Sing nicht so schnell dein Glaubenslied

Singen ist »Etwas aussagen«, Gefühlen Kraft verleihen: Jubel, Dank, Freude. Das geht leicht über die Lippen. Welches Gefühl steht dahinter? Vorschneller Jubel verkennt oft den Adressaten.

Gunther Schendel und Lothar Veit im Gespräch mit Arnim Juhre

Arnim Juhre wurde 1925 in Berlin geboren. Seit 1948 wirkt er als freier Schriftsteller. 1962 wurde er Autor und Redakteur im Evangelischen Rundfunkdienst Berlin, von 1969 bis 1975 Verlagslektor in Wuppertal, von 1976 bis 1977 verantwortlicher Redakteur beim Evangelischen Wochenblatt Sonntagsgruß in Saarbrücken, ab 1977 Verlagslektor in Hamburg, von 1982 bis 1990 Literaturredakteur beim Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt in Hamburg. Er ist Autor von Theaterstücken, Geschichten, Gedichten, lebt heute als freier Schriftsteller in Wuppertal. Er ist Mitglied im P.E.N.-Zentrum Deutschland und der Textautoren- und Komponistengruppe Takt.

Dr. Gunther Schendel Pastor und Kirchenhistoriker, Uelzen

Lothar Veit Journalist und Liedermacher, Hildesheim

Gunther Schendel, Lothar Veit Herr Juhre, erinnern Sie sich an ihr erstes Gedicht?

Arnim Juhre Ich weiß nicht mehr, ob es in der Gefangenschaft war oder danach, beim Bauern in der britischen Besatzungszone, dem wir bei der Ernte 1945 helfen sollten. Da schrieb ich irgendwann mal auf: Dankbar bin ich der Not / ich schweige / sie spricht / und bricht mir ein Stück Brot. Als ich das mit etwas mehr kritischem Bewusstsein beguckte, habe ich es wieder verworfen, weil ich mir sagte: »Mann, Mann, Mann, auf Not und Brot haben schon so viele gedichtet, das ist nun wirklich nicht originell.« Aber es drückte meine Verwunderung aus, überhaupt lebendig durch diesen Krieg hin durchgekommen zu sein. Ich hätte hundertmal tot sein können.

Wie ging es weiter?

In der Zeit, als ich zwischen verschiedenen Arbeitsverhältnissen freier Schriftsteller war, entstand ein Text, der für mich der individuelle Anfang war, der Nachfolger von dem Vierzeiler Not auf Brot. Das Gedicht hieß Fliegendes Blatt 1945 und ist 1954 in der einflussreichen Zeitschrift Akzente erschienen. Die wollten mal gucken, was junge Berliner Autoren schreiben, und haben einen Text von Wolfdietrich Schnurre, einen von der berühmten Christa Reinig und einen von Juhre genommen. In Fliegendes Blatt 1945 ist die Atmosphäre der Flüchtlinge und der Trecks aufgenommen, später erschien es auch in der Transit-Anthologie, die Walter Höllerer herausgab.

Mit Liedern hatten Sie zu der Zeit noch nichts zu tun?

Nein, aber auf diese Veröffentlichung hin bekam ich eine Zuschrift von einem mir unbekannten Menschen. Der hatte diesen Text Fliegendes Blatt 1945 gelesen und mir eine Melodie dazu gemacht. Leider, leider ist dieses Blatt auf drei oder vier Umzügen verloren gegangen. Aber es verblüfft mich bis heute, dass sich auf einen Text hin ein Komponist angeregt fühlt, eine Melodie zu schreiben.

1962 gilt als Geburtsjahr des Neuen Geistlichen Liedes. Bei dem Wettbewerb der Evangelischen Akademie in Tutzing gewann das Lied Danke den 1. Preis und hielt sich sogar sechs Wochen in der Hitparade. Wie haben Sie die Anfänge erlebt?

