"Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht"

Auszüge aus der Predigt des Ratsvorsitzenden der EKD, Präses Manfred Kock, in der Domkirche zu Berlin

01. Januar 2002

  "Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, und das ist Christus" (Paulus, im Brief an die Gemeinde in Philippi, Kap. 4, 13

Vom Bild des Christus wird auch im kommenden Jahr Kraft und Zuversicht ausgehen.

Es ist erstaunlich, wie in den letzten Monaten ein Fragen nach der Religion anhebt. Was ist, so fragt man angesichts der Kritik an westlichen Wertvorstellungen in der Folge der Terrorakte in den USA: was ist der Grund dieser Werte? Was zeichnet den Glauben an Gott aus als Grundlage der Freiheit? Gerade aufgeklärte und dem Rationalismus verpflichtete Menschen, die meinten, mit dem "Mythos" der Glaubenstraditionen fertig zu sein, fragen neu nach der tieferen Begründung unserer Wertevorstellungen. Sie fordern, die Bilder und Symbole der religiösen Tradition nicht ersatzlos zu streichen. Der Sinngehalt religiöser Sprache solle statt dessen in die Gegenwart transformiert werden, um Menschen stark zu machen gegen das Nichts und gegen die Beliebigkeit, gegen den Fanatismus und die Unduldsamkeit. Sonst religiös Unmusikalische beschwören die Christenheit: Traut dem Ursprung eurer Botschaft wieder mehr zu! Ihr habt eine Botschaft, die eine großartige Kraft darstellt, diese schwierige Zeit zu bestehen, und die Zukunft auszuhalten.

Es ist die Person und die Botschaft von Jesus Christus, der den inhaftierten Apostel "mächtig macht", der ihm Kraft gibt trotz seiner eigenen Schwäche und Unfreiheit zu bestehen.  Diesen Christus gilt es zu erkennen. Er hilft zur richtigen Selbsteinschätzung - ob das Jahr Schweres oder Gutes beschert. Er macht uns stark, damit wir uns auch der Not der anderen Menschen öffnen können. Darum sollte zu unseren Vorsätzen für das neue Jahr gehören, wenigstens an den Stellen, wo wir es können, den Kampf gegen das Elend aufzunehmen. Das ist so leicht nicht. Allein sind wir schwach und werden schnell entmutigt. Zudem sind wir mit unserem Lebensstil in die Elendsstrukturen auch schuldhaft verwickelt.

Alle zwei Minuten stirbt ein Kind in Afrika aus Hunger und seinen Folgen. Das liegt daran, dass die Mächtigen der Welt frei sind, während die Ohnmächtigen in Abhängigkeit gefesselt bleiben. Was bewahrt Menschen davor, angesichts dieses unermesslichen Elends zu resignieren? Der Apostel Paulus bekennt: "Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht - Christus" Das heißt: Christus schenkt die Kraft, als einzelner durchzuhalten und gemeinsam mit anderen ungerechte Zustände zu verändern. Die Wiederkehr zur Quelle der Botschaft, zu Wort und Sakrament, verspricht solche Freiheit.

Mein Wunsch für das neue Jahr ist, dass sich die Menschen in unserem Land von der alten Botschaft der Bibel neu ansprechen und ihre Schwachheit in Stärke verwandeln lassen.

Hannover, den 28. Dezember 2001
Pressestelle der EKD