Gänsehautgefühl

Musik bringt die Gefühle in Wallung. Schon die Steinzeitmenschen spielten Flöte und legten den Grundstein für unser Klanggefühl. Dürfen wir also hoffen, dass etwas so Archaisches immer da sein wird?

Eckart Altenmüller (Arzt, Hannover)

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Musik als spirituelle Kunst

Eine weitere, naturwissenschaftlich bislang nur schwer fassbare Wirkung von Musik ist ihre Rolle in spirituellen Zusammenhängen. Dabei wirkt Musik einerseits als emotionale Kraft durch Verweis auf das Jenseits, andererseits als kollektiver Gedächtnisinhalt und als Gedächtnisstütze. Wie kann Musik als emotionale Kraft durch Verweis auf das Jenseits wirken? Musik ist alt. Schon vor 35.000 Jahren schufen die Menschen der Steinzeit kunstvoll verzierte Flöten aus Schwanenknochen und aus Elfenbein. Sie wurden in Höhlen im oberen Donautal, dem »Geissenklösterle« und dem »Hohlen Fels«, gefunden. Überaschenderweise sind sie diatonisch gestimmt, das heißt, beim Spiel dieser Flöten entstehen die gleichen Halb und Ganztonschritte, die wir auch heute in unserem Tonsystem verwenden. Auf der Geissenklösterleflöte kann man ein Thema aus der Kunst der Fuge von Johann Sebastian Bach spielen. Der Entdecker dieser Flöten, Nicholas Conard, geht davon aus, dass die Menschen dieser Zeitepoche das gleiche emotionale Erleben hatten wie wir. Er glaubt, dass sich unser Tonsystem auf diese frühen Flöten zurückführen lässt. Musik ist demnach die Kulturform, die uns am stärksten mit einer uralten Vergangenheit verbindet. Diese Wurzeln in der Vergangenheit begründen das Hoffen auf Kontinuität. Was so alt ist, wird immer da sein. Und damit kommen wir zu den zahlreichen Glaubensformen, in denen Musik den Weg in das Jenseits weist. Die Japanische Shakuhazo-Flöte beispielsweise stellt den Kontakt mit den Verstorbenen her. Orpheus überwindet mit seinem Harfenspiel den Tod und kann Euridike den Weg zurück in das Leben zeigen. Auch im christlichen Glauben existieren zahlreiche Verweise auf die Überwindung von Zeit und Tod durch Musik. Schon im Psalter heißt es: »Singet dem Herrn ein neues Lied«. Es ist ein Lied, das auch noch in Ewigkeit gesungen wird.

Musik erzeugt ein kollektives Gedächtnis, das oft unbewusst wirkt. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die Chiffrierung von Bachchorälen in der Klarinettensonate Nr. 1 f-moll, Opus 120 von Johannes Brahms, die als letztes Kammermusikwerk im Sommer 1894, drei Jahre vor dem Tod des Komponisten, entstand. Christian Solte wies darauf hin, dass der Anfang der Sonate die Chiffrierung des Chorals Wenn ich einmal soll scheiden von Johann Sebastian Bach enthält. Der Begriff der Chiffrierung meint, dass der Choral in der Komposition nicht direkt, sondern verdeckt zitiert wird. Die Verdeckung erreicht Brahms durch metrische Verrückung des geraden Viervierteltakts des Chorals in einen »schwebenden« Dreivierteltakt und durch erweiterte Ornamentalisierung. Der Choral fällt nicht als Fremdkörper auf und wird homogener Bestandteil der Sonate. Auch wenn dieses Zitat in aller Regel nicht erkannt wird, erzeugt die Klaviereinleitung bei den meisten Zuhörern ein schwer zu definierendes Gefühl der Trauer. In der Durchführung wird dieses Thema dann in eine wunderbar tröstliche Dur-Melodie verwandelt. Dies kann in der Dramaturgie des Stückes als Gewissheit des ewigen Lebens interpretiert werden.



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Publikationsdatum dieser Seite: Donnerstag, 10. Januar 2013 11:07