Bildung ist Schlüssel für eine intakte Gesellschaft

Leitender Bischof der VELKD würdigt bleibende Bedeutung Philipp Melanchthons

19. April 2010

Logo der EKD Auf die bleibende Bedeutung Philipp Melanchthons hat der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Landesbischof Dr. Johannes Friedrich (München), hingewiesen. In seinem Festvortrag im Melanchthon-Gymnasium in Nürnberg am 450. Todestag des Theologen sagte Friedrich, er sehe in dessen Anregungen ein Leitbild auch für die Gegenwart. So sei sein Plädoyer für die Bildung „ganz aktuell“. Heute wisse man mehr denn je, dass Bildung „der Schlüssel für eine intakte Gesellschaft“ sei. „Die sozialen Probleme in unserem Land wie auch in den so genannten Entwicklungsländern lassen sich nur durch qualifizierte und qualifizierende Bildung lösen. Sozialhilfe löst die Probleme nicht. In Bildung muss deshalb investiert werden, und zwar von Anfang an, nicht erst in Universitäten.“ In diesem Zusammenhang sollte bedacht werden, dass Melanchthon nicht nur für Naturwissenschaften, sondern ebenso für Geisteswissenschaften und das Ethos der Gebildeten plädiert habe, also für deren moralische und charakterliche Schulung, für Gewissensbildung und eine dem Ethos verpflichtete Haltung. Nicht erst die Bankenkrise lehre dies als notwendig. „Es geht nicht nur darum, Menschen zu bilden, sondern darum, Menschen zu Menschen zu bilden.“

Melanchthons Denken habe sich immer wieder um die Frage gedreht, wie der gnädige Gott humanere Menschen bekäme. Der Humanismus wie der christliche Glaube forderten und förderten die Wertschätzung der Freiheit und Würde des Individuums. Humanität und Bildung gehörten zusammen. „Wohin eine Gesellschaft kommt, in der die Freiheit und die Würde des einzelnen Menschen nicht zur Bildung gehören, haben uns die nationalsozialistische wie die stalinistische Schreckensherrschaft gezeigt. Es entsteht Barbarei. Menschen werden, wie Melanchthon sagt, zu wilden Tieren. Die Zehn Gebote als Orientierung haben kultur- und religionsübergreifend einen guten Sinn. Das Ziel der Gebote ist nicht das Verbot, sondern das Leben in Wertschätzung des anderen Menschen“, so Friedrich.

Wichtig sei auch, Melanchthons komplementäres Denken von Geistlichem und Weltlichem festzuhalten. „Wo sich Religion als Gegensatz zur bösen Welt versteht, entsteht Fundamentalismus. Wir erleben in unserer Zeit, wohin solches Denken im Christentum, im Islam oder auch im Judentum führt. Da wird Religion zum Kampf gegen die böse Welt und gegen die Andersgläubigen. Aber auch die säkulare Welt, die die Religion für das Böse erklärt, führt zur Selbstüberhöhung, weil sie selbst religiöse Züge annimmt. Beispiele sind der Nationalsozialismus und der Kommunismus, beide überhöhten ihre Ideologie zur Religion. Diesen Verkehrungen entgeht nur, wer – wie Melanchthon – Geistlichem und Weltlichem gleichermaßen je und je sein Recht gibt, auch und gerade in seinem eigenen Leben.“

Bedeutsam sei auch Melanchthons Grundsatz „Zurück zu den Quellen!“. „Wir sind heute schon fast wieder in spätmittelalterlicher Konsummentalität angelangt, die sich alles aus zweiter Hand vorsetzen lässt. Ob die Medien und die neuen Informationstechnologien Dinge objektiv wiedergeben oder selektieren, filtern und manipulieren, kann nur beurteilen, wer sich Kritikfähigkeit erwirbt. Die aber setzt Sachkenntnis und Verständnis für Zusammenhänge voraus. Darum: Studium der Quellen und nicht nur der Berichte über die Quellen! Zu den Quellen zähle ich dabei auch die Bibel. Nicht, was der ,Stern‘ oder der ,Spiegel‘ über Jesus Christus und Themen des Glaubens schreiben, sollte uns leiten“, sagte der Leitende Bischof der VELKD.

Hannover, 19. April 2010

Udo Hahn
Pressesprecher der VELKD