EKD-Auslandsbischof: „Versöhnungsschritte in Korea nötig“

Nationaler Rat der Kirchen warnt vor militärischer Eskalation

29. November 2010

Logo der EKD Angesichts der angespannten Lage in Korea, haben sich die evangelischen Kirchen Südkoreas gegen die Durchführung gemeinsamer Seemanöver südkoreanischer und US-amerikanischer Einheiten vor der Küste Nordkoreas gewandt.

In der Erklärung des Nationalen Rates der Kirchen in Korea (NCCK) warnten die Kirchen vor einer militärischen Eskalation und riefen die Regierungen dazu auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und die Krise mit diplomatischen Mitteln zu überwinden. Die Erklärung fordert eine Rückkehr der südkoreanischen Regierung zur Entspannungspolitik. Die harte Linie der gegenwärtigen Regierung gegenüber Nordkorea habe die Gefahr eines Krieges erhöht. Der Nationale Rat der Kirchen in Korea ist der Zusammenschluss der wichtigsten evangelischen Kirchen Südkoreas, die etwa 20 Prozent der Bevölkerung umfassen.

Für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) begrüßte Auslandsbischof Martin Schindehütte den Aufruf der koreanischen Mitchristen zur Mäßigung. Die EKD unterstütze die Forderung der koreanischen Kirchen nach einem Friedensvertrag, der den seit 1950 andauernden Kriegszustand auf der koreanischen Halbinsel beenden müsse. Bisher sei beispielsweise die Grenzziehung im Seegebiet zwischen China, Nord- und Südkorea umstritten. Immer wieder käme es zu gefährlichen Provokationen, die jederzeit außer Kontrolle geraten könnten.

Bischof Schindehütte erinnerte daran, dass der Rat der EKD im September 2009 sowohl Nord- als auch Südkorea besucht habe. Zwanzig Jahre nach der Öffnung der Berliner Mauer habe man auf „die gespenstische Situation an der innerkoreanischen Grenze“ hinweisen wollen, die „nach mutigen Schritten der Versöhnung ruft“.

Die mit den koreanischen Kirchen partnerschaftlich verbundenen evangelischen Kirchen und Missionswerke in Deutschland haben angesichts der bedrohlichen Situation zu Friedensgebeten aufgerufen.

Hannover, 29. November 2010

Pressestelle der EKD
Reinhard Mawick

Ostasienkommission und südkoreanische Frauenverbände kritisieren Eskalation in Südkorea


Die Erklärung im Wortlaut:

ERKLÄRUNG

Nationaler Kirchenrat von Korea (NCCK)

Zwischenfall auf der Insel Yeonpyeong: Aufruf zum Gebet

Nur Monate nach dem Untergang des südkoreanischen Kriegsschiffes Choenan ist der zerbrechliche Frieden entlang der Grenze zwischen den zwei Koreas schon wieder gebrochen worden. Der Artilleriebeschuss auf Yeonpyeong am 23. November hat zwei Zivilisten und zwei Marinesoldaten das Leben gekostet. 18 Menschen wurden verletzt, einige Häuser zerstört. Die kleine Insel liegt nur elf Kilometer vor der nordkoreanischen Grenze und ist 80 Kilometer von der dicht besiedelten südkoreanischen Hafenstadt Inchon entfernt. Die Kampfhandlungen und die Massenflucht von der Insel, deren Bewohner vom Fischfang leben und auf der Militärbasen stationiert sind, erinnern nur allzu sehr an den Koreakrieg, der dem koreanischen Volk unvergessenes Leid brachte. Der Nationale Kirchenrat von Korea trauert mit den Überlebenden und den Familien derer, denen so sinnlos ihr Leben genommen wurde. Er verurteilt das nordkoreanische Militär, das starke Waffen gegen Zivilisten anwandte und so den schwersten Zwischenfall seit dem Waffenstillstand von 1953 verursachte.

Wieder leben die Halbinsel und ihre Bevölkerung in Angst vor einer Eskalation ideologisch begründeter Gewalt. In der Erklärung des NCCK zu Frieden und Gerechtigkeit der Inchon-Konsultation von 1988 hieß es, unser Land stünde am Scheitelpunkt des hegemonialen Wettbewerbs, und diplomatisch wie militärisch würde mit dem Feuer gespielt. Erneut werden wir im Süden daran erinnert, wie zerbrechlich unser boomender Wohlstand ist und wie weit im Gegensatz dazu die Armut im Norden verbreitet ist. Und ein weiteres Mal ereignet sich dieser Zwischenfall im Zusammenhang mit gemeinsamen Militärübungen der US-amerikanischen und südamerikanischen Marine und „Kriegsspielen“ auf der Halbinsel. Der NCCK ruft die Regierungen Südkoreas, der USA und Japans auf, von einer Verstärkung dieser gemeinsamen Militärübungen unter dem Dach der jeweiligen „Sicherheitsbündnisse“ der USA abzusehen, weil sie anscheinend die heftige Reaktion Nordkoreas provoziert haben.

Wie wir in der Vergangenheit so oft wiederholt haben, dient dieses politische und militärische Spiel mit dem Feuer keinem anderen Zweck, als die Spannungen in Korea eskalieren zu lassen und den Frieden in ganz Nordostasien zu bedrohen. Die in großer Zahl vorhandenen Atomwaffen zu Land und auf den umliegenden Meeren machen Korea zu einem Pulverfass, das den Frieden der ganzen Welt bedroht.

