In der Verantwortung

Die Kirche muss einschreiten, wenn der Staat seine Macht missbraucht, meinte Dietrich Bonhoeffer. Und bereit sein, dabei auch Schuld auf sich zu laden.

Wir schreiben den 17. Juni 1940 [1]. Dietrich Bonhoeffer und sein Freund Eberhard Bethge verbringen einen Nachmittag in einem Gartenlokal gegenüber von Memel an der Spitze der Kurischen Nehrung. Da werden über den Lautsprecher die Rundfunknachrichten übertragen, die von dem Sieg deutscher Truppen über Frankreich berichten: Frankreich hat kapituliert. Ein Taumel ergreift die sommerliche Kaffeegesellschaft. Alle springen auf, reißen die Arme in die Höhe und singen: "Deutschland, Deutschland über alles" und "Die Fahne hoch". Nur Eberhard Bethge steht wie benommen daneben; er will sich an diesem Jubel nicht beteiligen. Da reißt Dietrich Bonhoeffer den Freund am Arm: "Bist du verrückt?", raunt er ihm zu und zwingt ihn förmlich, den Arm zu dem von ihm verachteten "Deutschen Gruß" zu erheben. Danach fügt er hinzu: "Wir werden uns jetzt für ganz andere Dinge gefährden müssen, aber nicht für diesen Salut".

Eine beiläufige Szene. Aber sie zeigt viel. Gewiss war Dietrich Bonhoeffer ein Mensch, der bereit war, Gesicht zu zeigen. Doch wer unter den Bedingungen einer Diktatur Gesicht zeigen will, muss auch bereit sein, das Gesicht zu verbergen. "Wir sind in allen Künsten der Verstellung geübt". Auch das gehörte zu der "Schuldübernahme", zu der diejenigen bereit sein mussten, die in einer solchen Situation verantwortlich handeln wollten [2].

Noch etwas anderes zeigt diese Szene: nämlich die enge Verbindung von Masse und Macht, die ein besonderes Kennzeichen von Diktaturen bildet. Elias Canetti hat dieses Phänomen eindringlich beschrieben 3]. In Deutschland gab es im vergangenen Jahrhundert besonders viel Anlass, es zu studieren. Das Verhältnis von Masse und Macht enthält in sich die Verführung zur Manipulation auf beiden Seiten: Manipulation der Massen um der eigenen Machtbasis willen, aber zugleich Perversion des Machtgebrauchs durch die Suggestion der Massen: so heißt der Teufelskreis, um den es geht.

Dietrich Bonhoeffer gehörte nicht zu denen, die Macht an sich für böse halten. Daran hinderte ihn schon seine Herkunft. In behüteten Verhältnissen war der in Breslau geborene Dietrich, das sechste von acht Kindern des Psychiaters Karl Bonhoeffer und seiner Frau Paula, in Berlin aufgewachsen. Im Berliner Grunewald wohnte die Familie in einem Umkreis, in dem sich intellektueller Weitblick mit der Bereitschaft verband, an der Gestaltung von Gesellschaft und Politik teilzunehmen.

In einem solchen Umkreis konnte Macht nicht einfach mit dem Bösen gleichgesetzt werden. Sie war aber auch nicht zureichend charakterisiert, wenn man sie lediglich machtpolitisch als die Fähigkeit verstand, den eigenen Willen gegen Widerstreben durchzusetzen, wie der berühmte Soziologe Max Weber das formuliert hatte [4]. Vielmehr musste man Macht elementarer als die Fähigkeit verstehen, gemeinsam mit anderen zu handeln und die Wirklichkeit zu gestalten [5]. Recht und Frieden konnten - diese Erfahrung musste jeder machen, der in der Weimarer Zeit aufwuchs - nicht ohne Macht gesichert werden. Umso gefährlicher freilich war es, wenn diese Macht pervertiert, an falsche Ziele gebunden und unter Manipulation der Massen eingesetzt wurde. Das geschah im Jahr 1933. Für den Freundeskreis der Familien im Berliner Grunewald, zu dem Dietrich Bonhoeffer gehörte, konnte kein Zweifel daran sein, wie man auf diese Wende in der deutschen Geschichte zu reagieren hatte. Der innere Widerstand begann sofort. Bei keinem war das deutlicher zu sehen als bei Dietrich Bonhoeffer.

