Nikolaus Schneider: „Demokratie leben und einfordern“

„Wie lernen Gesellschaften?“- EKD-Ratsvorsitzender sprach beim Johannisempfang am Berliner Gendarmenmarkt

01. Juli 2010

Logo der EKD Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider hat in seiner Rede beim Johannisempfang der EKD am heutigen Donnerstag in Berlin Mut zum Lernen gemacht. Die ganze Gesellschaft müsse sich „als Lerngemeinschaft begreifen und wechselseitig in Anspruch nehmen“.

In fünf Punkten umriss der Ratsvorsitzende, was eine lernende Gesellschaft ausmache. Unter der Überschrift „Eine lernende Gesellschaft wird aus Schaden klug“ warnte Schneider davor, dass „Gewöhnung an die Schadensfolge“ einsetze und dann die nötigen Konsequenzen unterblieben. Als zweiten Punkt nannte Schneider, "Fähigkeit und Willen", die „Erfahrung vorausgegangener Generationen“ zu nutzen. Schneider führte aus, es sei „gerade die Aufgabe der Auslegung von Erfahrungssätzen früherer Generationen, plausibel zu machen, dass ein alter Text, weil er nicht in den Sackgassen späterer Zeiten feststeckt, eine besondere Kraft entfaltet, die neue Situation zu deuten.“

Eine lernende Gesellschaft aber, so Schneider weiter, müsse auch selbst Erfahrungen machen. Als gelungenes Beispiel für diesen dritten Aspekt nannte der Ratsvorsitzende das Prinzip und die Praxis der Erprobungsgesetze. „Man greift zu diesem Mittel, wenn nicht genügend Anhaltspunkte oder Vorerfahrungen vorliegen, wie sich eine gesetzliche Regelung in dem betreffenden Bereich auswirkt. Die Leitfrage heißt: Hat sich der untersuchte Gegenstand bewährt? Bewährung heißt: Er funktioniert und erfüllt die ihm zugedachte Aufgabe“, so Schneider wörtlich.

Besonders hob der Ratsvorsitzende hervor, dass sich das Lernen von Gesellschaften im „Austausch von Argumenten“ vollziehe. Eine lernende Gesellschaft schätze das „stärkere Argument“, so Schneider in seinem vierten Punkt. Sie funktioniere „nicht in hierarchisch geordneten Prozessen von oben nach unten, sondern in Gleichberechtigung aller, die an dem Austausch aktiv beteiligt sind.“ Schneider hob hervor, dass die Demokratie im Parlament ihr „Kraftzentrum“ habe. Dort werde mit der „Macht der Argumente“ gestritten, dort müssten Positionen immer wieder den „Nachweis ihrer Überzeugungskraft erbringen“, sich dabei „den Argumenten anderer ausliefern“ und dadurch „revisionsfähig“ bleiben. Diese Prinzipien der Demokratie, so Schneider mit Nachdruck, müssten „gelebt und eingefordert werden“.

Als fünften Aspekt führte Schneider unter der Überschrift „Eine lernende Gesellschaft öffnet sich für Gottes Wort“ aus, dass Christinnen und Christen durch die Begegnung mit dem Wort Gottes „Distanz zur bedrängenden Gegenwart“ und „neue Perspektiven“ gewönnen. Schneider wörtlich: „In Jesus Christus wird Gott so lebendig, dass sich seine Gebote und Weisungen in die Lebensgeschichte des Mannes aus Nazareth verwandeln. Seine Geschichten und sein Lebensvorbild sprechen neben dem Verstand alle unsere Sinne an und schaffen Bindungen, die von den Ansprüchen gegenwärtiger Zwänge befreien. Hierbei zeigt sich ein effektives Lernprinzip: Wir lernen in Beziehungen besonders gut. Zur intellektuellen Anleitung kommt das persönliche Vorbild. Einsicht verbindet sich mit Ermutigung“.

Als Summe führte der Ratsvorsitzende aus, dass eine lernende Gesellschaft „Schritte zur Verhaltensänderung“ gehen müsse. Diese Aufgabe sei verwandt mit dem biblischen Gedanken der Umkehr. Der Gedanke der Umkehr, so Schneider weiter, enthalte ein Wissen darum, dass es ein "Zu spät" gäbe. Deshalb müsse, wer Verantwortung wahrnehmen wolle, „mutig neue Schritte gehen.“

Hannover, 01. Juli 2010

Pressestelle der EKD
Reinhard Mawick

Die Rede im Wortlaut