Deswegen rufen wir die ökumenische Familie auf, für Frieden in unserem Land zu beten und alle Regierungen zu drängen, Vorsicht walten zu lassen, die politische Atmosphäre nicht weiter aufzuheizen und sich soweit es geht zurückzuhalten, sodass Vernunft und Diplomatie über eigennützige militärische, strategische und politische Interessen die Oberhand behalten. Die grundlegenden Interessen der Menschen müssen gewahrt werden: gegenseitiger Respekt und Frieden und Gerechtigkeit für alle.

Wir appellieren außerdem an alle Nationen, jeglichen Versuch zurückzuweisen, Korea zum diplomatischen Spielball zu machen und dadurch Menschenleben aufs Spiel zu setzen und das Wohlergehen des Volkes zu ignorieren.

Seit nahezu drei Jahrzehnten setzen sich der NCCK und die weltweite ökumenische Gemeinschaft gemeinsam für diese Ziele ein. Nach und nach haben wir Brücken gebaut und regelmäßigen, produktiven Kontakt zum Koreanischen Christenbund (KCF) im Norden hergestellt. Durch den Ökumenischen Rat der Kirchen haben wir mit der weltweiten Gemeinschaft christlicher Kirchen gemeinsam für Frieden und Wiedervereinigung der beiden Staaten gebetet. Wir haben versucht, ein Beispiel zu geben, dem Regierungen, Politiker und Diplomaten folgen sollen, und wir haben uns über den Erfolg der zwei Koreagipfel gefreut: vom 13.-15. Juni 2000 zwischen Präsident Kim Dae-Jung und dem Vorsitzenden Kim Jong Il und vom 2.-4. Oktober 2007 zwischen Präsident Roh Moon-Hyun und dem Vorsitzenden Kim Jong Il. Wir sind überzeugt, dass sie für beide Seiten eine gute Grundlage und einen Rahmen bieten, um zusammen an einer gemeinsamen Zukunft zu arbeiten.

Am 15. August dieses Jahres haben der NCCK, der KCF und Kirchen in anderen Teilen der Welt gleichzeitig unter anderem mit folgenden Worten für Frieden in Korea und für die Wiedervereinigung gebetet: „Wir beten, dass Misstrauen und Konfrontation zwischen Nord und Süd aufhören mögen und durch Versöhnung, Zusammenarbeit und Austausch gegenseitiges Vertrauen aufgebaut werde. Die Wiedervereinigungsstimmung, die wir am 15. Juni alle genossen haben, soll in voller Blüte wiederbelebt werden, und die warme Atmosphäre der Wiedervereinigung soll die ganze Halbinsel durchziehen“.

Angesichts der gegenwärtigen Spannungen weist der NCCK auf folgende wichtige Verpflichtungen der auf dem Gipfel im Oktober 2007 unterzeichneten Friedenserklärung hin:

  1. Süd- und Nordkorea verpflichteten sich, auf gegenseitigen Respekt und gegenseitiges Vertrauen hinzuarbeiten, um ideologische und systembedingte Differenzen zu überwinden.
  2. Süd- und Nordkorea verpflichteten sich, militärische Spannungen zu entschärfen und zu diesem Zweck im November in Pyöngyang Ministergespräche zu den Themen Verteidigung und wirtschaftliche Zusammenarbeit stattfinden zu lassen.
  3. Beide Seiten waren sich einig, dass der gegenwärtige Waffenstillstand beibehalten und ein dauerhafter Frieden geschaffen werden müsse.
  4. Beide Seiten einigten sich auf die Einrichtung einer Friedenszone rund um Haeju in Nordkorea und umliegende Gebiete.
  5. Süd- und Nordkorea verpflichteten sich, humanitäre Kooperation und die Ausweitung der Familienzusammenführung zu fördern.

Die tragischen Ereignisse der letzten Tage unterstreichen die Bedeutung dieses Vorgehens. Wir drängen die Parteien der unterbrochenen Sechs-Parteien-Gespräche, denselben Weg zu gehen, nicht weiter bestehende Unterschiede und Differenzen zu ihrem Vorteil zu nutzen und stattdessen das Wohlergehen der Menschen in den Mittelpunkt zu rücken. Die Situation darf nicht weiter eskalieren, und jegliche militärische Handlungen oder Vergeltungsschläge müssen vermieden werden. Wir rufen alle unsere Partner auf, für Frieden auf der koreanischen Halbinsel zu beten. Wir würden es begrüßen, wenn unsere Partnerräte und ökumenische Organisationen uns unterstützen und ihre Regierungen drängen könnten, gemeinsam an der Bewältigung dieser gefährlichen Krise durch Diplomatie und friedliche Mittel zu arbeiten.

Der Ökumenische Rat der Kirchen hat wiederholt bekräftigt, dass die Zukunft der koreanischen Halbinsel letztlich vom koreanischen Volk bestimmt werden muss. Wir werden dieser Berufung trotz aller Probleme und Hindernisse nachkommen, weil wir überzeugt sind, dass wir auf Gott vertrauen können und er große Dinge für unser Land tun wird. Wir sind zutiefst dankbar für die Solidarität, Gebete und Unterstützung der Kirchen der ganzen Welt. Wir danken Gott dafür.

Seoul, 26. November 2010