Bei ihm hatte das freilich besondere Gründe. Er war nicht nur durch die Prägung in Familie und Freundeskreis innerlich gefestigt. Er hatte darüber hinaus einen sehr eigenen Weg eingeschlagen. Er hatte einen Weg in die Kirche gefunden und war Theologe geworden. Hinzu kam ein Erlebnis, das er im Rückblick auf das Jahr 1932 datierte: die Begegnung mit der Bergpredigt Jesu. Oft habe er die Bibel gelesen, so bekennt er später, aber nun habe sie ihm die Augen geöffnet. Es habe sich ihm gezeigt, dass er zwar Theologe gewesen, aber noch nicht Christ geworden sei. Seine Zielstrebigkeit erscheint ihm im Rückblick wie ein "wahnsinniger Ehrgeiz"; nun erst erkennt er es als seine Aufgabe, sich in seinem Leben ganz an Jesus Christus auszurichten und seinen Ort in der wirklichen, der sichtbaren Kirche zu finden [6].

Welch eine Fügung, dass Bonhoeffer diese Klarheit gewann, bevor die nationalsozialistische Gewaltherrschaft im Jahr 1933 ihren Anfang nahm. Denn ohne Zweifel war es dieser doppelte Hintergrund - die Urteilsfähigkeit, die er aus Familie und Freundeskreis mitbrachte, und die Klarheit seines Christusbekenntnisses - , der ihn dazu befähigte, gleich im Jahr 1933 so unzweideutig zu reden, wie er es tat.

Für den 1. Februar 1933 hatte Bonhoeffer einen Rundfunkvortrag übernommen. Es sollte der einzige seines Lebens bleiben. "Wandlungen des Führerbegriff s in der jungen Generation" hieß das Thema. Auf die deutsche Wirklichkeit, wie sie sich seit zwei Tagen darstellte, passte dieses Thema nur zu gut. Und es klang wie eine einsame Stimme der Vernunft , wenn Bonhoeffer gegen Ende seines Vortrags sagte: Lässt der Führer "sich vom Geführten dazu hinreißen, dessen Idol darstellen zu wollen - und der Geführte wird das immer von ihm erhoff en - , dann gleitet das Bild des Führers über in das des Verführers, dann handelt er unsachlich am Geführten wie an sich selbst. Der echte Führer muss jederzeit enttäuschen können. Das gerade gehört zu seiner Verantwortlichkeit und Sachlichkeit." [7]

Übertragen wurden diese Sätze freilich nicht mehr. Das Mikrofon war zuvor schon abgeschaltet worden [8]. Sein Blick auf den Umgang mit politischer Macht war aus diesem Text schon vergleichbar klar zu erkennen wie - nur wenige Monate später - aus dem Vortrag, den Bonhoeffer über "Die Kirche vor der Judenfrage" hielt [9]. Auch an ihm kann man sehen: Es ging ihm nicht darum, die Notwendigkeit politischer Macht zu leugnen. Sondern es ging ihm um deren richtigen Gebrauch. Er war aber klar und unzweideutig daran zu messen, ob Recht und Frieden gewahrt und gefördert wurden. Den Staat an diesen Auftrag zu erinnern, sah Bonhoeffer deshalb als die entscheidende politische Aufgabe der Kirche an. Wo immer der Staat dieser Aufgabe untreu wurde und Menschen dem rechts- und friedenswidrigen Handeln des Staates zum Opfer fielen, ergab sich daraus als Aufgabe der Kirche, die Opfer unter dem Rad zu verbinden. Doch wenn der Staat beharrlich gegen seine Aufgabe verstieß, für Recht und Frieden zu sorgen, dann genügte es, so erklärte Bonhoeffer unmissverständlich, nicht, die Opfer unter dem Rad zu verbinden, man musste vielmehr "dem Rad selbst in die Speichen fallen". Denn dann, so sagte er, war ein "unmittelbares politisches Handeln" der Kirche gefordert.

