Ausdiskutieren?

Nicht in der Bibel! Da hat Gott die Macht. Oder?

Gott ist ein Meister des Machtwortes. Das hören Protestanten nicht so gern; jedenfalls nicht alle. Denn Macht schmeckt für sie eher nach dem Geschäft der Politik, wo es unschön wird und man gegen den Willen Betroffener Entscheidungen durchsetzt. Für den jovial durchschnittlich denkenden Protestanten ist Macht irgendwie eher römisch-katholisch besetzt. Der Vatikan! Da hilft auch der subtile Demutseinfluss eines Papstes kaum weiter, der auf den Namen Franziskus hört. Denn im weltweiten Bischofskollegium, gegen das kein geistliches Machtkraut gewachsen zu sein scheint, ist erschauernd viel Macht unterwegs. Nicht Macht, sondern Widerstand und Ergebung sind Kennzeichen einer protestantischen Machtkritik. Im Widerstand kann man - evangelisch gesehen - vor Gott und mit Gott einfach mehr richtig machen.

Entsprechend hat einer der größten reformierten Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Barth, geurteilt: "Macht an sich ist ja nicht nur neutral, sondern Macht an sich ist böse. Denn was kann Macht an sich anderes sein als Entfesselung und Unterdrückung". [1] Ein mächtiger Gott nötigt sich als ein alle anderen unterdrückender Gott dem Denken auf und belastet das protestantische Gemüt. Auf dieser Linie hat Barths lutherischer Zeitgenosse Dietrich Bonhoeffer aus seiner Gefängniszelle heraus geschrieben, "dass Christus nicht... kraft seiner Allmacht, sondern kraft seiner Schwachheit, seines Leidens" helfe. Der Mensch sei "an die Ohnmacht und das Leiden Gottes" gewiesen; nur der "leidende Gott" könne helfen. [2]

Nun hebt das apostolische Glaubensbekenntnis als einzige Eigenschaft Gottes ausgerechnet dessen schöpferische Allmacht hervor. Dazu inspiriert die Bibel. In ihr ist Gott der entscheidende Machtort durch sein Machtwort. So heißt es im Alten Testament: "Gott sprach, es werde Licht! Und es ward Licht" (1. Mose 1,3). Gott führt auf diese Weise die Macht der Unterscheidung in die Welt hinein, die Licht in das Dunkle der Lüge bringt. Deshalb ist der erste Satz des Johannesevangeliums Programm für alles, was folgt: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort." Von diesem Wort wird behauptet: "Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht" (Joh 1,1.3). Der Epheserbrief feiert Jesus Christus dann als den, der "im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft" eingesetzt sei (Eph 1,20f.) Wie passt dies mit der Ohnmachtsemphase durchaus bibelbelesener evangelischer Theologinnen und Theologen zusammen? Die Sache ist die: Gott wird in der Bibel als ein Meister des Machtwortes eingeführt. In Jesus Christus hat er sein entscheidendes Machtwort gesprochen.

Was zeichnet dieses Machtwort aus? Am Anfang stand ein Engel namens Gabriel, ein Engel also, der auf den Namen "Gottes Macht", nicht Ohnmacht hörte (Lk 1,26). Am Ende aber wird Jesus der Anspruch zugeschrieben: "Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden" (Mt 28,18). Von Ohnmacht schweigt das Evangelium. Es arbeitet die einmalige Stärke der sich in Jesus von Nazareth ausdrückenden Macht heraus. Sie beruht an keiner Stelle auf latentem Einfluss, auf subversiver Kalkulation oder subtil Unausgesprochenem. Es lohnt sich deshalb, gründlicher folgender Frage nachzugehen: Wo wäre Gott hingekommen, wenn Jesus ein machtkluger evangelischer Strippenzieher gewesen wäre? Als Strippenzieher hätte der Sohn Gottes wohl noch im Alter von 65 nicht am Kreuz gehangen, sondern wäre als lebenskluger Rabbiner früh oder später in Vergessenheit geraten. Es kam nach Auskunft der Evangelienberichte anders, weil Jesus nicht nur entschieden redete, sondern entschieden war. Er unterschied sich von jenen geistlichen Gestalten, von denen Martin Luther behauptete, sie seien "Machthänse." Machthänse sind Prahlhänse, die auf ihren Einfluss viel geben, der auf Ansehen und Aussehen beruht, nur ja nicht zu viel riskiert und alsbald verpufft, kaum sind sie verschwunden und haben ausgeredet.

Die Folie des Machtwortes, das mit Jesus Christus im Neuen Testament identifiziert wird, ist eine andere. Es ist die prophetische Rede des  Alten Testamentes. Prophetische Rede ist eine, die nachklingt, die wuchtige Worte formuliert, die wie Feuer brennen (Jer 5,14) und wie ein Hammer Felsen zerschmettern. Wie kommt diese sprachliche Dynamik in der Machtbiographie des Jesus von Nazareth zum Ausdruck? In den Worten, die von ihm überliefert sind, fehlen Ausdrücke wie "vielleicht", "sozusagen" und "womöglich". "Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden" (Mt 5,4). "Niemand kann zwei Herren dienen" (Mt 6,24). "Heute wirst Du mit mir im Paradies sein" (Lk 23.43). In solchen Ansagen exponiert sich Jesus als Machtwort Gottes. Auch seine Fragen formuliert er direkt: "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" (Mt 27,46). Es kommt darauf an, diese Frage Jesu am Kreuz als Machtfrage zu lesen und sie als Auskunft über Gottes Macht gründlich zu meditieren. Denn hier prallen Allmacht und Ohnmacht aufeinander. In dieser Frage berührt sich die Ohnmacht des sterbenden Gottessohnes mit der Allmachtsvermutung, die Gott zugetraut wird. Zugleich berührt sich die mächtige Anfrage des sterbenden Jesus mit einem ohnmächtig wirkenden Gott, der nicht zu helfen scheint. Gott meidet mit seiner Macht die Ohnmacht des Todes nicht, weil er sie höchstpersönlich von innen heraus überwinden will. Überhaupt zeichnet sich Gottes Macht dadurch aus, Ohnmachtssituationen nicht zu vermeiden. Mehr noch: Gott vermeidet rein gar nichts, selbst den Tod nicht. Das macht ihn so mächtig.

