Die Macht der leisen Worte

Christian Lehnert führt in seinen Gedichten auch dorthin, wo es wehtut

Mit seinen Gedichten spricht er in einen völlig offenen Raum. Mit seinen Predigten wendet er sich an Menschen an einem bestimmten Ort und in einer bestimmten Situation. Der Dresdner Theologe Christian Lehnert ist einer der wichtigsten Vertreter der deutschen Gegenwartslyrik. Er weiß: "Lyriker sind die Grundlagenforscher menschlicher Sprachfähigkeit." Über die Theologen sagt er: "Wir nutzen die Potenziale der Predigt nicht." Der 43-Jährige weiß um die Macht der leisen Worte.

Dichter oder Theologe? Für Christian Lehnert sind das zwei Seiten einer Doppelexistenz, die sich nicht ineinander auflösen lassen. Er schreibt Gedichte, in denen es auch religiöse Erfahrungen gibt. Aber als christliche Gedichte möchte er seine Werke nicht bezeichnet wissen. Dem Unsagbaren nähert er sich - mit Hilfe einer komplexen Schreibtechnik - eher indirekt an. Doch wie kommt jemand dazu, sich einer solchen Aufgabe zu widmen? Und wie ist es überhaupt möglich, Eindrücke von Gefühlen und Stimmungen wie etwa "Liebe" oder "Stille" zu transportieren?

Du Gründer aller Stern, die Störche
am Himmel, Flügelschläge, was geschah
und was verging, und bei sich blieb im Schwinden,
sie ziehen fort, und alles zu verwinden,
gibt es die Route, die sie immer führt,
ist Sternenlicht so klar und ungerührt.

Lehnerts Werdegang gibt erste Aufschlüsse: Aufgewachsen in einem nichtreligiösen Elternhaus in der DDR, hat Lehnert als Jugendlicher zum Glauben gefunden. Noch in der jungen Gemeinde fängt er an, das damals herrschende Regime in Frage zu stellen. Die Macht der Worte erkennt er früh. "Was mich in meinem Denken und in meinem Schreiben aus dieser Zeit besonders geprägt hat, ist die Gespaltenheit der Öffentlichkeit und die Gespaltenheit der Sprache", sagt er. Bereits als Kind lernt er, dass er bestimmte Sachen sagen darf - und andere nicht. "Diese Schizophrenie im eigenen Ausdrucksvermögen, die hat mich unterschwellig sehr stark geformt."

Schreiben, um die Identität zu bewahren

Da er keinen Dienst an der Waffe leisten will, wird Lehnert mit 18 Jahren als Bausoldat eingezogen. "Man war kaserniert und arbeitete gleichzeitig auf Baustellen, heute würde man dazu Zwangsarbeit sagen", erinnert er sich. Der Tag wird im Achtstunden-Rhythmus aufgeteilt: acht Stunden Arbeit, acht Stunden Ausbildung, acht Stunden Schlaf. "Es lief eine Maschinerie, die darauf ausgerichtet war, das Ich oder das eigene Selbst zu zersetzen. An diesem Punkt war für mich das Schreiben etwas sehr Wichtiges", sagt er.

Und was ich glaube, ist ganz unverstanden,
das Sterben zweier Störche im November,
die nie die Kraft für ihren Heimflug fanden,
nie den Instinkt. Ich habe ein Geländer,
das ich mir selber halte, es ist fest.
Ich folge Spuren, die sich schnell verlaufen,
auf einem Pfahl am Weg ein leeres Nest,
das liegen bleibt, und warme Federhaufen.

30. November 2008, Wittenberg

Eine kontinuierliche literarische Arbeit lässt der reglementierte Tagesablauf bei der Baueinheit der Nationalen Volksarmee nicht zu. Dennoch versucht er die wenige Freizeit zu nutzen. Lehnert fängt an, sich Notizen zu machen und erstellt Listen zu Gefühlen und Beobachtungen. Das Schreiben wird für ihn existenziell. "Damit habe ich mir meine eigene Sprachfähigkeit und meine eigene Identität bewahrt. Es war ein Ausdruck, der notwendig dazu gehörte, dass ich ich selbst bin." Die Diktatur hat - gerade ob ihrer Schrecken - auch etwas Lehrreiches an sich. "In so eine Situation zu kommen, dass man darum ringen muss, seine seelischen Partikel beisammen zu halten, um nicht ganz zu zerfallen, ist natürlich eine extrem starke Schule für den eigenen Ausdruck und führt das Gedicht sofort in eine existenzielle Tiefe, die ich etwa in der westdeutschen Lyrik über weite Phasen auch vermisse."

Dichten als Rückzug

Das eigentlich angestrebte Medizin-Studium bleibt Lehnert nach der Bausoldaten-Zeit verwehrt. Er studiert stattdessen Religionswissenschaften, evangelische Theologie und Orientalistik. Und er will und muss schreiben. Die Lyrik erscheint ihm als der beste Weg, um seine eigenen Gefühle auszudrücken. "Für mich war das Gedicht eine Form, einen Ausdrucksraum mir zu erschaffen, in den ideologische Fragen nicht hineinreichen, in die die Diktatur nicht hineinreicht." Das Gedicht ist für ihn auch eine Form von Rückzug, nicht in die Ausdruckslosigkeit, sondern in eine andere Form des Sprechens.

Lehnert entscheidet sich trotz der Liebe zur Lyrik gegen eine reine Schriftstellerkarriere und wird Pfarrer in Müglitztal bei Dresden. Doch der Wunsch, zu schreiben, bleibt. Zwischen 1997 und 2011 erscheinen sieben Gedichtbände.

