„Armut und Scham“

Sozialwissenschaftliches Institut der EKD stellt Studie zur Armut auf dem Land vor

22. Februar 2010

Logo der EKD Das Sozialwissenschaftliche Institut (SI) der Evangelischen Kirche der Deutschland (EKD) präsentiert am morgigen Dienstag die Ergebnisse der Studie „Armut in ländlichen Räumen“ Außerdem beginnt eine vom Si veranstaltete Tagung unter dem Titel „Das Ende der Idylle?“ in der Evangelischen Akademie Loccum, auf der Vertreter der Kirchen, der Diakonie und der Politik Handlungsoptionen zum Thema „Armut im ländlichen Raum“ diskutieren. Dazu Institutsdirektor Professor Gerhard Wegner: „Von Armut bedrohte Menschen in ländlichen Regionen müssen teilhaben können an gesellschaftlichen Prozessen.“ Bei der Studie handelt es sich um eine qualitative Untersuchung, Kooperationspartner sind die Ev.-luth. Landeskirche Hannovers und das Diakonische Werk der hannoverschen Landeskirche.

Diakoniewissenschaftlerin Marlis Winkler und Pastorin Anna Küster befragten für die Studie Sozialarbeiterinnen, Pastoren, Kirchenvorsteher und interviewten 30 Frauen und Männer, die mit sehr wenig Geld auskommen müssen. Die Gespräche mit den 19- bis 78-jährigen fanden in den Landkreisen Aurich, Cuxhaven, Lüchow-Dannenberg, Nienburg und Uelzen statt. Das Sozialwissenschaftliche Institut veröffentlichte bereits 2007 eine Studie zur städtischen Armut – am Beispiel von Hamburg-Wilhelmsburg. „In vielen Punkten gibt es Ähnlichkeiten zwischen Stadt und Land“, berichtete SI-Projektleiterin Marlis Winkler und nennt als Beispiel das Thema Schulden, die Arbeitslosigkeit, Suchtproblematik und das Gefühl, von der Gesellschaft ausgegrenzt zu sein. Auffällig für den ländlichen Raum sei, so Winkler, dass von Armut bedrohte Menschen nicht als arm identifiziert werden wollen. „Sie tun sehr viel, um den Mangel zu verbergen. Aus Scham werden Hilfsangebote nicht genutzt oder Ansprüche gar nicht geltend gemacht.“

Knapp 16 Prozent der Bevölkerung in Deutschland gelten als arm beziehungsweise als von Armut bedroht. Ein Teil von ihnen lebt auf dem Land. Über sie ist bislang wenig geforscht worden. In der Studie des SI kommen Hartz IV-Bezieher, Alleinerziehende, Familien und Alleinlebende ausführlich zu Wort. „Es ist mir wahnsinnig schwer gefallen, zur Tafel zu gehen. Ich habe mich jedes Mal umgesehen, ob da keiner ist, der mich sieht“, gesteht Sibylle (63). Die Mutter von zwei erwachsenen Kindern fühlt sich als Asoziale, wenn sie sich Lebensmittel bei der Tafel abholt. Für Britta (30) ist es auf dem Land schlimmer als in der Stadt, „hier weiß jeder von jedem, was für eine Unterhose er trägt.“ Die soziale Kontrolle wird als belastend erlebt. Ben (29) beobachtet, dass „normale Leute, die nicht Hartz-IV beziehen, Abstand halten“.  Das Gefühl „du bist nichts mehr wert“ grenzt aus und wirkt lähmend. Einige der Befragten fühlen sich ausgeschlossen aus der Dorfgemeinschaft und „wie ein Aussätziger“ behandelt. Cordula (44), alleinerziehende Mutter von drei Kindern, nennt als Erklärung mehrere Punkte: sie ist nicht im Schützenverein, wohnt in einem unverputzten Haus und geht selten in die Kirche. Ausgegrenzt und abgehängt – so bringen die Befragten ihre Situation auf den Punkt. Vor allem die schlechte Infrastruktur und unzureichende Bus- und Bahnverbindungen erschweren den Alltag. Wer ins Krankenhaus muss, bekommt oft keinen Besuch. Die Fahrt zum Arzt, zur Schule und zum Einkaufszentrum kostet Geld und vor allem viel Zeit. Sven (24) brauchte für einen Vorstellungstermin in der Stadt allein sieben Stunden Reisezeit. Ein Leben ohne Auto bedeutet in abgelegenen Regionen weniger Chancen, Bildungs- und Kulturangebote können nicht oder nur selten genutzt werden.

„Die von Armut bedrohten Menschen auf dem Land haben klare Vorstellungen, wie ihre Situation sich verbessern kann“, sagt Projektleiterin Marlis Winkler. Mütter wünschen sich Nachhilfeangebote von Kirchengemeinden, Fahrdienste in der Ferienzeit und Musikunterricht.  „Kirche könnte auch mal einen Sportverein übernehmen oder einen Turnanzug sponsern“, meint Andrea (42), verheiratet, drei Kinder. Arbeitslose plädieren für Minikredite und für eine bessere Zusammenarbeit von Ämtern und freien Trägern, um die Jobsuche zu erleichtern. An Ideen mangelt es nicht. SI-Projektmitarbeiterin Anna Küster wird sich im Raum Lüchow-Dannenberg weiterhin mit dem Thema Armut beschäftigen. Die Projektergebnisse erscheinen in Kürze als Buch in der Reihe „Protestantische Impulse für
Gesellschaft und Kirche“ im LIT-Verlag.

22. Februar 2010

Pressestelle der EKD
Reinhard Mawick

Weitere Informationen und etwaige Rückfragen bitte an:

Sozialwissenschaftliches Institut der EKD
Marlis Winkler und Renate Giesler
0511 / 554741-0
www.si-ekd.de