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Argula von Grumbach hatte viel zu sagen und schrieb sich die Finger wund. Die Bildungselite verweigerte ihr die Aufmerksamkeit - und demonstrierte so ihre Macht

"Ich habe euch kein Weibergeschwätz geschrieben, sondern das Wort Gottes als ein Glied der Kirche", schließt die 31-jährige Argula von Grumbach ihr Sendschreiben an die Ingolstädter Gelehrten, in dem sie 1523 einen Magister gegen ein ketzergerichtliches Verfahren durch die Universität verteidigt. Die Fränkische Freifrau war eine der bekanntesten Flugschriftenautorinnen der Reformationszeit und weit über die Grenzen von Franken hinaus bekannt. Eine von vielen Frauen, die sich besonders in der Frühzeit der Reformation politisch einmischten und zu Wort meldeten.

Es war - ohne das bequeme Nackenpolster von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit - ein großes Wagnis, das Frauen wie Argula von Grumbach eingegangen sind. Viele haben dafür einen hohen Preis gezahlt. Was hat sie dennoch dazu bewogen? Die Präsenz des Reformators Martin Luther war es nicht. Argula von Grumbach konnte sogar sagen: "Auch wenn es dazu kommen sollte, wovor Gott sei, dass Luther widerruft, so soll es mir nichts zu schaffen machen. Ich baue nicht auf sein, mein oder sonst eines Menschen Verstand, sondern allein auf den wahren Felsen Christus selber."

Ihr Recht, sich zu Wort zu melden, gewinnen die Frauen aus der reformatorischen Grundüberzeugung, dass jeder Mensch unmittelbar vor Gott steht. Dieses unmittelbare Verhältnis zu Gott und seinem Wort schließt ein, dass jede und jeder befähigt und gehalten ist, in den lebensbestimmenden Bezügen davon auch Zeugnis zu geben: "Wer mich bekennt vor den Menschen, den will auch ich bekennen vor meinem himmlischen Vater", zitiert Argula von Grumbach aus dem Matthäusevangelium (Kapitel 10, Vers 32). Obwohl sie lange mit sich gerungen habe - dieses Jesuswort habe sie veranlasst, zu schreiben. Am Anfang war Gottes Wort. Mit diesem Wort machen die Frauen der Reformationszeit einen Anfang, indem sie in politisch-gesellschaftlichen Kontexten davon Zeugnis geben.

Wer Zeugnis gibt, unterrichtet, bekräftigt oder widerlegt nicht nur, sondern schafft mit dem Wissen, das dadurch ermöglicht wird, zugleich eine Grundlage von Gemeinschaft.

Dieser Gemeinschaftsgedanke findet sich im Gedanken vom Priestertum aller Getauften ausgedrückt. Der seltsam altertümliche Begriff, der mit Blick auf das Reformationsjubiläum konzentriert durch evangelische Denkschriften und Impulspapiere geistert, basiert zum einen auf dem Gedanken, dass die Beziehung zwischen Gott und Mensch keiner Vermittlung durch Amtspriester bedarf. Im Zuge dessen wird das Priestertum aller Getauften in unserer Gegenwart gerne als ein individuelles Freiheitsrecht für religiöse Mündigkeit verstanden.

Zugleich aber schwingt in dem Gedanken vom Priestertum aller Getauften ein sozialer Aspekt mit, der in sich schon eine politische Dimension trägt. Denn das Priesteramt ist ein Amt der Vermittlung. Es wird dort konkret, wo jemand vom Wort Gottes, vom Evangelium vor Anderen und für Andere Zeugnis gibt. Das kann nur gelingen, wo mein Zeugnis anerkannt wird. Das allgemeine Priestertum ist also selbst als eine soziale Rolle anzusehen, die von ethisch-politischen Bedingungen und Anerkennungsmechanismen geprägt ist.

Deswegen greift es zu kurz, wenn der Gedanke vom Priestertum aller Getauften einfach nur als persönliche Ermutigung für die Frauen der Reformationszeit verstanden wird, sich zu Wort zu melden. Denn nicht so sehr die Einzelne oder den Einzelnen nimmt der Gedanke in den Blick. Er ist vielmehr in seiner sozialen und politischen Dimension wiederzuentdecken. Gerade weil es nicht der priesterlichen Weihe bedarf, um die Welt im Lichte des Glaubens zu deuten und zu verstehen, sind alle Christinnen und Christen geradezu aufgefordert, vom Wort Gottes Zeugnis zu geben.

Doch nur mit Hilfe eines sozialen Bandes, das zwischen den Zeugnisgebenden und den Zeugnisempfängern existiert, ist Zeugnisgeben möglich. Dieses soziale Band konkretisiert sich als "Vertrauen schenken". Einem Zeugnis Vertrauen zu schenken impliziert, an die Integrität einer Person zu glauben. Das ist eine Frage der Einstellung. Diese Einstellung aber trägt die Züge einer Gabe. Die ethische Gabe des Vertrauenschenkens ist ein intersubjektives Phänomen. Sie bildet den Kern des Priestertums aller Getauften, denn das Vertrauen in die Andere oder den Anderen bildet das Fundament eines gelingenden allgemeinen Priestertums.

Von der großen Philosophin Hannah Arendt stammen die Worte "Politik heißt Anfangen-Können". Das Anfangen-Können schafft die Bedingungen für Kontinuität, für Erinnerung und damit für Geschichte. Doch das Moment des Beginnens, das sich konkretisiert im "Sich-Einsetzen-füretwas" wird nur da gelingen, wo das soziale Band des Vertrauens diesen Anfang weiterträgt.

Argula von Grumbach wurde dieses soziale Band des Vertrauens nicht entgegengebracht. Sie verstummte ein Jahr, nachdem sie angefangen hatte, sich zu Wort zu melden. Ein beendeter Anfang, der eines Neuanfangs bedarf. Argula schreibt: "Ja, wenn ich allein sterbe, so werden doch hundert Frauen wider sie schreiben. Denn ihrer sind viele, die belesener und geschickter als ich sind." Auch das ist von ihr zu lernen: Die Fähigkeit, immer wieder neu anfangen zu können und eben nicht ein für alle Mal definiert zu sein in einer Rolle als Frau, setzt voraus, Vertrauen zu haben, dass sich ethisch-politische Einstellungen und Anerkennungsmechanismen ändern werden. Das impliziert die bleibende Aufgabe und Verantwortung, selbst aktiv dazu beizutragen - so wie es die vielen Frauen im Laufe der 500-jährigen Geschichte der Reformation getan haben. Aus diesem Grund ist der Gedanke vom Priestertum aller Getauften niemals jenseits des Politischen zu denken oder in den vorpolitischen Raum zu verweisen, sondern birgt in sich selbst eine politische Dimension.

Kristina Dronsch
Kristina Dronsch

ist Referentin für "Frauen und Reformationsdekade" bei den Evangelischen Frauen in Deutschland (efid).

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-06-14