Ansprache bei der Trauerfeier für die beim Anschlag in Alexandria getöteten koptischen Christen
Martin Schindehütte im Koptischen Kloster Brenkhausen Höxter
09. Januar 2011
Anreden,
die Hoffnung und Freude, die uns zu Beginn eines neuen Jahres zumeist erfüllt, wurde jäh in eine schmerzliche Trauer und Klage über die ermordeten Kinder, Frauen und Männer und die sehr zahlreichen Verwundeten vor der koptischen „Allerheiligen Kirche“ in Alexandria verwandelt.
Koptische Gläubige, die sich um Mitternacht zum Dank und zum Lobpreis unseres Gottes versammelt hatten, wurden plötzlich in den Tod gerissen oder schwer verwundet. Auch muslimische Passanten waren unter den Opfern.
Die 22-jährige Koptin, Mariouma Fekry, wurde weltweit zum Symbol des unschuldigen Sterbens in der Neujahrsnacht in Alexandria: Sie schrieb wenige Stunden vor ihrem Gang in den Gottesdienst auf facebook: „2010 ist vorbei... Dieses Jahr ist das beste in meinem Leben ... Ich habe so viele Wünsche für 2011 ... Bitte, Gott, bleibe bei mir und hilf mir, sie wahr zu machen“. Sie starb gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Martina und ihrer Mutter Sonja. Der Vater und Ehemann Nagib, der die Kirche ein wenig später verließ, bleibt allein zurück.
Marioumas Wünsche, ihre Träume, ihre Hoffnungen sind in dem Gräuel des Attentates verstummt. Sie ist eines der zahlreichen Opfer des Angriffes geworden, der gezielt gegen die Koptische Kirche gerichtet war.
In Schmerz und in Trauer sind wir nun miteinander verbunden. Ich möchte Ihnen, liebe Schwestern und Brüder versichern: Wir als Glieder der Evangelischen Kirche in Deutschland leiden mit Ihnen, den Gliedern der Koptisch Orthodoxen Kirche. Wir sind verbunden in dem Wort des Apostel Paulus: „Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit!“ (1. Korinther 12, 26)
Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses Nikolaus Schneider, hat das furchtbare Attentat sogleich öffentlich verurteilt und deutlich gemacht, dass wir als Kirche von der Regierung in Ägypten erwarten, dass sie dafür sorgt, dass die Religionsfreiheit der koptischen Christinnen und Christen und aller Menschen in Ägypten ausgeübt werden kann, weil respektiert und geschützt wird. Er hat aber auch auf die Ursachen des Extremismus hingewiesen, die jenseits religiöser Begründungen liegen. Armut, Hunger und eine geraubte Zukunft sind ein idealer Nährboden für Ideologien, die für sich auch die Religion missbrauchen.
Wir wissen auch als Kirche auf Grund der Erfahrungen und Geschichte mit menschenverachtenden und totalitären Ideologien in unserem eigenen Land, welch entscheidende und grundlegende Bedeutung die Religionsfreiheit für das friedliche Zusammenleben in einer Gesellschaft hat. Mit Entschiedenheit und mit Nachdruck treten wir für die Religionsfreiheit ein. Wir beten dafür und tun alles, was in unserer Macht steht, damit Christen im Nahen Osten, so auch in Ägypten, eine Zukunft und ein Zuhause als Bürger ihres Landes haben können. Dabei scheint mir wichtig, zwei Dinge zu unterscheiden. Dieses Engagement ist einbettet in dem Eintreten für die Religionsfreiheit aller Menschen in allen Glaubensgemeinschaften und Religionen.
Das Leid und die Verfolgung der Christen in Ägypten ist uns auch dadurch nahegerückt, dass nun auch in unserem Land, in dem alle Menschen ihren Glauben frei und öffentlich praktizieren können, Gebet und Gottesdienst von der Polizei mit Waffen geschützt werden müssen und Spürhunde vor Beginn eines Gottesdienstes die Kirchen und Gebäude auf Sprengstoff durchsuchen müssen.
So dankbar wir für den Schutz des Staates durch den Dienst der Polizei sind, so sehr schmerzt es uns, dass wir uns wohl daran gewöhnt müssen, dass schon lange die jüdischen Gemeinden in unserem Land bei jeder Veranstaltung von der Polizei geschützt werden müssen - und nun eben auch koptische und auch armenisch-apostolische Gemeinden.
Liebe Schwestern und Brüder, ich hoffe und bitte und bete inständig, dass wir in gemeinsamem Engagement in unserem Land einen toleranten und respektvollen Umgang zwischen den unterschiedlichen Religionen bewahren können. Die Vorstellung, dass Sie als Kopten in Zukunft Ihre Gottesdienste nur noch unter Polizeischutz feiern könnten, finde ich unerträglich.
Der furchtbare Mord vom Neujahrestag in Alexandria erinnert mich unmittelbar an ein biblisches Geschehen nach der Geburt Jesu, damals in Bethlehem. Während Jesus mit seiner Mutter Maria und Josef in Ägypten Schutz und Asyl finden, wütet und ermordet der grausame König Herodes alle Kinder in Bethlehem: „In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen.“, heißt es im Evangelium. Auch heute hören wir viel Weinen und Wehklagen. Die Orte wandeln sich. Das Prinzip der Gewalt scheint ungebrochen immer das Gleiche zu bewirken. Gewalt, Es erscheint als Sieg kalter Macht über jeden Geist des Friedens.
Wir widersprechen dem als Christen. Und wir sind uns einig mit vielen in anderen Religionen. Und so wage ich es, liebe Schwestern und Brüder, für uns vielleicht ungewohnt, dies mit einem Zitat des leitenden muslimischen Geistlichen aus Damaskus zu bekräftigen. Auf die Frage, was er als Obermufti zu dem Attentat in Alexandria sage, antwortete er: „Menschen, die so handeln, sind keine Muslime, denn wer andere ermordet, hat weder einen Gott noch eine Religion, er ist nur ein Mörder“.
Es ist unsere Aufgabe als Christen, gemeinsam mit Menschen guten Willens aus allen Religionen, einer sehr subtilen Gefahr zu wehren. Wir wollen dafür beten und einander dazu helfen, dass das Böse, das von Außen mit solch brutaler Gewalt auf uns eindringt, sich nicht still und heimlich sich in unseren Herzen ausbreitet und uns bitter macht und hart. Der Dreieinige Gott ist und bleibt ein Gott der Liebe der Barmherzigkeit und Vergebung auch gegenüber dem Mörder, auch gegenüber denen, die uns Gewalt antun.
Ich erinnere auch hier an die Jahreslosung für das begonnene Jahr, die so traurige Aktualität gewonnen hat. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden. Sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Der menschgewordene Gott in Jesus Christus macht uns frei für diesen Weg des Guten. Dieser menschgewordene Gott sei mit Ihnen und mit uns allen auf Wegen des Schmerzes und Leides und auf Wegen der Hoffnung und des Friedens. Sein Segen sei mit uns!
- Martin Schindehütte
Bischof für Ökumene und Auslandsarbeit der EKD

