Micha

Prophet Micha der unbequeme Mahner

Immer diese düsteren Bilder von der Zukunft. Diese Schwarzseherei. Diese schrecklichen Visionen. Von der Stadt, bei der kein Stein auf dem anderen bleiben wird. Vom Berg des Tempels, der im wilden Gestrüpp zerfällt. Diese Unheilsgeschichten von Vertreibung und Versklavung. Und diese Unerbittlichkeit. Möchten Sie Prophet sein? Prophet wie Micha?

Er ist ein Mann vom Land. Kommt aus Moreschet, von den Hügeln südwestlich Jerusalems. So kennt er vor allem die Sorgen und Nöte der kleinen Leute nur zu gut. Die haben zum Leben zu wenig und zum Sterben zuviel. Die sozialen Verhältnisse sind unerträglich geworden Schamlos nutzen die reichen Unterdrücker ihre Macht, reißen die Äcker an sich und nehmen Häuser, wie sie’s gelüstet. Treten das Recht mit Füßen, welches Landbesitz garantiert.

 Das arge Leben spielt am Ende des achten Jahrhunderts vor Christus, zu Zeiten der Könige Jotam, Ahas und Hiskija. Die tun sich schwer mit der Entscheidung, Juda gegen Assyrien zu verteidigen oder sich als Gefolgsmann zu unterwerfen. Das macht hohe Steuern erforderlich, entweder zum Unterhalt der Armee oder als Tribut an den mächtigen Feind. Politische Unsicherheit verbindet sich mit wirtschaftlicher Not, viele Bürger fristen ein karges Dasein, werden dazu von korrupten Führern ausgebeutet. Micha ereifert sich vor allem über die Armut der Ackerbauern und rechnet ab mit den führenden Kreisen des Landes, den Oberhäuptern der Sippen, die für die Rechspflege zuständig sind. In drastischen Bildern schildert er deren Ausbeutungspraxis: "Ihr hasset das Gute und liebet das Arge. Ihr behandelt die Menschen wie das Schlachtvieh, dem man die Haut abzieht, das Fleisch von den Knochen reißt, die Knochen zerschlägt und samt dem Fleisch in den Kessel wirft. So beutet ihr das Volk aus!" Er sagt ihnen eine böse Zeit voraus, in der sie zu ihrem Gott um Hilfe schreien, der sich aber von ihnen abwenden wird, weil sie ihre Macht gar zu sehr mißbraucht haben. Michas Beredsamkeit verleiht seiner Botschaft ungewöhnliche Schärfe. Und jene Nachdrücklichkeit, die Menschen entwickeln, wenn sie die Zeit verrinnen sehen und auf Reue drängen, bevor es zu spät ist. Noch viele Jahrzehnte später wird man sich daran erinnern.

Propheten sehen die Katastrophe voraus, die das Verhalten des Volkes und seiner Führer unweigerlich herbeirufen muß. Aber sie kündigen auch die neue Zunkunft an, die dem Volk hernach noch einmal geschenkt werden soll: Stirb und werde! Da macht Micha keine Ausnahme.

Auch in den schärfsten Drohungen geht die Hoffnung auf Gottes Gnade nicht unter. "Micha, dessen Stimme zu den leidenschaftlichsten des Alten Testaments gehört", schreibt Peter Calvocoresse, "ist ein Revolutionär, der seine Gefühle und sein Streben in religiöse Bahnen lenkt." Die Ermahnung "Es ist die gesagt, Mensch, was gut ist: nichts anderes als Gerechtigkeit tun, Freundlichkeit lieben und aufmerksam mitgehen mit deinem Gott" (Kapitel 6, Vers 8) ist dafür vielleicht der schönste Beleg. Sie wurde zur Losung des Hamburger Kirchentages 1995. Und machte deutlich: Wir haben unbequeme Mahner wie Micha bitter nötig.

Hans-Albrecht Plästerer

Für die Abdruckgenehmigung danken wir dem "JS - Magazin für junge Soldaten", seiner Chefredakteurin Barbara Kamprad und dem Autor Hans-Albrecht Pflästerer.


 



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