„Besinnung auf ethische Maßstäbe“

Vertreter der Kirchen und der Rabbinerkonferenzen trafen sich anlässlich der „Woche der Brüderlichkeit“ in Augsburg

08. März 2010

Logo der EKD Anlässlich der diesjährigen Woche der Brüderlichkeit sind heute Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz, des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Allgemeinen Rabbinerkonferenz und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz in Augsburg zu einem Meinungsaustausch zusammengekommen. Unter dem Leitwort der Woche der Brüderlichkeit „Verlorene Maßstäbe“ diskutierten die Teilnehmer die aktuellen Herausforderungen durch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise. Aus jüdischer und christlicher Sicht wurden die theologischen Prinzipien des menschlichen Zusammenlebens besprochen. Die Dialogpartner mahnten angesichts der jüngsten Erfahrungen zur Besinnung auf die ethischen Maßstäbe politischen und wirtschaftlichen Handelns, die untrennbar mit dem jüdischen und christlichen Glauben verbunden sind. In der Wirtschaftskrise sei der Verlust dieser Maßstäbe in schmerzlicher Weise erfahren worden.

Der Vorsitzende der Unterkommission der Deutschen Bischofskonferenz für die Beziehungen zum Judentum, Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff, würdigte in der Diskussion den Dialog, der in den letzten fünf Jahren gelungen sei. „Wir haben Gemeinsames zum Ausdruck gebracht, ohne Unterschiede außer Acht zu lassen. Der Dialog zwischen Juden und Christen betrifft zunächst unsere Gemeinschaften. Er wirkt darüber hinaus auch in die Gesellschaft hinein. Wenn es eine Debatte um das ethische Defizit ökonomischen Handelns gebe, müsse man neue Maßstäbe setzen.

Präses Nikolaus Schneider, der amtierende Vorsitzende des Rates der EKD, betonte in seiner Rede, dass es „um die Fragen nach einer Freiheit, die in Verantwortung gestaltet wird“ ginge. Dabei sei die Erkenntnis von Schuld notwendig, ebenso die Bitte um Vergebung, um Neuanfang und die Schaffung von menschlichen Beziehungen, die von Vertrauen und Solidarität bestimmt seien. Dabei gelte aber: „Die Kirchen wollen nicht Politik machen, aber sie wollen Politik möglich machen.“

Rabbiner Jaron Engelmayer von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland betonte: „Wohltätigkeit sollte nicht nur in Form des Sozialstaates institutionalisiert wahrgenommen, sondern in unseren Herzen und unseren Köpfen getragen und als Bereicherung für uns verstanden werden.“ Landesrabbiner Jonah Sievers von der Allgemeinen Rabbinerkonferenz argumentierte aus dem Judentum: „Es ist die höchste Form der Nächstenliebe, der zedaka, jemanden in Lohn und Brot zu setzen, so dass er sich selbst in Würde unterhalten kann.“

Zu der Veranstaltung in Augsburg hatten die Deutsche Bischofskonferenz, die Evangelische Kirche in Deutschland, die Orthodoxe Rabbinerkonferenz und die Allgemeine Rabbinerkonferenz in Kooperation mit dem Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit eingeladen. Sie fand im Anschluss an eine interne Begegnung statt, bei der aktuelle Fragen aus dem Bereich der Stammzellenforschung und der Organspende im Zentrum standen. Solche Treffen öffentlicher und interner Art finden seit 2006 jährlich statt. Ihr Ziel ist eine Intensivierung der Beziehungen zwischen den beiden großen Kirchen und den Rabbinerkonferenzen in Deutschland.

Hannover, 08. März 2010

Pressestelle der EKD
Reinhard Mawick