Verstörende Lyrik

Seine Gedichte handeln von erlebter Natur, von Reiseeindrücken, und immer wieder auch von Stille. Von Gott könne er im Gedicht nur im Modus der eigenen Erfahrungen und Tiefen reden, die nur suchend und tastend Sprache finden, sagt Lehnert. Darin distanziert er sich von christlicher Erbauungsliteratur. "Es gibt eine ganze Fülle kunsthandwerklicher, christlicher Erbauungs- Lyrik, die einfach nicht den ästhetischen und handwerklichen Maßstäben zeitgenössischer Literatur entspricht", sagt er. Diese Texte arbeiteten mit der Ästhetik der Bestätigung. "Der Leser bekommt etwas, dass er bereits weiß oder glaubt, in schönen Worten bestätigt. Er sitzt da und denkt sich "schön gesagt", kritisiert er.

Die losen Fäden, die sich um mich legen,
wie Spinnenhaar, die vielen klaren Sätze,
die Zähne auf dem Berg und in Gelegen
die Zeit, die ich im Sturzgefälle schätze,
bezeugen all das Ungesagte, Fremde,
durch das ich ziehe, lalle, ohne Stand,
an blanken Rohren wärm ich mir die Hände
und male Gott an jede leere Wand.

12. Januar 2009, Wittenberg

Wirklich in die Tiefe gehende Lyrik muss den Leser dagegen auch verstören, meint Lehnert. "Sie muss ihn in die Fremde führen, in einen neuen und unbekannten Raum. Dahin, wo er auch erschrickt und sich vielleicht auch nicht so wohlfühlt." Erbauungsliteratur verniedliche stattdessen und schneide Dimensionen des christlichen Glaubens weg.

Worte für das Unsagbare

Lehnert spielt mit der Sprache, verändert Grammatik und Satzbau, setzt die einzelnen Fragmente neu zusammen. Und er fängt an, Worte für das Unsagbare zu suchen. Dafür nutzt er verschiedene Techniken: "Die zentrale Form ist die Metapher. Sie überträgt ein Element aus einem bekannten sprachlichen Zusammenhang in einen Anderen, kombiniert den und nimmt gewissermaßen die  alte Bedeutung mit. Dadurch hat die Metapher die Eigenschaft, Neues sagen zu können. Sich also in etwas hinein bewegen zu können, wofür es noch keine Worte gibt", erklärt er.

Lehnert arbeitet mit Andeutungen und Stimmungen und verwendet eine Sprache, die einen sehr "tiefen Erinnerungs- und Erlebnisraum" hat, wie er sagt. "Das Gedicht verwendet in aller Regel Sprache, wo im einzelnen Segment sehr viel mitschwingt, wo jede einzelne Wortverbindung viel Erlebnisraum hat. Die Sprachwissenschaft sagt dazu Konnotation. Das Gedicht arbeitet mit Worten, die man mit Dingen verbindet."

Stille als offener Raum

Gedankliche Räume und spürbar gemachte Stille lassen sich in vielen seiner Gedichte erkennen, etwa in den Texten aus "Der Augen Aufgang" (2000) und "Aufkommender Atem" (2011). Doch wie kann Stille mit den Mitteln des Wortes beschrieben werden? Lehnert erklärt die Arbeitsweise für einen scheinbar paradoxen Auftrag: "Ich kann Gedichte dorthin führen, wo die Sprache ganz leise wird. Stille lässt sich im Gedicht in dem Sinne erzeugen, dass ein Wort um sich herum einen offenen Raum hat", sagt er. "Es steht da für sich, hat keinen grammatikalischen, keinen syntaktischen Bezug. Es ist zwar völlig zwingend, dass es dort in dem Text steht, aber es führt den Leser dazu, zu fragen: ,Warum steht das Wort jetzt hier?' Da entsteht so etwas wie ein stiller Raum."

Was er damit meint, erläutert Lehnert an seinem Gedicht "Und was ich glaube, ist ganz unverstanden" (siehe Abbildung S. 50). Der Text operiert gezielt mit einer Lücke zwischen dem Titel und den folgenden Zeilen. Zwischen den beiden Bildern entsteht ein Raum, und dieser Raum ist leer und still und knistert von Spannung", erläutert der Dichter.

Angedeuteter Abgrund

Eine andere Form, im Gedicht Stille zu erzeugen, findet Lehnert bei Paul Celan. "Celan macht das manchmal mit nur zwei Worten." Er führe den Leser an den Abgrund einer Geschichte. Der Leser erwarte "den Auftakt zu einer Erzählung, einem mehrbändigen Roman, es passiert aber nichts. Es bleibt nur bei den beiden Worten." So kann ein Gedicht Stille und Raum erzeugen, sagt Lehnert. "Das ist natürlich keine absolute Stille, sondern eine Stille im Angesicht der Möglichkeiten - die Stille der Schöpfungsfrühe."

Christian Lehnert, der Dichter und Theologe, will, dass seine Texte vorbehaltlos gelesen werden. Viel zu oft klebe an ihm das Etikett "Achtung, religiöser Dichter!", glaubt er. Und dies schränke das Wahrnehmungsspektrum der Leser ein. Gleichzeitig hofft er, dass seine Texte stark genug sind, um aus der Schublade herauszukommen und als das wahrgenommen zu werden, was sie sind: Der sprachliche Versuch, dem Unsagbaren näher zu kommen.

Stephanie Höppner
Stephanie Höppner

leitet das Korrespondentenbüro des Evangelischen Pressedienstes epd in Leipzig.

Christian Lehnert
Christian Lehnert

Dichter und Theologe. Er ist wissenschaftlicher Geschäftsführer des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der VELKD an der Universität Leipzig.

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-01-20