Profit um jeden Preis – und wo bleibt der Mensch?

Tacheles am 4. Oktober aus der Marktkirche Hannover

26. September 2005

Wer auch immer die neue Regierung bilden wird - die großen emotionalen Wahlkampfthemen Arbeit, Wirtschaft und Wachstum werden nicht so schnell von der Tagesordnung verschwinden. Fünf Millionen Arbeitslose, Billiglohnkonkurrenz aus dem Osten und Produktionsverlagerungen ins Ausland stehen Rekordgewinnen und Millionengehälter für Manager gegenüber. Ist Raffgier die neue Unternehmensethik? Wo bleibt dabei der Mensch? Um diese Fragen geht es am Dienstag, den 4. Oktober, ab 19 Uhr in der hannoverschen Marktkirche bei der Kirchentalkshow Tacheles. Die Moderatoren Hanna Legatis und Pastor Jan Dieckmann freuen sich auf eine spannende Diskussion mit Erhard Eppler, Ex-Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Bascha Mika, Chefredakteurin „die tageszeitung“ (taz), Karoline Beck, Vorsitzende des Bundesverbandes Junger Unternehmer und Gert G. Wagner, Vorsitzender der Sozialkammer der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

„Der Mensch bleibt auf der Strecke, wenn ökonomisches Denken im Vordergrund steht“, sagt Bascha Mika, Chefredakteurin „die tageszeitung“ (taz). Es sei gefährlich, sich nur über Leistung zu definieren. Eine Gesellschaft sollte sich vielmehr daran messen lassen, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht. Ethische Wertvorstellungen wie Solidarität und Gemeinsinn spielen für Bascha Mika auch im Arbeitsalltag eine große Rolle. Als Chefin eines mittelständischen Betriebes steht sie selbst unter wirtschaftlichen Zwängen - die taz hat permanente Existenzprobleme. Dennoch behält die Chefin den Respekt vor ihren Mitarbeitern. Die wiederum arbeiten zum halben Tarif - plus ideelle „Sonderleistung“: journalistische Freiheit und ein hohes Maß an Mitbestimmung.

Eine Belegschaft, die freiwillig für den halben Lohn arbeitet - das gibt es in der Isoliermaterial-Firma von Karoline Beck nicht. Auch wenn für die Chefin das persönliche Gespräch mit den Angestellten zu einer verantwortungsbewussten Unternehmensführung gehört - die Bürokratie macht ihr das Leben schwer. Sie unterstützt Forderungen wie die nach Lockerung des Kündigungsschutzes, Entmachtung der Gewerkschaften und Abschaffung von Mindestlöhnen. Als Vorsitzende des Bundesverbandes Junger Unternehmer (BJU) vertritt sie rund 2000 Unternehmerinnen und Unternehmer aller Branchen im Alter bis 40 Jahre, sozusagen die Jugendgruppe des deutschen Mittelstandes, der in Wirtschaftskrisen besonders gebeutelt ist. Das FDP-Motto „Weniger Staat ist mehr“ spricht Karoline Beck aus dem Herzen.

Der Staat sei zwar unpopulär, aber unentbehrlich, hält Erhard Eppler dagegen. Der ehemalige Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, langjähriger Bundestagsabgeordnete und Vordenker von Rot-Grün argumentiert in seinem neuesten Essayband „Auslaufmodell Staat?“ gegen eine ökonomisierte Gesellschaft, in der ein abgemagerter Staat allenfalls den rechtlichen Rahmen für den Güteraustausch setzt. Gerade weil der „Turbokapitalismus“ global agiere, werde der Staat wieder wichtig. Allerdings nicht mehr auf nationaler Ebene. Der erste Schritt, so Eppler, sei ein starkes Europa mit Staatskompetenzen. Moralische Maßstäbe mag er in dieser Diskussion nicht ansetzen, denn den Einfluss der Kirchen hält er für sehr begrenzt.

Im Gegensatz zu Gert G. Wagner. Der Volkswirtschaftsprofessor an der TU Berlin fordert sogar, Kirche müsse sich einmischen. Er ist davon überzeugt, dass sie einen starken Einfluss auf das ethische Handeln der Unternehmer hat, zum Beispiel durch Veröffentlichungen. An denen wirkt Wagner als Vorsitzender der Sozialkammer der EKD mit. Der Wirtschaftsexperte meint aber auch, dass Arbeitslose eine „unterwertige Beschäftigung“ annehmen sollten: „Es ist außerhalb des Paradieses unvermeidbar, dass nicht jeder für seine ursprüngliche Qualifikation einen Arbeitgeber findet.“

Die Ausstrahlung bei Phoenix, dem Ereignis- und Dokumentationskanal von ARD und ZDF ist am Mittwoch, 5. Oktober, 17 Uhr sowie am Samstag, 8. Oktober, 22.15 Uhr.

Hannover, 26. September 2005
Pressestelle der EKD
Silke Fauzi

Mehr aktuelle Informationen finden Sie wie gewohnt unter www.tacheles.net



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