und Dietrich Bethge (Cello), Patenkind Dietrich Bonhoeffers.

5. Februar, 18.30 Uhr: Offizieller Gedenkgottesdienst der Church of England in Westminster Abbey mit Landesbischöfin Margot Käßmann (Hannover), Mitglied des Rates der EKD

Hannover/Berlin, 20. Januar 2006

Pressestelle der EKD
Christof Vetter

Informationen über Dietrich Bonhoeffer im EKD-Internetangebot