„Ein Haus aus lebendigen Steinen“

Ratsbericht: Nikolaus Schneider vor der 11. EKD-Synode in Magdeburg

06. November 2011

Logo der EKD Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, hat am heutigen Sonntag vor der Synode der EKD in Magdeburg den mündlichen Ratsbericht eingebracht. Schneider stellte seinen Bericht unter das biblische Wort „Ein Haus aus lebendigen Steinen“ in Anlehnung an das zweite Kapitel des Ersten Petrusbriefes. Dort heißt es:

„Zu ihm (Jesus Christus) kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus." (1. Petrus 2, 4-5)

Schneider charakterisierte die Evangelische Kirche in Deutschland als ein „offenes und missionarisches Haus“. Weil die Kirche darauf vertraue, dass Gottes Geist sie leite und bewege, habe sie „den Mut zu Reformen, den Mut umzubauen, hinderliche Mauern und Wände abzureißen und neue Räume zu entwerfen und zu bewohnen“. Schneider räumte ein, dass es in der Kirche auch „eine prinzipielle Zurückhaltung gegenüber notwendigen Veränderungen“ gebe. Dennoch bekräftigte der Ratsvorsitzende „angesichts einer spürbaren Reformmüdigkeit“ gleichzeitig eine „wachsende Reformnotwendigkeit“.

Ausführlich würdigte Schneider die Begegnung der evangelischen Kirche am 23. September 2011 mit Papst Benedikt XVI. in Erfurt. Der Papst selbst habe einen „starken ökumenischen Akzent gesetzt, indem er 500 Jahre nach Martin Luthers Romreise gleichsam einen „Gegenbesuch“ im Erfurter Augustinerkloster in Erfurt abgestattet habe und als erster Papst einen ökumenischen Gottesdienst an einem zentralen Ort des Luther-Gedenkens gefeiert habe. In der nichtöffentlichen Begegnung der Delegationen habe der Papst ausdrücklich „die lebenslange Suche Martin Luthers nach einem gnädigen Gott und damit dessen reformatorische Fragestellung“ gewürdigt.

Die Predigt des Papstes im öffentlichen Gottesdienst hingegen, habe einen ganz anderen Ton gehabt: „Brennende Fragen des ökumenischen Dialogs wurden gar nicht oder nur missverstehend und missverständlich angesprochen“, so Schneider. Konkrete und ermutigende Anstöße für die ökumenisch-theologische Weiterarbeit in den Fragen des Amts- und des Kirchenverständnisses seien ausgeblieben. Positiv bleibe festzuhalten, dass der Besuch Papst Benedikts XVI. eine „theologische Grundtonart“ gehabt habe, der auch evangelische Christenmenschen gerne zustimmen könnten, nämlich "‘Vergesst Gott nicht!‘ Sucht ihn so innig und intensiv, wie seinerzeit Martin Luther ihn mit der Frage nach dem gnädigen Gott gesucht hat.“

Die Gottesfrage sei die „Kernfrage reformatorischen Glaubens“, so Schneider, aber: „Für die Evangelische Kirche in Deutschland ist es unverzichtbar, mit den Menschen nach Gott zu fragen, nicht an ihnen vorbei oder gar ohne sie. Und mit den Menschen – mit Frauen und Männern, mit Laien und Theologen, mit Bischöfinnen und Synoden – nach konkreten Antworten auf Gottes Wort in der Welt zu suchen.“
Schneider plädierte dafür, die „Ökumene der Profile" zu einer „Ökumene der Gaben" fortzuentwickeln, so dass die jeweiligen Profile als „Ergänzungen und Bereicherungen“ verstanden würden – und nicht als „Abgrenzungen oder Identitätsstärkungen zu Lasten des anderen.“ Ausdrücklich lud Schneider die „römisch-katholischen Geschwister“ ein, das Reformationsjubiläum 2017 mitzufeiern. Es sei im Kern ein Christusjubiläum, denn die Umkehr zu Christus als Grund allen Glaubens sei das zentrale Anliegen der Reformation gewesen.

Weiter sagte Schneider, die Kirche habe die Aufgabe, sich zu öffnen und „missionarisch nach außen zu wirken.“ Gleichzeitig aber müsse die Kirche auch „bergende Zufluchtsorte und Schutzräume“ für weltweit verfolgte und bedrängte Christenmenschen bauen. Schneider: „Deshalb beten und bitten wir für verfolgte Glaubensgeschwister etwa in Ägypten, Nordkorea, Indonesien und vielen anderen Ländern. Deshalb suchen wir in ökumenischer Verbundenheit nach Wegen und nach Räumen, sie zu schützen.“

Der Ratsvorsitzende würdigte den Ausstiegsbeschluss der Bundesregierung aus der Nutzung der Kernenergie, erinnerte aber nachdrücklich daran, dass die Frage „wo und wie die radioaktiven Abfälle sicher endgelagert“ werden könnten noch ungelöst sei. Die Endlagerung sei aber eine „Ewigkeitslast“, und dieser „nationalen Aufgabe“ müsse sich Deutschland jetzt stellen und dürfe sich nicht durch Export der Abfälle ins Ausland „freikaufen“.

Die gegenwärtige Krise der Finanzwirtschaft und die Staatsschulden drohen die „Stabilität ganzer Staaten“ zu zerstören, so Schneider weiter. Damit gerate auch die Existenzgrundlage vieler Menschen in Gefahr. Von den Auswirkungen der Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise seien weltweit die Armen am stärksten betroffen. Deshalb sei eine Politik nötig, die Finanzakteure so zügele und Finanzstrukturen so steuere, dass sie nicht der „Bereicherung Einzelner“, sondern dem „Leben vieler Menschen“ dienten.

In diesem Zusammenhang bekräftigte der Ratsvorsitzende, dass die politische und wirtschaftliche Einigung Europas als „Friedensprojekt“ zu verstehen sei, das vorangetrieben werden müsse. Die dramatischen Entwicklungen dieser Tage hätten Schwächen der Europäischen Union offenbar werden lassen. So werde mehr und mehr deutlich, dass eine gemeinsame Währung eine „einheitliche Finanz- und Wirtschaftspolitik“ nach sich ziehen müsse. In diesem Zusammenhang warnte Schneider vor einem „Demokratiedefizit“, bekräftigte aber, dass die gegenwärtige Krise der EU auch Chancen berge, Fehler zu korrigieren, auf dass die Gründungsvision Europas als ein „umfassenden Friedensprojektes“ bewahrt und realisiert werden könne.

Der persönliche Einsatz der verantwortlichen Politikerinnen und Politiker Europas im Krisenmanagement, so Schneider, verdiene „einen ebenso fairen wie kritischen Respekt und bedürfe der Fürbitte unserer Gemeinden“.

Magdeburg, 06. November 2011

Pressestelle der EKD
Reinhard Mawick