Ich war zu der Zeit beim Evangelischen Rundfunkdienst in Berlin, das war meine große Lehr- und Gesellenzeit. Der Studioleiter Karl-Wolfgang Wiesenthal war zugleich ein guter Musiker und Komponist. Eines Tages sollte es in Berlin-Tempelhof einen überregionalen Jugendgottesdienst geben. Das war wahrscheinlich schon ein Echo auf Tutzing, da wollten sie ein neues Lied haben. Wiesenthal sagte zu mir, schreib doch mal was, und wenn dir nichts einfällt, guck dir die Psalmen an. Ich habe mir dann die Psalmen vorgenommen, die selber schon die Zeile »Singet dem Herrn ein neues Lied« enthielten. Der kürzeste war Psalm 98. Ich habe einen Text dazu gemacht, den Wiesenthal vertont hat: Jubelt nicht unbedacht. Das ist also auf Wunsch und Bitte entstanden, ich hab mich nicht danach gedrängelt.

Wie kam das Lied an?

Es gefiel nicht allen, das war nicht der Ton von Tutzing, von Liedern wie Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt.

Aus Ihrer Abneigung gegen diesen Text haben Sie 1976 in Ihrem Buch Singen, um gehört zu werden keinen Hehl gemacht.

Mich hat schon die erste Zeile sehr gestört: »Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt«. Was sind denn das für Dichter? Ein Schiff, das sich selbst Gemeinde nennt, interessiert mich überhaupt nicht! Wenn wir das Schiff Gemeinde nennen würden oder wenn da eine Gemeinde per Schiff ankommt, gut. Aber ein Schiff, das sich selbst Gemeinde nennt, kann mir den Buckel herunterrutschen. Das war mir ein bisschen zu flott, zu unbedacht.

Etwas grundsätzlicher: Wie war die Stimmung damals in den Kirchen?

Der Wettbewerb von Tutzing war sicher eine Reaktion auf die großen ökumenischen Einflüsse nach dem Krieg: Gospelsongs, Freikirchen. Die Welt strömte mit all ihren kulturellen Errungenschaften auf uns ein. Und nun musste man irgendwie produktiv reagieren. Das habe ich verstanden und sehr geschätzt.

Haben Sie sich als ein Texter der Gattung Neues Geistliches Lied verstanden?

Nein. Was wäre denn die Gegenprobe? Was ist denn ein neues ungeistliches Lied? Was ist denn ein geistliches Lied? Sind die anderen geistlos? Das ist mir etwas zu allgemein. Ich meine, einen Pfarrer, den man einen Geistlichen nennt, das ist doch Unfug. Die anderen sind doch nicht ungeistlich! Diese Ungenauigkeit hat mich gestört.

Sie erwähnten Ihren ersten religiösen Liedtext »Jubelt nicht unbedacht«. Das scheint sich als Lebensthema durch Ihr ganzes Schaffen zu ziehen.

Richtig. Es gibt da sogar Gegentexte und Gegenlieder. Beim Kirchentag 1981 in Hamburg war Joachim Schwarz der verantwortliche Mensch für das Liederheft. Der kam zu mir und sagte: »Du Arnim, wir haben noch eine letzte Seite frei, aber wir haben keine Zeit mehr, einen Komponisten zu bitten, schreib mal einen Text.« So entstand Was Frieden heißt: Sing nicht so schnell dein Glaubenslied / sing nicht so laut, so grell und so weiter. Das ist ein Gegenlied.

Gegen was genau?

Ich kann's verraten, er weiß es auch: Es ist ein Gegenlied auf ein Lied von Eckart Bücken, in dem er Glaube, Liebe, Hoffnung runterrappelt. Das hat mich sehr gestört. Wir haben uns aber inzwischen längst versöhnt darüber, der Anstoß war ja auch ein produktiver.

Wo soll man sonst über Glaube, Liebe, Hoffnung singen - wenn nicht in der Kirche?

Darum geht es nicht. Es gibt einen Text von Kurt Marti, zu dem ich eine vierte Strophe geschrieben habe: »Manchmal kennen wir Gottes Willen, manchmal kennen wir nichts.« Wir wissen nämlich manchmal gar nichts, absolut nichts. Das zu besingen ist keine Kleinigkeit. Man besingt ja ein Manko oder eine Unzulänglichkeit. Der Text hat es ins katholische Gesangbuch Gotteslob geschafft und ist dadurch schnell verbreitet worden, er wurde auch ins Englische übersetzt. Was mich daran klammheimlich freut, in kollegialer geistlicher Übereinstimmung mit Kurt Marti: Auch das ist ein Text, der gegen die leichtfertige Großmäuligkeit angeht.

