Kirchenleitung der VELKD trifft Papst

Grußwort des Leitenden Bischofs in der Privataudienz mit Benedikt XVI. im Wortlaut:

24. Januar 2011

Logo der EKD Ich grüße Sie im Namen der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands. Es ist uns eine große Ehre, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns zu empfangen.

In den Losungen steht heute: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28). Welch ein passender Text für diese Audienz. Schon jetzt stehen wir alle, die wir den Namen Jesu Christi tragen, unter dieser Zusage. Wir sind eins in Jesus Christus. Doch zugleich sieht unsere kirchliche Realität noch anders aus. Noch ist der Leib Christi zerteilt und die Kirchen sind uneins. Daher sind wir immer wieder dazu aufgerufen, um die Führung des Heiligen Geistes zu bitten, dass er uns schenken möge, dass diese von Gott gegebene Einheit auch für die Welt sichtbar werde.

Die VELKD sieht mit großer Dankbarkeit, dass wir den von unserem Herrn gebotenen Weg hin zur Einheit seit vielen Jahren gemeinsam mit unseren römisch-katholischen Brüdern und Schwestern gehen können. Wir blicken auf über 30 Jahre kontinuierlicher Lehrgespräche mit der römisch-katholischen Deutschen Bischofskonferenz zurück. Die regelmäßigen Begegnun¬gen haben eine vertrauensvolle Zusammenarbeit und ein gegenseitiges Verstehen geschaffen. Inzwischen hat eine neue Dialogrunde begonnen. „Gott und die Würde des Menschen“ lautet ihr Arbeitsthema. Gerade vor dem Hintergrund der virulenten Debatten in der Gesellschaft um sozial- und bioethische Fragen ist es wichtig, dass wir Kirchen uns hier unserer theologischen Gemeinsamkeiten in der Lehre vom Menschen vergewissern, aber auch bestehende Unter¬schiede offenlegen.

Als Kirchenleitung war es uns zudem wichtig, dass sich die Kommission auch mit Fragen der Hermeneutik des ökumenischen Dialogs auseinandersetzt. Denn es bereitet uns Sorge, dass wir zwar zu vielen ökumenischen Texten gekommen sind, aber deren verbindliche Rezeption in unseren Kirchen noch aussteht. Die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die dank Ihrer persönlichen Hilfe zustande kam und deren 10-jähriges Jubiläum wir 2009 in Augsburg in großer Dankbarkeit feiern konnten, hat hier einen wichtigen Weg vorwärts aufgezeigt. Unsere Generalsynode hat uns ausdrücklich mit auf den Weg gegeben, auch hier in Rom dafür zu werben, dass das Erreichte nicht in Vergessenheit gerät oder sich verflüch¬tigt, sondern vom Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen und auch der Glaubenskongre¬gation unter Einbindung der ökumenischen Partner bewahrt und weiter vorangetrieben wird.

Gerade beim Thema „Eucharistie“ sehnen sich unsere Kirchenmitglieder danach, dass die durch das ökumenische Gespräch erreichten Klärungen offiziell rezipiert werden. Daher hat unsere Generalsynode die Hoffnung bekräftigt, dass die theologischen Annäherungen in der Abendmahlslehre bald auch zu Fortschritten im praktischen Vollzug führen. Wir sind uns bewusst, dass die römisch-katholischen Lehrüberzeugungen im Amts- und Kirchenver¬ständnis im Moment nicht eine generelle eucharistische Gastfreundschaft zulassen. Das wollen wir respektieren. Doch gleichzeitig bleiben wir unserer eigenen Überzeugung treu, dass es bereits jetzt möglich und geboten ist, bei evangelisch verantworteten Abendmahls¬feiern alle getauften Christen zum Tisch des Herrn einzuladen.

