Stadt zwischen Himmel und Erde

Predigt zum Reformationstag

O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden! . . . Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker! Siehe, der HERR lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! Man wird sie nennen "Heiliges Volk", "Erlöste des HERRN", und dich wird man nennen "Gesuchte" und "Nicht mehr verlassene Stadt".

Jesaja 62,6f+10-12

Sie machen was her. Die Wittenberger Stadtwache trägt Wams und Bundhose, Helm und Hellebarde. Man kann sie auch mieten. Sie stehen Spalier, wenn im Rathaus zwei heiraten. Sie gehen beim Stadtfest in der ersten Reihe. Sie werden natürlich gerne fotografiert von den Touristen. Irgendwie passt das zusammen, so wehrhafte Männer und "Ein feste Burg ist unser Gott". Trutzige Zeiten damals, als es noch was zu verteidigen gab. Die Stadtwache erinnert daran.

Und auch der Name "Lutherstadt Wittenberg" klingt schön protestantisch - wenn man mal kurz die Zeit der wehrhaften Männer verdrängt, die der Stadt 1938 diesen Beinamen gegeben haben. Eine Stadt, die zur Projektionsfläche religiöser und politischer Überzeugungen geworden ist, auch wenn religiöse Überzeugungen schon längst nicht mehr ihre Alltagswirklichkeit bestimmen. Wittenberg ist ein durchaus prominentes Beispiel dafür, dass eine Stadt immer mehr ist als ihre Gebäude und Straßen und auch als die Menschen, die sie bewohnen. Städte leben von dem Bild, das man sich von ihnen macht. Sexy Berlin, teures Frankfurt, kühles Hamburg, um mal von Neumünster und Lüdenscheid zu schweigen. Stadtväter und -mütter von Städten ohne ausgeprägtes Image suchen daher gerne eines: "Stadt der Moderne", "Musikstadt", "Stadt der Brunnen" .

Jerusalem hat das nicht nötig. Ein Name, aufgeladen in Jahrtausenden. Begehrt wie eine Frau, geliebt wie eine Tochter, gesucht wie eine Mutter. Kein Ort auf der Welt könnte die Sehnsucht fassen und die Hoffnung, die sich mit diesem Namen verbindet und auch nicht den Überschuss an Erwartungen. "Nachexilisch" ist der Jesajatext, sagen die Exegeten. Was das bedeutet, sagen sie nicht. Diese Worte sind an die Heimkehrer gerichtet. Sie sind endlich wieder in ihrer Heimat und trotzdem nicht zu Hause. Und sie fragen sich: Woher soll eigentlich jetzt noch Hoffnung kommen, wenn sich die große Verheißung schon erfüllt hat und man sich plötzlich wiederfindet in einer halb zerstörten Stadt?

Jetzt kann der Glaube seine Kraft nicht mehr aus der Hoffnung auf die bessere Zukunft gewinnen. Die Dürftigkeit der Gegenwart ist es, die ihn herausfordert. In Jerusalem waren das Auseinandersetzungen mit der Besatzungsmacht, die Probleme des Wiederaufbaus, die Organisation der Daseinsfürsorge, die Frage, wie das Zusammenleben in der Gesellschaft gelingen kann. Kommt einem nicht ganz unbekannt vor, oder? Einiges davon ist auch bei uns schon Geschichte. Und anderes bleibt eine Herausforderung. Der lange Atem, den diejenigen brauchen, die sich Tag für Tag vor Ort engagieren. Oberbürgermeister und Stadtvertreterinnen, Ortsvorsteher und Gemeinderäte. Knochenarbeit ist das, und wie Steine schleppen fühlt es sich manchmal an.

Jerusalem bleibt eine Stadt zwischen Himmel und Erde. Kaum sind die Heimkehrer wieder da, klettern sie auf die gerade wieder aufgebauten Stadtmauern, um Gott an seine Verheißungen zu erinnern. Das hier ist nicht alles. Da kommt noch mehr. Die Gegenwart hält uns nicht am Boden. Wir sind offen für das, was erst noch kommen wird. Eine Stadtwache, die nicht bloß trutzig das Bestehende verteidigt, sondern Ausschau hält nach der Zukunft. Solche Wächter hat eine Stadt zwischen Himmel und Erde. Und sie hat eine Menge Wegbereiter. Die lassen sich von Steinen im Weg nicht weiter beeindrucken. Die haben keine Angst, sich die Hände schmutzig zu machen. Wenn wir sein wollen, was wir sein wollen, eine gesuchte und besuchte Stadt, müssen wir anpacken. Damit alle kommen können, die uns jetzt noch fehlen.

Die dürftige Gegenwart ist nicht alles. Und es hat keinen Sinn, bloß auf die Steine im Weg zu starren. Dafür ist Jerusalem ein Zeichen, für alle Völker, zu allen Zeiten und gerade im Kontrast zu der scheinbar aussichtslosen politischen Situation. Ein Zeichen auch für die Kirche und die Wächterinnen und Wegbereiter in ihr. Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!

Kathrin Oxen
Kathrin Oxen

ist Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur in Wittenberg.

Alltagsgeschichten

Keiner lebt für sich allein: Fünf Alltagsgeschichten über Zelte in der Kirche, Gemeindefeste und Brokdorf-Heimkehrer. Hier lesen Sie mehr.

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-01-20