Worin dieses politische Handeln bestehen konnte, erläuterte Bonhoeffer in dem Vortrag von 1933 nicht; aber er illustrierte es durch sein eigenes Wirken. Dazu gehörte der Aufruf zu einem Konzil des Friedens im Jahr 1934 mit dem Appell an die Kirchen, "ihren Söhnen die Waffen aus der Hand zu nehmen" [10] - ein Schritt zu einem gerade in der damaligen Zeit wohl erwogenen Pazifismus, aus dem Bonhoeffer auch persönlich Konsequenzen zog. Dazu gehörte ebenso der Versuch, die Kirche zur Klarheit in den Bekenntnisfragen ihrer Zeit zu nötigen, insbesondere auch in dem klaren Bekenntnis zu ihren Gliedern jüdischer Herkunft, ein Schritt, der dann immer klarer zum Bekenntnis für das Lebensrecht aller Jüdinnen und Juden und zum Aufbegehren gegen Judenmord und Euthanasie führte, wie das "Schuldbekenntnis der Kirche" in Bonhoeffers "Ethik" besonders klar zeigt [11].

Zu den Konsequenzen aus der Begegnung mit der Bergpredigt gehörte ebenso der Versuch, die Kirche in Zeugnis und Gestalt zu stärken - und zwar dadurch, dass die jungen Pfarrer dafür ausgebildet und dazu befähigt wurden, in einer glaubenswidrigen Welt den Glauben an Jesus Christus zu bezeugen. Das setzte, wie Bonhoeffer erkannte, nicht nur Festigkeit in der Lehre, sondern Verwurzelung in gelebter Frömmigkeit und Erfahrungen mit einer überzeugenden Form des gemeinsamen Lebens voraus. So entlegen Finkenwalde bei Stettin, der Ort von Bonhoeffers Predigerseminar, vom politischen Machtzentrum Berlin aus auch immer erscheinen mochte: was Bonhoeffer seit 1935 im Predigerseminar und anschließend in der illegalen Theologenausbildung tat, war keine Abwendung von den politischen Einsichten, die er gewonnen hatte, sondern blieb darauf in einer unzweideutigen Weise bezogen.

Zu diesen Konsequenzen gehörte dann aber vor allem die Entscheidung, nicht vor Hitlers Krieg in die USA auszuweichen, um die Entscheidung zur Verweigerung des Kriegsdienstes nicht zur persönlichen Gefährdung werden zu lassen, sondern nach wenigen Wochen in New York im Sommer 1939 wieder nach Deutschland zurückzukehren, am Geschick des eigenen Volkes teilzunehmen, um für ein Deutschland nach Hitler zu wirken. Das war der Schritt, der Dietrich Bonhoeffer in die Konspiration gegen Hitler, in Gefängnis und gewaltsamen Tod führte. Wie sehr er dabei früh gewonnene Einsichten weiterführte, lässt sich exemplarisch an seinem Verständnis politischer Macht verdeutlichen. Die Klarheit, die sich schon in dem Aufsatz über "Die Kirche vor der Judenfrage" von 1933 zeigt, setzt sich fort. In den Fragmenten zu der geplanten Ethik, an der Bonhoeffer während der Zeit der Konspiration und der Vorbereitung des Umsturzes arbeitete, wird die politische Macht in die Lehre von den Mandaten eingeordnet, in denen sich Gottes in Jesus Christus offenbartes Gebot konkretisiert [12]. Keine Rede ist da von einer Eigengesetzlichkeit des Politischen; sondern die Bindung der politischen Machtausübung an den göttlichen Auftrag, für Recht und Frieden zu sorgen, beherrscht auch hier alle Überlegungen. Bonhoeffers Denken kann man insgesamt auf den Begriff einer Ethik der Verantwortung bringen. Sie ist früh angelegt und kommt in den Ethik-Fragmenten in einer beeindruckenden Weise zur Entfaltung. Dass Bonhoeffer von der menschlichen Verantwortung so hoch denkt, hat wiederum mit seinem familiären Hintergrund ebenso zu tun wie mit seiner theologischen Prägung.

