Bildung ist mehr als Wissensvermittlung

Leitender Bischof der VELKD unterstreicht Bedeutung des Religionsunterrichts

05. November 2010

Logo der EKD Das Bild der Bedeutung von Religion in der Gesellschaft hat sich nach Auffassung des Leitenden Bischofs der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Landesbischof Dr. Johannes Friedrich (München), „enorm verändert“. Dies habe in starkem Maße mit der sehr begrüßenswerten Integrationsdebatte zu tun, die den Blick verstärkt auf den Islam und seine rechtliche Stellung in Deutschland lenke. Hier sei noch ein weiter Weg zu gehen, sagte Friedrich in seinem Bericht vor der Generalsynode. Die Frage nach der Bedeutung des Islam für unsere Kultur und auch im Bezug auf den christlichen Glauben stehe im Raum. Ihr müsse man sich stellen. Auch das Verhältnis von Staat und Kirche sei Thema. Dabei falle auf, dass die besondere Rolle der Kirchen längst nicht mehr unhinterfragt sei. Das beginne bei den Kreuzen in öffentlichen Räumen und ende noch lange nicht bei der wissenschaftlichen Theologie an den staatlichen Universitäten oder dem Kirchensteuersystem. Er vertrete die Auffassung, „dass wir alle miteinander hier viel offensiver und deutlicher reagieren müssen.“ Er sei empört, dass in den Medien immer wieder der Eindruck erweckt werde, als gebe es Staatsleistungen nur an Kirchen und dass staatliche Leistungen für im Rahmen des Subsidiaritätssystems erbrachte Leistungen wie ungerechtfertigte Zahlungen an Religionsgemeinschaften dargestellt würden. Staatsleistungen gebe es beispielsweise auch für jeden Opernbesucher, für Besucher einer Fußball-Weltmeisterschaft oder einer Olympiade, für Sportvereine und für Parteienstiftungen. „Denn sie alle leisten für die Gesellschaft wichtige Arbeit – wie die Kirchen“, so Friedrich.

Ausführlich ging der Leitende Bischof in seinem Bericht auf das Thema „Bildung“ ein: „Bildung, auch Schulbildung, muss den ganzen Menschen im Blick haben und ist deswegen immer mehr als Wissensvermittlung.“ Bildung dürfe nicht in der Weise verzweckt werden, dass sie letztlich nur dazu diene, Menschen für Wirtschaft und Industrie passend zu machen. Zur Bildung gehörten auch Musik, Kunst, die Liebe zur Natur sowie der Religionsunterricht. „Mit Sorge“ sei zu beobachten, dass angesichts der Veränderungen im Zuge der Einführung der achtjährigen Gymnasialzeit in den alten Bundesländern gerade im künstlerischen und affektiven Bereich „sehr schnell gestrichen wurde und gerade die Plausibilität des Religionsunterrichts angesichts der sonstigen Stofffülle immer wieder in Frage steht“. Johannes Friedrich wörtlich: „Hier müssen wir wachsam sein und unverdrossen den Wert des Religionsunterrichts in der Öffentlichkeit vertreten.“ Der Staat sei gut beraten, wenn er dafür Sorge trage, dass Kinder ganzheitlich gebildet würden, also auch im religiösen Bereich durch die im Staat vertretenen Religionen – gerade im Sinne der positiven Religionsfreiheit. Die Alternative, dass der Staat selbst einen weltanschaulichen Unterricht verantworte, könne niemandem gefallen. Dann seien die Einflussmöglichkeiten des Staates auf Kinder „viel zu hoch“. Der Marxismus-Leninismus-Unterricht in der DDR sei dafür nur ein abschreckendes Beispiel.

Der Leitende Bischof würdigte in seinem Bericht die Bedeutung evangelischer Schulen, die sich „zunehmender Beliebtheit erfreuen“. Ein Grund liege sicherlich darin, dass bei kirchlichen Schulen der Gedanke im Vordergrund stehe, den ganzen Menschen mit seinen Gaben und Eigenheiten im Blick zu haben. Hinzu komme das bewusste Einüben von sozialem Verhalten, die Ermutigung zu sozialem Engagement und die Förderung musischer Interessen. Dahinter stehe ein klares Bekenntnis zu christlichen Werten und zu einem evangelischen Profil. Dass auch in Kindergärten, Kinderkrippen und Kindertagesstätten der Aspekt der Bildung stärker im Blick sei, wertete Friedrich positiv. Dabei dürfe es aber nicht um die Anhäufung von Kenntnissen und Lerninhalten schon im Kleinkindalter gehen. Vielmehr gehe es darum, so früh wie möglich eigene Begabungen zu erkennen und diese zu fördern. Eine zu frühe Konzentration auf Lerninhalte und abprüfbares Wissen würde dem einzelnen Kind und seinen Begabungen nicht gerecht.

Über den eigenen Glauben Auskunft geben zu können – vor dem Hintergrund dieser Herausforderung habe die VELKD zahlreiche Bildungsangebote entwickelt, etwa das Gemeindekolleg in Neudietendorf bei Erfurt, das Liturgiewissenschaftliche Institut in Leipzig und das Theologische Studienseminar in Pullach bei München. Als „Beitrag zur religiösen Bildung und zu einem Orientierungswissen, das aus dem christlichen Glauben schöpfen kann“, verstehe er den Evangelischen Erwachsenenkatechismus (EEK), der erst vor wenigen Tagen in 8., neu bearbeiteter und ergänzter Auflage im Gütersloher Verlagshaus erschienen sei.

Vor der Generalsynode hat sich der Leitende Bischof dafür ausgesprochen, dass es „in absehbarer Zeit“ zu einem 3. Ökumenischen Kirchentag kommt. „Mir erscheint dabei das Datum 2017 mehr als passend, weil wir davon ausgehen, dass sich die Reformation an die ganze Kirche gerichtet hat. Deshalb sollen die Vorbereitung und die Gestaltung der Jubiläums-Feierlichkeiten nicht im Alleingang, sondern soweit möglich, gemeinsam mit den anderen Kirchen, insbesondere mit der römisch-katholischen abgestimmt werden. Es ist mir ganz wichtig, dass nicht der Eindruck aufkommt, wir wollten dieses Jubiläum gegen die katholische Kirche feiern. Wir wollen es mit ihr zusammen feiern.“ Die Bereitschaft hierzu sei „nicht Ausdruck eines schwachen, sondern gerade eines starken reformatorischen Selbstbewusstseins. Wir sind so selbstbewusst, weil wir unser Selbstbewusstsein nicht der Gegnerschaft zu Rom verdanken, sondern dem Versuch, dem nachzufolgen, was unser Herr Jesus Christus von uns will.“

Hannover, 05. November 2010

Udo Hahn
Pressesprecher der VELKD