Wie würden Sie Ihre Lieder nun bezeichnen? Als Kirchenlieder?

Um die jetzige und spätere Bezeichnung kümmere ich mich überhaupt nicht. Die ist mir ziemlich egal. Die Lieder kommen ja bei uns seit Luther aus der Kirche raus. Luther war zugleich ein ungeheurer Publizist, ein großer Schriftsteller und ein großer Lieddichter. Und Luther hat, wenn es ihm angemessen erschien, auch auf bekannte Melodien zurückgegriffen, hat neue Texte dazu geschrieben. Man muss sich das mal vorstellen: Es hat ja in der Geschichte der Reformation Zeiten gegeben, da sind durch das Absingen neuer Choräle, neuer lutherischer Choräle, katholische Gottesdienste gesprengt worden - und zwar so gründlich, dass die Menschen seitdem protestantisch waren. Das waren Leute, die nicht lesen und schreiben konnten, wahrscheinlich auch die Thesen an der Schlosskirche in Wittenberg nicht lesen konnten, sie konnten aber singen.

Gibt es ein Kirchenlied, das für Sie eine besondere Rolle spielt?

Nein, eigentlich nicht. Ein Kirchenlied nicht. Sag mir, wo die Blumen sind ist ein sehr intelligentes Lied, mit geschichtlichem Hintergrund. Wenn die jungen Leute ins Feld zogen, wusste keiner, ob sie wiederkommen. Die Fragen sind toll. Und bei der Melodie gibt es noch eine ganz besondere Raffinesse, jede Strophe geht einen Ton höher. Das ist ein sehr raffiniertes, sehr wirkungsvolles Lied.

Wie sind Sie überhaupt religiös sozialisiert worden?

Das war in der frühen Nachkriegszeit. Im Elternhaus nicht. Wir waren keine Kirchgänger.

Also erst durch Ihre Arbeit in christlichen Verlagen?

Nein, das kam durch Freunde, in Steglitz. Da gab es plötzlich Freikirchen. Richtige Freikirchen hat es ja zu Hitlers Zeit nicht gegeben. Ich bin in Steglitz auch zum Konfirmandenunterricht gegangen. Ich habe dem Pfarrer sehr aufmerksam zugehört, es war meine freie Entscheidung. Abgesehen davon wollte ich zur Konfirmation auch eine Armbanduhr haben. Aber irgendetwas hat mir nicht behagt, ich kann gar nicht sagen, dass ich etwas Besonderes gesucht oder erwartet habe. Ich bin dann weggeblieben. Und bald nach dem Krieg hat sich dieser Pfarrer in Steglitz vor den Omnibus geworfen. Er war ein Anhänger des Reichsbischofs, einer von den deutschen Christen, der wusste nach dem Krieg nicht mehr weiter. Das habe ich als kleiner Pimpf buchstäblich gespürt: Wie der die Bibelgeschichten auslegt, da war was infiltriert. Mit Freunden bin ich später zu Freikirchen gegangen, bei uns um die Ecke waren die Methodisten. Meine Konfirmation habe ich als junger Erwachsener dann nachgeholt.

Wie würden Sie Ihren Glauben beschreiben?

Da bin ich täglich dabei, das kann ich so nicht sagen. Das ist das Geniale an der Bibel, dass die Schreiber selber schon so klug waren: Sie haben von Gott in Geschichten erzählt. Niemand hat Gott je gesehen. Und Mose musste sich umdrehen, als Gott vorüberging. Das sind doch geniale Geschichten. Und heute kommen die Religionen insgesamt auf den Prüfstand, seit wir in Mathematik, Physik, Astrophysik, Atomphysik die aufregendsten Entdeckungen machen und Praktiken entwickeln, die unseren Planeten unbewohnbar machen können. Tschernobyl hat einen Landstrich, der mindestens so groß ist wie das Saarland, unbewohnbar gemacht. Die Katastrophe im japanischen Kernkraftwerk Fukushima hat das Wasser verseucht. Kein Mensch weiß bis heute wohin mit dem radioaktiven Müll. Warum heißt denn dieses Element Plutonium? Pluto ist der Höllenhund. Wir sind imstande, Gottes gute Schöpfung zu vernichten. Das ist doch unverantwortlich!


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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-06-14