Daniel

Daniel der Weise

Der König von Babylonien ist ein großer Krieger. Länder und Städte, die sich seiner Herrschaft entziehen wollen, werden besetzt, belagert, zerstört. Und die Bewohner werden deportiert. Versklavung und Zwangsarbeit sind eine alte Erfindung. Ägypten verliert seine Macht, Jerusalem seinen Tempel. Die Eroberungen des Herrschers schädigen Kleinasien und Nordafrika. Am Ende ist sein Reich größer als alle assyrischen und babylonischen Vorgänger. Sein Name: Nebukadnezzar. Man schreibt das sechste Jahrhundert vor Christus.

Der König von Babylonien ist auch ein genialer Baumeister. Er restauriert die Residenzstadt Babylon und schützt sie vor Überschwemmungen. Ihre Bauten wie Tempel und Paläste bezeugen Macht und Stolz. Neubukadnezzars Sinn für die Gestaltung der Landschaft entstammen wohl auch jene berühmten, aus Terrassen, Wasserläufen und exotischen Pflanzen bestehenden Hängenden Gärten, welche später zu den sieben Weltwundern zählen.

 Freilich: Mit dem großen Krieger und genialen Baumeister ist nicht gut Kirchen essen. Als ihn eines Nachts ein Traum um den Schlaf bringt, droht er alle Magier und Weisen in Stücke zu hauen, falls sie ihn nicht zu deuten vermögen. Ein andermal läßt der Tyrann ein goldenes Standbild errichten, wovor alle niederknien und das alle anzubeten haben. Wer gegen diesen Erlaß verstößt, wird lebendig verbrannt.

Im höfischen Umfeld Nebukadnezzars lebt Daniel. Einer jener verschleppten Jünglinge aus den Familien jüdischer Adliger, die klug und verständig sein und eine umfassende Bildung besitzen müssen, um zum Dienst am Königspalast zu taugen. Er ist keiner jener Haudegen wie Elija, jeder Klagegeister wie Jeremia oder jener Gesellschaftskritiker wie Amos. Sein Mut, königlische Schuld beim Namen zu nennen und seine großartigen Fähigkeiten, Träume zu deuten, rücken ihn in die Reihe der Propheten. Als Daniel Nebukadnezzar den Blick in eine durchaus sympathische Zukunft ermöglicht, läßt der König ihm Räucheropfer darbringen, beschenkt ihn reich, ernennt ihn zum Statthalter der Prvonz Babylon und zum ersten der königlichen Ratgeber.

Der frische Ruhm verdreht ihm nicht den Kopf. Daniel bleibt seinem Gott treu, weigert sich, des Königs Götzenbild anzubeten - und landet mit seinen Freunden prompt im glühenden Ofen. Doch nicht einmal die Haare werden versengt, kein Brandgeruch ist wahrzunehmen. Ein verblüffter König preist Macht und Größe des Gottes dieser jungen Leute und droht jedem mit dem Tode, der ihn schmäht.

Später wiederholt sich die Geschichte in einer Variante. Längst ist der Meder Darius in Babylon eingefallen und hat das Reich an sich gerissen. Der verfügt, daß dreißig Tage lang niemand ein Gebet oder eine Bitte an einen Gott oder einen Menschen richten dürfe außer an ihn selbst. Daniel widersetzt sich auch diesem Gebot und wird in eine Löwengrube geworfen. Doch die Raubtiere erweisen sich als lammfromm. Un ein verblüffter Herrscher ordnet an, daß in seinem weiten Land der Gott Daniels zu fürchten sei, der befreien und erretten könne und dessen Zeichen der Souveranität am Himmel wie auf der Erde zu sehen seien.

Die Erzählungen, die mit ihren Wundern Legendencharakter haben, zeichnen das Ideal des jüdischen Frommen, der seiner Religion bis zur Bereitschaft zu Folter und Tod treu bleibt. Sie transportieren die Botschaft von Gottes Größe und Allmacht und stiften neue Hoffnung für ein ermattetes Judentum.

Hans-Albrecht Pflästerer

Für die Abdruckgenehmigung danken wir dem "JS - Magazin für junge Soldaten", seiner Chefredakteurin Barbara Kamprad und dem Autor Hans-Albrecht Pflästerer.


 



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