Den Opfern ein Gesicht geben

Dokumentation zu Zwangsarbeit in Kirche und Diakonie erschienen

18. November 2005

Durch Nachforschungen, durch Entschädigungen und durch Begegnungen mit den Betroffenen setze sich die evangelische Kirche mit der Geschichte der Zwangsarbeit in kirchlichen Einrichtungen während des 2. Weltkrieges auseinander, schreiben der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, und der Präsident des Diakonischen Werkes der EKD, Jürgen Gohde, in ihrem Geleitwort zum gerade erschienenen Buch „Zwangsarbeit in Kirche und Diakonie 1939 – 1945“. Der Band präsentiert Regionaluntersuchungen und Fallstudien, die im Auftrag von kirchlichen und diakonischen Einrichtungen durchgeführt worden sind. Er leiste einerseits einen wertvollen Beitrag zur Beschreibung kirchlichen Lebens im Krieg. Andererseits diene die Rekonstruktion und Dokumentation der historischen Tatsachen auch der Rechenschaft gegenüber den Opfern. „Um den Betroffenen zumindest teilweise und wenigstens im Nachhinein Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, müssen wir ihr Schicksal in all seinen Aspekten zur Kenntnis nehmen und die Erinnerung daran wach halten.“ Die Menschen, die mit Nummern versehen worden seien, müssten in ihrer individuellen Geschichte wahrgenommen werden. „An die Stelle von Zahlen müssen Gesichter treten.“

Die Deutschen hätten über viele Jahrzehnte vergessen und verdrängt, dass Millionen Frauen und Männern durch Verschleppung aus der Heimat und Zwangsarbeit großes Unrecht angetan wurde. Auch wenn die vorliegenden Ergebnisse kein „schnelles, pauschales Urteil“ zuließen, zeige sich, „dass Zwangsarbeit nicht nur in der Diakonie, sondern auch im Bereich einer Landeskirche erhebliche Ausmaße annehmen konnte.“ Zwangsarbeit sei mit der Würde des Menschen nicht vereinbar, erklären Huber und Gohde. „Indem evangelische Einrichtungen an dem nationalsozialistischen System der Zwangsarbeit partizipierten und davon profitierten, beteiligten sie sich an einem Zwangs- und Unrechtssystem und wurden mitschuldig an den zumeist jungen Menschen, denen durch Zwang, Entmündigung und Erniedrigung Unrecht und Leid zugefügt wurden.“

Die Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass in kirchlichen und diakonischen Einrichtungen Zwangsarbeiter beschäftigt wurden, habe an zahlreichen Orten zur Wahrnehmung der Opfer wie der Täter, zu wechselseitigen Besuchen, zur Errichtung von Mahnmalen und zu ersten Schritten der Versöhnung geführt. Über die Einzahlung von zehn Millionen Mark in die Stiftung zur Entschädigung der Zwangsarbeiter hinaus seien auch andere Wege der materiellen Hilfe gefunden worden. Dabei sei vor allem der persönliche Kontakt wichtig gewesen: „Nicht selten empfanden die Betroffenen es als außerordentlich wichtig, dass Vertreter der Einrichtungen, bei denen sie im Krieg Zwangsarbeit verrichten mussten, sie aufsuchten und ihr Leiden wahrnahmen und würdigten.“

Als langfristige und in die Zukunft gerichtete Aufgabe bleibe die Versöhnung zwischen den Menschen der beteiligten Völker. „Indem wir die Erinnerung an geschehenes Unrecht wachrufen und damit Vergessenes und Verdrängtes sichtbar machen, tragen wir zu den Voraussetzungen für eine neue Partnerschaft mit den Menschen Osteuropas bei, die am meisten unter dem Unrechtssystem der Zwangsarbeit gelitten haben.“

Das Buch „Zwangsarbeit in Kirche und Diakonie 1939 – 1945“ wird herausgegeben von Jochen-Christoph Kaiser und ist im Kohlhammer Verlag erschienen. Es ist erhältlich unter der ISBN-Nummer 3-17-018347-8 und kostet 22 Euro.

Hannover, 18. November 2005

Pressestelle der EKD
Silke Fauzi



erweiterte Suche

 

Themenliste



Das könnte Sie auch interessieren...