Dialogfähig und um Verständigung bemüht

LWB-Generalsekretär Noko tritt am 31. Oktober in den Ruhestand

24. Juli 2010

Logo der EKD Ein Porträt von Udo Hahn

Wenn der Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes (LWB), Pfr. Dr. Ishmael Noko, die Heimreise von der am 27. Juli zu Ende gehenden Elften Vollversammlung des LWB antreten wird, hat er ein Gepäck-Problem. Wohin mit all den Geschenken – Wein, Jacken, Gewänder und Schals –, die ihm im Rahmen eines festlichen Essens überreicht wurden? Der 31.Oktober 2010 ist Nokos letzter Arbeitstag. Die Vollversammlung ließ es sich deshalb nicht entgehen, den langjährigen Generalsekretär des Weltbundes zu verabschieden. Sichtlich gerührt nahm er die vielen Dankadressen für die geleistete Arbeit an, während auf der Bühne eine Diashow in einer Endlosschleife lief. Sie zeigte zahlreiche Aufnahmen aus dem Leben des Generalsekretärs, ob bei Sitzungen des Rates des LWB, bei internationalen Begegnungen, oder etwa mit Papst Paul II., Palästinenserführer Jassir Arafat sowie dem EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Wolfgang Huber. Auch Aufnahmen aus dem gewiss spärlichen Privatleben waren zu sehen – beim BBQ oder auf dem Sofa eingeschlafen – mit dem ebenfalls schlafenden Enkelkind im Arm.

Wenn Ishmael Noko abtritt, liegen 28 Jahre im Dienst des Lutherischen Weltbundes hinter ihm. 1982 übernahm er in der LWB-Abteilung für Weltdienst die Leitung des Referates für Flüchtlingsfragen. 1987 wurde er zum Direktor der Abteilung für Kirchliche Zusammenarbeit ernannt, 1990 zum Direktor der neuen LWB-Abteilung für Mission und Entwicklung. Im Jahre 1994 erfolgte die Wahl zum Generalsekretär. 2004 wurde er für weitere sieben Jahre im Amt bestätigt. Frühzeitig hatte er bekannt gegeben, dass er diese Amtszeit nicht ausschöpfen wird.

Am 29. Oktober 1943 in Simbabwe geboren, studierte er Theologie in Südafrika. Nach seiner Ordination 1972 setze er sein Studium in Kanada fort, wo er auch mit einer Dissertation zum Thema „Der Gottesbegriff in der Schwarzen Theologie: „Das Verständnis Gottes als Befreier und Versöhner“ promoviert wurde. Ehe er 1982 zum LWB wechselte, lehrte er an der Universität von Botswana.

Unter seiner Leitung hat der Lutherische Weltbund eine beachtliche Entwicklung durchlaufen. 1994 umfasste der LWB 114 Mitgliedskirchen mit 55 Millionen Gläubigen. Heute zählt er 145 Kirchen mit 70,1 Millionen Mitgliedern. In seiner 16-jährigen Amtszeit fanden drei Vollversammlungen statt: in Hongkong, in Winnipeg/Kanada und jetzt in Stuttgart. Drei Präsidenten hatte er zu dienen: dem Brasilianer Gottfried Brakemeier, dem Deutschen Christian Krause und dem US-Amerikaner Mark S. Hanson. Die Zusammenarbeit mit Krause war sicher am schwierigsten. Der Bischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig wäre beinahe selbst einmal Generalsekretär des LWB geworden und kannte die Organisation aus zahlreichen Funktionen wie kein Zweiter. Überdies interpretierte er das Präsidentenamt neu, indem er wie kaum einer seiner Vorgänger in der Genfer Zentrale präsent war und die Mitgliedskirchen besuchte – eine Aufgabe, die in erster Linie dem Generalsekretär des LWB zukommt, der – unbeschadet der Bedeutung des Präsidenten und der fünf Vizepräsidenten – das Gesicht des LWB ist.

