George Hunsinger: „Wer im Glauben lebt, steht in der politischen Verantwortung.“

Träger des Karl-Barth-Preises begründet seinen Widerstand gegen jede Legitimierung der Folter

04. Juni 2011

Logo der EKD Logo der EKD Wenige Tage nach dem 125. Geburtstag des Theologen Karl Barth hat die Union Evangelischer Kirchen (UEK) in der EKD in Dresden den Karl-Barth-Preis an den amerikanischen Theologen George Hunsinger verliehen. Das Anliegen des Preises sei kein „verklärendes Sich-Klammern an bessere Zeiten“, sondern mache „die bleibende Aktualität von Barths Theologie“ deutlich, so Christiane Tietz, Mainzer Theologieprofessorin und Mitglied des Rates der EKD in ihrer Laudatio.

Es sei Hunsingers „theologisches Meisterstück“, dass er im Freilegen ihrer sprachlichen und argumentativen Struktur auch für die „Schönheit von Barths Theologie“ Begeisterung wecke. Zugleich gelinge es Hunsinger, eine Brücke zwischen den religiösen Lagern in der amerikanischen Christenheit zu schlagen, nach dem Grundsatz: „Glücklicherweise müssen wir uns nicht zwischen der evangelischen Wahrheit und sozialer Gerechtigkeit entscheiden.“ Hunsinger ist Begründer der  „National Religious Campaign Against Torture“ (NRCAT), die Christen, Juden, Muslime und Gläubige anderer Religionen in dem Ziel vereint, Folter zu ächten und abzuschaffen. Auch mit der Sorge um einen menschenwürdigen Umgang mit Gefangenen teile Hunsinger ein Anliegen Barths, so machte Tietz deutlich.

In seiner Dankrede kritisierte Hunsinger die politische Kultur und Praxis seines Landes auch unter der Präsidentschaft Barack Obamas. Er beklagte eine „Unkultur der Schamlosigkeit“, in der die Verursacher von Umweltschäden, wirtschaftlichen Zusammenbrüchen, aber auch die Verantwortlichen für die Folterpraxis in der Bush-Ära nicht zur Verantwortung gezogen würden.

Der Preisträger resümierte verschiedene Begründungen für ein Verbot der Folter auf der Basis reformatorischer Theologie: Nach Johannes Calvin folge aus der Entdeckung der Gottebenbildlichkeit jedes, auch des feindlich gesinnten Menschen, dass dieser eine unbestreitbare Würde trage. Martin Luther wiederum schließe vom Gottesgeschenk der Erlösung, das dem Menschen unverdient zukommt, auf die Notwendigkeit, sich dem Nächsten „frei, fröhlich und umsonst“ zuzuwenden und ihm zu dienen, ja ihm selbst „ein Christus zu werden“. Karl Barth folge derselben Logik, weite sie aber auf den Bereich der gesellschaftlichen und politischen Verantwortung aus.

Hunsinger appellierte an den ökumenischen Konsens, nach dem aus evangelischer wie aus katholischer Sicht die Folter abzulehnen sei. Dem gegenüber zitierte er den „erschreckenden Befund“, dass es unter regelmäßigen Kirchgängern in den USA eine höhere Bereitschaft gebe, Folter zu rechtfertigen, als unter den Nicht-Kirchgängern: „Die Krise unseres nationalen Abstiegs in die Niederungen der Folter ist für die Kirchen vor allem und an erster Stelle eine Glaubenskrise.“

Der mit 10.000 € dotierte Karl-Barth-Preis der UEK wird seit 1986 alle zwei Jahre verliehen als Auszeichnung für ein herausragendes theologisches Werk oder ein bedeutendes Lebenszeugnis in Kirche und Gesellschaft. Zu den bisherigen Preisträgern gehören u. a. der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau, Kardinal Karl Lehmann, der Theologe Eberhard Jüngel sowie zuletzt der langjährige Präses der EKD-Synode Jürgen Schmude.

Hannover, 4. Juni 2011

Pressestelle der EKD und der UEK
Reinhard Mawick

 
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