Anders gewendet: Gott ließ sich in Jesus Christus für seine Überzeugungen am Kreuz festnageln. Das unterscheidet ihn von allen Strippenziehereien dieser Welt. Gegen die Macht des Todes macht Gott dort sein Leben als nicht zu bändigende Übermacht geltend, indem der Tod Jesu die erste und seine Auferstehung die zweite Silbe des Machtwortes Gottes ist.

Ist damit Gottes Machtwort ausgesprochen und herrscht nun Schweigen in der Welt? Der Verfasser des Epheserbriefes bestreitet das. Er behauptet, "die Macht" der "Stärke" Jesu Christ werde "bei uns wirksam" (Eph 1,19). Deshalb fordert er dazu auf: "Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke" (Eph 6,10).

Martin Luther ermutigten diese Sätze zu der machtpolitisch zentralen Äußerung, die Macht Gottes zeige sich "allein mit wort". Wo diese Macht zu Worte komme, werde es "greifflich, sichtbarlich" und Friede ziehe ein in die Herzen. [3] Indem Luther vom Herz spricht, spielt er auf das Gewissen an und kann sich dafür auf die neutestamentlichen Texte berufen.

Aktuell also ist Gott ein Meister des Machtwortes im Gewissen. Wenn das stimmt, dann kann gesagt werden: Das Gewissen, - dieser Machtfaktor sollte in der Welt stark gemacht werden. Nicht die Parlamente und Regierungen dieser Welt, nicht die Kirchen- und Bischofsämter sind adäquate Quellen der Macht. Die Gewissen der Individuen sind es. Sie wirken zwar längst nicht in jedem Fall und überall unmittelbar machtpolitisch. Denn sie sind zunächst einmal Machtfaktoren in den menschlichen Individuen. Aber indirekt wirken sie in jedem Falle, weil ihr anthropologischer Sitz das Herz ist. Das Herz aber ist ein Organ, wie ein Dichter einst sagte, aus Feuer gemacht. Es brennt, es ist ebenso innerlich, wie es nach außen hin machtvolle Flammen schlägt, ganz jenen alttestamentlichen prophetischen Feuerworten entsprechend. Im Herzen eines Menschen wird Gottes Machtwort also zu einer Lebensmacht, die bezwingend nach außen drängt. Hätte Martin Luther auf die Macht der Strippenzieherei gesetzt, hätte er wohl nie auf dem Reichstag zu Worms vorgesprochen. Er wäre als reformfreudiger Augustinereremit irgendwann alt, ledig und vergessen gestorben. Es kam anders. Während des Reichstags gab Luther zu Protokoll, er sei durch die von ihm angeführten biblischen Texte "überwunden" und mit seinem "Gewissen gefangen in den Worten Gottes" und könne "nichts widerrufen, weil gegen das Gewissen zu handeln weder sicher noch heilsam" sei.

Es wird geradezu leiblich spürbar, wie Luther hier vom Machtwort Gottes in seinem Gewissen in den Bann geschlagen wird. Hier zeigt sich, was auch in weniger spektakulären Lebenssituationen gilt: Gottes Macht ist also im Gewissen als raffinierte Gegenmacht in einer Welt machtvoller Sozialkontrolle unterwegs. Wie schon die Machtfrage Jesu am Kreuz, so müssen immer wieder neu die Tonlagen im Gewissen als Machtfaktor meditiert und durchbuchstabiert werden. Es kommt darauf an, hellhörig zu werden. Denn am Ende meldet sich Gott in den durchaus bestimmten, aber zurückhaltenden Tönen zu Wort. Zu diesen Tönen Vertrauen zu fassen heißt dann Glauben. Glaube aber setzt sich im Herzen, nicht über den Bizeps durch. Die eigentlich reformatorische Machtförmigkeit Gottes ist die der Gnade. Deshalb mag am Ende Shakespeare stehen, der die Macht der Gnade als allen Machtformen überlegene Machtform bedichtete: Die "Gnad ist über" alle "Zeptermacht", "sie thronet in dem Herzen..., Sie ist ein Attribut der Gottheit selbst, Und ird'sche Macht kommt göttlicher am nächsten, wenn Gnade bei dem Rechte steht". [4]


  1. Karl Barth, Kirchliche Dogmatik, Band II/1, S. 589.
  2. Dietrich Bonhoeffer, Brief an Eberhard Bethge vom 16.7.1944.
  3. Martin Luther, Predigt am Pfingstdienstag 1538, WA 46, S. 424f.
  4. William Shakespeare, Der Kaufmann von Venedig, Vierter Aufzug, Erste Szene.
Dr. Stephan Schaede
Stephan Schaede

ist Direktor der Evangelischen Akademie Loccum.

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-07-20