Dessen ungeachtet ist die Liste der Verdienste Nokos lang: Anders als sein Vorgänger, der Norweger Gunnar Staalsett, der die theologische und politische Kontroverse geradezu suchte, zeichnet Noko das Bemühen um Ausgleich aus. So ist es seiner Fähigkeit zur Moderation gelungen, dass mancher Streit nicht eskalierte – etwa um die Frauenordination oder um das Thema Homosexualität. Während es in Winnipeg hierzu noch heftige Kontroversen im Plenum gab, scheint Nokos unermüdlicher diplomatischer Einsatz in Stuttgart Früchte zu tragen. Manche Beobachter meinen zwar, dass auch Zusammenhalt im LWB angesichts der genannten Reizthemen zum Zerreißen gespannt ist, doch scheint Noko so viel Vertrauen zu genießen, dass es auf dieser Vollversammlung nicht zur offenen Kontroverse kommt. Eine Lösung der Streitfragen ist indes nicht in Sicht. Dass man unter dem Dach des LWB aber zusammenbleiben will, darf man getrost als Erfolg von Nokos Anstrengungen werten. 2003 hat sich der LWB den Zusatz „eine Gemeinschaft von Kirchen“ gegeben. Der Communio-Gedanke ist im Deutschen schwer zu übersetzen, das „Bund“ bereits einen starken Zusammenhalt signalisiert. Noko ging es stets um mehr: um Verbindlichkeit, dass Entscheidungen auf Weltebene auch für die Mitgliedskirchen verpflichtend sind.

Auf ökumenischer Ebene konnte Noko 1999 die Unterzeichnung der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ mit der römisch-katholischen Kirche feiern. Das einzige Dokument zwischen Lutheranern und Katholiken, das weltweit rezipiert wurde. Und dem 2006 der Weltrat Methodistischer Kirchen beigetreten ist. Im Dialog mit den orthodoxen Kirchen gibt es zwar (noch) nichts Vergleichbares, doch ist das lutherisch-orthodoxe Dialog auf Weltebene von großem gegenseitigen Vertrauen geprägt, wie auch auf dieser Vollversammlung zu spüren war. Schließlich der vielleicht heimliche Höhepunkt der Stuttgarter Vollversammlung: die Versöhnung mit den Mennoniten bzw. den Anabaptisten (Wiedertäufer). Alle Aktivitäten tragen die Handschrift Nokos: dialogfähig, um Verständigung bemüht, Perspektiven für die Zukunft suchend.

Ishmael Noko hat eine Vorliebe für historische Anspielungen. Das hat er bei seiner Wahl zum Generalsekretär bewiesen, der als erster Schwarzer in der Geschichte des LWB diese Aufgabe übernahm, und sich nicht scheute, den abendländischen Kirchenvater Augustinus als Nordafrikaner für den schwarzen Kontinent zu reklamieren und sich selbstbewusst in dessen Tradition einzureihen. Noko hat auch ein Gespür für das Symbolische: Er wählte den Reformationstag, den 31. Oktober, als Termin für seinen Übertritt in den Ruhestand. Und er hat einen Sinn für das Visionäre: So schlug er vor Jahren vor, das Reformationsjubiläum 2017 in Jerusalem zu feiern – an dem Ort, der nicht nur für die christlichen Kirchen von zentraler Bedeutung ist, sondern neben dem Christentum auch für das Judentum und den Islam. Wie es aussieht, hat diese Perspektive aber wohl keine Aussicht auf Erfüllung.

Der Nachfolger Nokos steht schon bereit: Mit dem chilenischen Pfarrer Martin Junge setzt der LWB einerseits auf Kontinuität. Junge (48) arbeitet bereits seit 2000 für den LWB – als Sekretär für Lateinamerika und die Karibik. In seiner Person betritt der Weltbund aber auch Neuland, denn erstmals ist ein lateinamerikanischer Theologe zum Generalsekretär gewählt worden. Eine Wahl, die der Rat des LWB im Oktober 2009 bereits vornahm. Junge tritt am 1. November sein neues Amt an. Er muss den Weltbund konsolidieren und im Rahmen eines Generationenwechsels in praktisch allen Kirchen den gewachsenen Zusammenhalt festigen – bei angespannter Finanzlage. Die Aussichten, dass ihm dies gelingen könnte, sind gut. Schließlich bringt Martin Junge Qualitäten mit, die auch seinen Vorgänger bereits auszeichneten.

Hannover, 24. Juli 2010
Udo Hahn
Pressesprecher des DNK/LWB