Kirchenmusik der Moderne?

Wenn ich nach der Bedeutung des Wortes »Lobpreis« und Erfahrungen mit dem Thema gefragt werde, fällt mir die Antwort nicht leicht. Vor allem, wenn sie kurz sein soll. »Das kommt darauf an .«, so in der Art beginne ich dann üblicherweise.

Jonny Pechstein (Musiker, Nürnberg)

Den reinen Fakten nach ist »Lobpreis« zunächst einmal ein seltsamer Begriff für etwas, das die Gemeinde Jesu seit zweitausend Jahren ganz selbstverständlich praktiziert. In den meisten christlichen Konfessionen gehört es zum gelebten Glauben, in Gemeinschaft zu singen und das Lob Gottes zum Ausdruck zu bringen. So weit, so gut.

Seit den Siebzigern steht das Wort »Lobpreis«, beziehungsweise neudeutsch »Worship«, für eine ganz bestimmte Art dieses Ausdrucks, die sich vor allem bei der charismatisch-pfingstlerischen Bewegung in den USA entwickelt hat. Diese »Bewegung« schwappte vor etwa vierzig Jahren, wie so vieles, vom angloamerikanischen Sprachraum nach Deutschland und findet vor allem seit Mitte der 1980er-Jahre hier ihre Verbreitung, weit über charismatische oder pfingstlerische Gemeinden hinaus. Dabei geht es nicht nur um bestimmte Lieder und deren Verbreitung. Vielmehr handelt es sich um eine ganz bestimmte Form, in die das gesungene Lob Gottes »verpackt« wird. Lieder werden nicht einfach in den Ablauf eines Gottesdienstes an bestimmten Stellen eingefügt. Der »Lobpreis« ist hier ein eigener Teil, der je nach Gemeinde und Prägung von zwanzig Minuten bis zu einer Stunde oder mehr dauern kann. Darin übernimmt üblicherweise ein »Lobpreisleiter« die Regie, der die Lieder anleitet, die nur von Gebeten oder Bibellesungen unterbrochen werden, und der die Gemeinde in den Lobpreis und die Anbetung »führt«. Die Lieder sind oft sehr einfach, bestehen zu einem großen Teil aus nur einer Strophe und einem Chorus, die oft wiederholt werden. Die Texte sind sehr emotional, preisen Gott oder drücken die innige Beziehung zu Jesus Christus aus. Der Musikstil ist in den meisten Fällen am ehesten in Richtung »Softpop« einzuordnen, bisweilen auch mit »Schlager«-Einschlägen. Zumindest war das über lange Jahre der Fall. In den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren hat sich um das Thema »Lobpreis« ein regelrechter Boom entwickelt. Das Angebot an CDs, Büchern zum Thema, Liederbüchern und Webseiten dazu ist fast unüberschaubar. Fast jeder christliche Popmusiker, der etwas auf sich hält, hat wohl in den letzten Jahren ein »Worship«-Album auf den Markt gebracht oder an solchen Alben mitgewirkt. Worship ist heute ein wichtiger Markt, auch hier in Deutschland. Auch hier gibt es Schulen, die Lobpreis-Leiter und -Musiker ausbilden.

Meine ersten eigenen Erfahrungen mit dem Thema habe ich Anfang der 1990er Jahre in einer kleinen evangelischen Gemeinde in Bayern sammeln dürfen. Einmal im Monat gab es dort einen besonderen Gottesdienst in freier Form, immer Sonntagabend, in dem Lobpreis einen großen Teil eingenommen hat. Zum einen begeisterte mich von Anfang an die Tatsache, dass hier zeitgemäße Popmusik einen selbstverständlichen Raum in der Kirche eingenommen hat. Zum anderen brachten die emotionalen Texte, die sehr innige Art, Glaube und Anbetung zum Ausdruck zu bringen und der intensive gemeinsame Gesang eine besondere Saite in mir zum Schwingen. Relativ frühzeitig rieb ich mich jedoch auch an bestimmten Stellen, konnte ich als lutherisch geprägter Christ nicht jeden Text so ohne weiteres mitsingen und nicht jede Ausdrucksform so ohne weiteres nachvollziehen. Das Faszinosum »Lobpreis« hat seine Grenzen. Zum Beispiel, wenn sich Texte zu stark vom biblischen Zeugnis und einer belastbaren Theologie entfernen, wenn die Intensität des gemeinsamen Singens an die Grenze zur Massenhysterie stößt oder wenn das Thema »Lobpreis« in Gemeinde und Gottesdienst einen höheren Stellenwert einnimmt als eine gute Predigt. Viele »entkirchlichte« Menschen und auch viele Christen haben aber über »Lobpreis« einen neuen Zugang zu Glauben und Kirche gefunden.

So hat Lobpreis musikalisch und textlich in den letzten Jahren zumindest an einigen Stellen enorm dazugewonnen. Vor allem deutsche Autoren, allen voran die beiden wohlbekanntesten Protagonisten hierzulande, der Katholik Albert Frey und Lothar Kosse, der Mitglied einer Pfingstgemeinde ist, haben dazu beigetragen. Auf evangelischer Seite ist an dieser Stelle wohl vor allem die Band Gracetown aus Stuttgart zu nennen. Dennoch haben Autoren aus dem englischen Sprachraum, wie die australische Hillsong-Gemeinde, der Brite Matt Redman oder der Amerikaner Chris Tomlin, nach wie vor einen großen Einfluss, werden ihre Lieder in übersetzter oder auch nicht übersetzter Form gesungen. Für evangelische Gemeinden kann Lobpreis ein Impuls sein, der das Verständnis von Kirchenmusik um ein wichtiges zeitgenössisches Element erweitert, ohne die eigene Tradition zu verleugnen. Ist die »klassische« Kirchenmusik überwiegend dazu geeignet, eine ganz bestimmte Bildungs- und Altersschicht zu bedienen, ist es mit Anregungen aus dem Bereich Lobpreis vielleicht möglich, ein größeres Spektrum der modernen Gesellschaft anzusprechen und so den Begriff »Volkskirche« mit neuem Leben zu füllen. Gleichzeitig bleibt natürlich eine gesunde Skepsis gegenüber den vielen evangelischen Christen zu »schwärmerisch« wirkenden Begleiterscheinungen. Die Entwicklung in den Gemeinden bindet an vielen Stellen Lobpreis jedoch längst mit ein. Heute veranstalten viele Gemeinden Gottesdienste mit Lobpreis und regelmäßige »Lobpreisabende« oder versuchen, die Besucher des klassischen Gottesdienstes am Sonntagmorgen an das Thema heranzuführen. Formt sich eine moderne volkskirchliche Variante der Kirchenmusik? Die Entwicklung bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass »Gebet und Loblied« auch in Zukunft eine zentrale Rolle im evangelischen Gottesdienst spielen werden. In welcher Form auch immer .



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Publikationsdatum dieser Seite: 30.06.2014 12:10