Nikolaus Schneider: „Befreiung aus doppelter Gefangenschaft“

Festvortrag des EKD-Ratsvorsitzenden beim Jubiläum der Canstein’schen Bibelgesellschaft in Halle/Saale

31. Mai 2010

Logo der EKD Der amtierende Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, hat in einem Festvortrag anlässlich des 300-jährigen Jubiläums der Canstein’schen Bibelgesellschaft am heutigen Montag in Halle/Saale Grundsätzliches zur Bedeutung der Bibel für den Menschen entfaltet, sowie den Gründer der Canstein’schen Bibelgesellschaft, Carl Hildebrand Freiherr von Canstein (1667-1719), gewürdigt.

Der Vortrag stand unter dem Titel „Aufbruch zur Mündigkeit. Bibelgesellschaft und Bibelmission – ein Auftrag für heute“. Die Bibel, so führte Schneider aus, gehöre „zu den substantiellen Widerstandskräften gegen die Reduzierung des menschlichen Lebens auf die Gegenwart“ und befreie aus der „doppelten Gefangenschaft“, in der unsere Gegenwart eingesperrt scheine, nämlich eine Gefangenschaft, „die weder einen Blick nach oben, noch einen Blick nach vorne“ erlaube. Die Bibel bringe hingegen die Fülle des Lebens mit Gott in Verbindung, öffne diese für Transzendenz und tauche sie in das „unvergängliche Licht Gottes“. Dieses „Deuten des vergänglichen irdischen Daseins vor Gott und von Gott her“ gebe dem menschlichen Leben eine einzigartige Achtung und Würde. So werde der Mensch „reich und weit und tief“, wenn er sein Leben durch die Bibel erleuchten lasse.

Als Beispiele nannte der Ratsvorsitzende zum einen die Psalmen „mit ihrer Klage an und ihrem Staunen über Gott“, dann Hiob, „dieser selbstbewusste Existentialist“, der sich in „seinen Erwartungen an den gerechten Gott nicht klein machen“ lasse und schließlich den Prediger Salomo, dessen Weisheit die „Coolness heutiger Jugendlicher“ locker überbiete. Es gebe „keine Existenzverfassung, keine Lebenskrise, keine Tiefenschicht, die nicht in der Bibel vorgezeichnet und exemplarisch vor Gott gestellt“ werde. Deshalb, so Schneider, sei die Bibel „das Buch der Bücher und darin zugleich das Buch des vergänglichen und des unvergänglichen Lebens.“

Schneider würdigte außerdem den Gründer der Canstein’schen Bibelgesellschaft, den Juristen Carl Hildebrand Freiherr von Canstein, als „herausragende Figur in der Geschichte des Protestantismus“. Das Bemühen des Freiherrn um eine technische Rationalisierung des Bibeldrucks habe wesentlich zur massenhaften Verbreitung von Bibeln in alle Welt Anfang des 18. Jahrhunderts beigetragen. Erst mit diesem „technischen Innovationsschritt“ habe sich das Versprechen der Reformation erfüllt, dass „jeder und jede“ die Bibel selbst lesen und den Glauben daraus stärken könne.

Zudem sei von Canstein ein leuchtendes Beispiel für ehrenamtliches Engagement: Als Jurist habe er sich zunächst ehrenamtlich für die Verbreitung des Evangeliums engagiert und so dem „für den Glauben engagierten christlichen Bürgertum“ eine Stimme gegeben. Hierin, so der Ratsvorsitzende, sehe er ein Beispiel für die heutige Zeit, denn „ehrenamtliches Engagement“ gewinne für die „zukünftige Gestalt der Kirche“ immer mehr Bedeutung. Bei dem Bemühen um Ehrenamtliche sei es wichtig zu bedenken, dass ein Ehrenamt heute zunehmend als eine „Mischung aus Selbstverwirklichung und Fortbildung“ aufgefasst werde. Ehrenamtliche, so Schneider, „wollen nicht nur für bestehende Lücken gebraucht‘ werden, sondern wollen auch Aufgaben selbständig entwickeln.

Schließlich hob Schneider die große Bedeutung des „inneren Menschen“ hervor, der „im Gegenüber zu Gott und seinem Wort“ entstehe. Die Rede vom „inneren, innerlichen Menschen“ stehe leider häufig im Verdacht eine „falsche Innerlichkeit“ zu befördern, die sich „weder um Politik noch um gesellschaftliche Verantwortung kümmere“. Dies sei aber eine falsche Verkürzung, denn gerade diese spezifische Bibelfrömmigkeit bringe Christenmenschen dazu, „eine kritische Wächterfunktion gegenüber Staat und Gesellschaft auszuüben.“ Arme und Unglückliche, so Schneider, könnten wissen, „dass die Kirche sich ihre Anliegen auch öffentlich zu Eigen“ mache.

Hannover, 31. Mai 2010

Pressestelle der EKD
Reinhard Mawick

Der Festvortrag im Wortlaut