Es hat vor allem auch damit zu tun, dass er den Weg, den er in seiner persönlichen Entwicklung gegangen ist, als einen Weg zur Mündigkeit erlebt hat, und dass er Mündigkeit als ein entscheidendes Signum der Moderne ansah [13]. Bonhoeffer sah in diesem Schritt zur Mündigkeit nicht eine Gefährdung des Glaubens, sondern einen Gewinn. Gerade angesichts der Mündigkeit des Menschen ist der Glaube ernst zu nehmen, und zwar nicht als eine abgegrenzte Region in der menschlichen Existenz, als ein Reservat der Frömmigkeit am Sonntagmorgen, als ein Gefühl im Innern der Person, sondern als Lebensakt. Dem Dasein Christi für andere, so heißt Bonhoeffers Überzeugung, entspricht eine Bereitschaft zum Dasein für andere, in der wir Verantwortung eben nicht nur als Vorsorge für das eigene Leben, sondern ebenso als Fürsorge für fremdes Leben verstehen. "Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine künftige Generation weiterleben soll": so heißt Bonhoeffers verantwortungsethischer Leitgedanke [14]. Er schließt die Bereitschaft ein, in der äußersten Situation zur Schuldübernahme bereit zu sein, nämlich dann, wenn Zuschauen und Tatenlosigkeit die größere Schuld wären. Im Begriff der Schuldübernahme klingt deutlich an, wie Bonhoeffer sein Handeln und das seiner Mitverschwörer in der Konspiration gegen Hitler verstand.

Dietrich Bonhoeffer, der jede Tötung eines anderen Menschen für schuldhaft hielt, sah sich vor die Frage gestellt, ob es Situationen gibt, in denen verantwortliches Handeln nur noch möglich ist, indem man zur Schuldübernahme bereit ist. Bonhoeffer bejahte diese Frage und nahm die Konsequenz daraus auf sich. Diesen Schritt in die Schuldübernahme aus Verantwortung muss man im Sinn haben, wenn man hört, dass Freiheit nicht darin besteht, im Möglichen zu schweben, sondern das Wirkliche tapfer zu ergreifen [15].


  1. Zum Folgenden Eberhard Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Theologe - Christ - Zeitgenosse. Eine Biographie, 9. Aufl. Gütersloh 2005, 765.
  2. Zum Begriff der Schuldübernahme vgl. Dietrich Bonhoeffer, Ethik (DBW 6), Gütersloh 1992, 275ff.
  3. Vgl. Elias Canetti, Masse und Macht (Gesammelte Werke 3), München 1994.
  4. Vgl. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Bd.1, 5. Aufl. Tübingen 1976, 28.
  5. Vgl. Hannah Arendt, Macht und Gewalt, 8. Aufl. München 1993, 45.
  6. Brief an Elisabeth Zinn vom 27.01.1936, in: Dietrich Bonhoeffer, Illegale Theologenausbildung Finkenwalde 1935-1937 (DBW 14), Gütersloh 1996, 112ff.
  7. Der Führer und der Einzelne in der jungen Generation, in: Dietrich Bonhoeffer, Berlin 1932-1933 (DBW12), Gütersloh 1997, 242-260 (257f.).
  8. Rundschreiben an Kollegen und Freunde vom 02.02.1933, in: Bonhoeffer (DBW 12) 1997: 47; vgl. Bethge 2005: 308.
  9. Die Kirche vor der Judenfrage, in: Bonhoeffer (DBW 12) 1997: 349ff.
  10. Kirche und Völkerwelt, in: Bonhoeffer (DBW 13) 1994: 298ff. (301).
  11. Bonhoeffer (DBW 6) 1992: 130.
  12. Bonhoeffer (DBW 6) 1992: 392ff.
  13. Bonhoeffer (DBW 8) 1998: 477, 511 u.ö.
  14. Bonhoeffer (DBW 8) 1998: 25.
  15. Bonhoeffer (DBW 8) 1998: 571.
Prof. Dr. Dr. Wolfgang Huber
Wolfgang Huber

Bischof i. R. der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburgschlesische Oberlausitz, war 2003 - 2009 Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-06-14