Nachdenken über das christliche Gottesverständnis

UEK-Vollkonferenz 2010 mit theologischem Schwerpunkt

10. November 2010

Logo der EKD Ein theologisches Thema steht im Mittelpunkt der diesjährigen Vollkonferenz der Union Evangelischer Kirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland (UEK) in Hannover: Die Delegierten beschäftigen sich im Plenum und in Gesprächsgruppen mit einem Votum des Theologischen Ausschusses zum christlichen Gottesverständnis. „Mit Gott reden – von Gott reden. Das Personsein des dreieinigen Gottes“, so lautet der Titel der Stellungnahme, die im Januar 2011 auch als Taschenbuch erscheinen soll.

UEK-Vorsitzender Ulrich Fischer räumt ein, dass die Themenformulierung beim ersten Hören für manchen „abständig und speziell“ klingen könne; sie berühre aber „das Innerste der christlichen Verkündigung und unseres geistlichen Lebens“. Ähnlich der Vorsitzende des Theologischen Ausschusses, Professor Michael Beintker aus Münster: Bei der Frage nach der Personalität Gottes handele es sich um eines der anspruchsvollsten Probleme der christlichen Lehre von Gott; allerdings hänge am Verständnis Gottes als Person nicht weniger als „die Identität des christlichen Glaubens“.

Eine personale Vorstellung von Gott wurde schon in der Antike in Zweifel gezogen; die Philosophie sprach von Gott lieber abstrakt als dem „höchsten Sein“ oder dem schlechthin Guten und Wahren. Seit der Zeit der Aufklärung wurde ein personales Gottesverständnis zudem oft als bloße "Projektion" menschlicher Vorstellungen auf Gott verdächtigt. In der Gegenwart werden auch in Theologie und Kirche Stimmen laut, die eine bewusste Abkehr von solchen vermeintlich „überholten“ Gottesbildern fordern. Dem religiösen Empfinden heutiger Menschen, aber auch dem Interesse einer interreligiösen Verständigung entspräche die Hinwendung zu einer unpersonalen göttlichen „Macht“ oder auch zu „überirdischen Kräften“, so ist zuweilen zu hören.

Anhand zahlreicher Beispiele aus der biblischen Überlieferung zeigt das Votum des Theologischen Ausschusses, dass Gott zwar vielfach durch menschliche Züge charakterisiert wird, dass die Bibel dabei gleichwohl die Unverfügbarkeit Gottes und die Unantastbarkeit seines Geheimnisses wahrt. „Gott handelt, Gott redet, Gott liebt und zürnt, er erwählt und verwirft, er hört und sieht. Gott ist ein Du. Er hat einen Namen, bei dem man ihn rufen kann. Aber diese menschlichen Züge werden immer als Hinweise auf Gottes Zuwendung verstanden“, so erläutert Michael Beintker.

Das Votum des Theologischen Ausschusses erklärt den „metaphorischen“ Charakter der personalen Gottesrede: Metaphern („Über-Tragungen“) verknüpfen grundlegende Momente der menschlichen Erfahrungswelt mit dem Geheimnis Gottes. Sie bringen Gott zur Sprache, indem sie seiner Bewegung in die menschliche Sprach- und Erfahrungswelt folgen, die sich in Jesus Christus vollendet. Dabei rücken die prägnanten Merkmale seines Gott-Seins in den Blick: seine Liebe, seine Barmherzigkeit, seine Gerechtigkeit, seine Gnade. Eine Verkündigung, die auf personale Metaphern für Gott verzichten wollte, könnte nicht mehr auszusagen, wer Gott für uns ist. „Eine unpersönliche Kraft ist stumm und kennt kein Erbarmen“, so Beintker.

Die Charakteristika christlicher personaler Rede von Gott verdichten sich im Vaterunser, wie das theologische Votum zeigt: Wenn Menschen Gott als „Vater“ anreden, sprechen sie ihn mit einem Bildwort aus ihrer Erfahrungswelt an. Der Vater kommt ihnen als seinen „Kindern“ nahe. Wer das Vaterunser betet, darf sich deshalb in der Nähe des göttlichen Vaters wissen. Indem er Gott aber um die Heiligung seines Namens bittet, wird ihm zugleich bewusst, dass Gott mit seinen Möglichkeiten mehr ist und mehr zu tun vermag, als aufgrund menschlicher Erfahrungen von Vaterschaft zu ermessen ist. Er bleibt freilich auch niemals hinter dem zurück, was uns berechtigt, ihn Vater zu nennen.

Im theologischen Zentrum des Votums steht die Darlegung, dass und wie die personale Rede von Gott im Geheimnis seiner Dreieinigkeit gründet. Eine genaue Betrachtung dieser klassischen Formel der Dogmatik führt zu dem Ergebnis, dass der eine personale Gott in drei personal ausgerichteten Formen der Zuwendung begegnet: Gott begegnet als Schöpfer der Welt und des Menschen. Er begegnet im Menschen Jesus Christus und in der Verheißungsgeschichte Israels, um die Menschheit von der Macht des Bösen zu befreien und einen neuen Anfang mit ihr zu machen. Und er begegnet als immer neu gegenwärtig wirkender Gott, der bei Menschen in der Kraft seines Geistes Glauben weckt und sie zu einem Leben in Liebe und in Hoffnung frei macht.

Dies führt den Theologischen Ausschuss zu der These: „Es ist nicht an dem, dass wir unsere Vorstellungen vom Personsein auf Gott übertragen. Es ist genau umgekehrt: Unser menschliches Personsein gründet im Personsein Gottes.“ Gottes Personsein ist von innigster Kommunikation erfüllt und bewegt. So ist er im Blick auf uns der „Immanuel“, der Mit-uns-Gott. Sein göttliches Personsein ist Mitsein. Und unser menschliches Personsein kommt darin zu seiner Erfüllung, dass es ebenfalls als Mitsein sein kann. Einer Welt, in der das Personsein wesentlich über soziokulturelle Faktoren und individuelle Lebensleistungen definiert und damit ständig – gefährdet wird, schuldet die christliche Kirche die Zusage, dass die jedem Menschen zukommende Würde im Anruf Gottes gründet: „Du bist mein und ich bin Gott für Dich“.

Hannover, 09. November  2010

Pressestelle der EKD und der UEK
Reinhard Mawick