Wie wir alle wissen, ist gerade für konfessionsverschiedene Ehepartner, die sich in ihren jeweiligen Kirchen aktiv engagieren und fest verwurzelt sind, der jetzige Zustand sehr schmerzhaft. Daher bitten wir Eure Heiligkeit und alle Bischofe der römisch-katholischen Kirche, die kirchenrechtlichen Vorgaben weitherzig zu interpretieren und verlässliche Absprachen für den gemeinsamen Eucharistieempfang konfessionsverbindender Ehepartner zu treffen.

Vor wenigen Wochen hat der Präsident des Lutherisches Weltbundes, Bischof Munib Younan, Sie, Eure Heiligkeit, eingeladen, bei den Planungen für das Reformationsjubiläum mitzuwirken. Dieses Anliegen können wir nur unterstützen. Auch wir wollen das Jahr 2017 nicht als triumphalistisches Jubeljahr feiern. Das wäre verfehlt. Wir Lutheraner sollten die Zeit bis 2017 vielmehr nutzen, auch die schmerzlichen Folgen der Reformation – den Bruch der Einheit der westlichen Kirche – im Blick zu halten. Wir würden uns freuen, wenn es in Ihrer Kirche zu einer erneuten Auseinandersetzung mit der Person und vor allem der Theolo¬gie Martin Luthers käme, an deren Ende eine kritisch-konstruktive Würdigung seines refor¬matorischen Wirkens aus römisch-katholischer Sicht stehen könnte.

Nach unserer Ansicht kann das Nachdenken über die Reformation nur international und ökumenisch begangen werden. In den letzten 500 Jahren hat sich – Gott sei gedankt – das Verhältnis von Katholiken und Lutheranern grundlegend gewandelt. Wir konnten tiefe Gräben zuschütten oder zumindest überbrücken. Daher hoffe ich, dass die Feiern in 2017 ein Abbild unserer gewandelten Beziehungen werden.

Auch der Luthergarten in Wittenberg, den wir im Hinblick auf das Gedenkjahr der Reforma¬tion initiiert haben, will das neue Verhältnis spiegeln. Nicht nur die lutherischen Kirchen aus der ganzen Welt sind eingeladen, einen Baum zu pflanzen, sondern auch unsere ökumeni¬schen Partner als ein Zeichen von Versöhnung und gegenseitigem Verstehen. Programmatisch wurden daher die ersten Bäume des Gartens von Vertretern der christlichen Weltgemein¬schaften gepflanzt. Wir sind dem Vatikan sehr dankbar, dass Kardinal Kasper persönlich aus diesem Anlass nach Wittenberg gekommen war. Und es hat uns mit großer Freude erfüllt, dass wir gestern an der Pflanzung des römisch-katholischen Gegenstücks durch Kardinal Koch vor der Basilika St. Paul vor den Mauern teilnehmen durften.

Morgen gedenken unsere Kirchen der Bekehrung des Apostels Paulus, jenes Apostels, dem sich die römisch-katholische Kirche auf besondere Weise verbunden weiß und der auch für uns Lutheraner von herausragender Bedeutung ist. Die biblische Geschichte seiner Bekehrung mag uns vor Augen halten, dass nur die Bereitschaft zur Umkehr, die Abkehr von eingefah¬renen Wegen und die Hinwendung zu Gott uns unserem gemeinsamen ökumenischen Ziel näher bringen werden. Nur wenn wir uns täglich in dieser Glaubenshaltung einüben, werden wir zu „auserwählten Werkzeugen“ unseres Herrn. Ich schließe mich daher den Worten des Kollektengebetes für den morgigen Tag an:

„Herr Jesus Christus. Du hast den, der Deine Gemeinde verfolgte, bekehrt und zum Lehrer vieler Völker gemacht. Hilf Deiner Kirche, dass wir durch die Botschaft des Apostels Paulus im Glauben an Dich gefestigt werden, der Du mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebst und wirkst von Ewigkeit zu Ewigkeit.“

Rom/Hannover, 24. Januar 2011

Udo Hahn
Pressesprecher der VELKD