Eine für viele

Die Rolle der christlichen Kirchen in der Öffentlichkeit

Es ist ein genuines Charakteristikum der christlichen Religion, eine öffentliche Religion zu sein und aus ihrem Selbstverständnis heraus den Anspruch zu vertreten, die Welt in Politik und Gesellschaft mitzugestalten. Unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen von (religiöser) Pluralisierung und Individualisierung sind die Kirchen mehr denn je auch Interessensvertreter für ihre eigenen Belange, vor allem aber auch für die Wahrnehmung ihrer (religiösen) Überzeugungen in der gesellschaftlichen und politischen Öffentlichkeit. Zwar wird die Rolle der christlichen Kirchen in der Öffentlichkeit immer wieder diskutiert, bis heute lässt sich jedoch feststellen, dass die Präsenz und die Interessenvertretung der Kirchen in Politik und Öffentlichkeit nach wie vor sehr hoch ist. Wie dies von den Kirchen umgesetzt und vermittelt wird, soll im Folgenden am Beispiel der langjährigen Auseinandersetzungen über Integration, Asyl und Zuwanderung aufgezeigt werden. Denn an dieser Debatte lässt sich beispielhaft zeigen, wie sehr sich die Kirchen konstant an öffentlichen Disputen beteiligen, und wie die Beteiligung der Kirchen am politischen Prozess, häufig im Umfeld von Gesetzgebungsverfahren, ausgerichtet ist.

Neben der beständigen Beteiligung am öffentlichen Diskurs über Stellungnahmen wurden die Kirchen punktuell bei bestimmten Gesetzesformulierungen auch in den politischen Prozess direkt eingebunden, so z.B. die evangelische Kirche durch ihre Mitarbeit in der "Unabhängige(n) Kommission Zuwanderung", die den Auftrag hatte, Empfehlungen für einen gesamtgesellschaftlich konsensfähigen Gesetzesentwurf zu erarbeiten. Neben dieser unmittelbaren Einbindung haben die Kirchen auch immer wieder spezifische Schwerpunktthemen in die Debatte eingebracht und diese damit fokussiert, so zum Beispiel die evangelische Kirche in den 80er Jahren durch die Forderung einer notwendigen Auseinandersetzung mit zunehmender Fremdenfeindlichkeit und die Anerkennung der Notwendigkeit von Integration und entsprechender Möglichkeiten dazu oder die im Laufe der Jahre zunehmende positive Anerkennung von Pluralität für ein gelingendes Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Kulturen.

So zum Beispiel Präses Manfred Kock 2001 im Rahmen der Zuwanderungsdebatte: "Wir brauchen ein Gesellschafts- und Staatsverständnis, das der Realität einer ethnisch, kulturell und religiös vielfältiger gewordenen Gesellschaft entspricht. (.) Zugewanderte müssen zu mitgestaltenden, mittragenden Teilen unserer Gesellschaft werden. Integration ist ein Prozess, der auf Gegenseitigkeit und Vertrauensbildung angewiesen ist. Die Kirchen sind aktiv, um Zusammenleben zu gestalten und Verständnis zu fördern." Nach dem 11. September 2001 machte die evangelische Kirche auch früh auf die notwendige Reflexion des Themas Religion und der öffentlichen Rolle von Religion(en) und deren Anerkennung im Kontext gesellschaftlichen Zusammenlebens aufmerksam: "Die Religionszugehörigkeit ist ein wichtiger Integrationsfaktor, der im Integrationsprozess besondere Antworten und Berücksichtigung finden muss. (.) Denn unbeschadet der verbürgten Freiheit persönlicher religiöser Überzeugungen ist die öffentliche Präsenz von Religionen manchmal Anlass für Kontroversen. (.) Der Einführung eines islamischen Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen nach Art. 7 Abs. 3 GG kommt eine besondere integrationspolitische Bedeutung zu."

Inhaltlich positioniert sich die Kirche sowohl mit religiösen wie auch nicht-religiösen Argumentationen; entgegen der vielleicht verbreiteten Annahme, dass die religiösen Argumente und Bezüge überwiegen, zeigen die Analysen, dass die Argumentationen ausgesprochen anlass- und diskursbezogen sind und sich somit vielfach auch im Bereich des säkularen Expertenwissens bewegen. Gleichwohl vertritt die Kirche klar ihre Positionen und Interessen in den Debatten und wird mit ihrer klaren Option für den Anderen, den Fremden, und für Integration kenntlich, ebenso mit ihrer Forderung nach der Wahrung der Rechte der Migrantinnen und vor allem mit der Forderung nach dem Recht auf Familienzusammenführung. Alle drei Optionen werden auch je nach Anlass und Zielgruppe religiös begründet, zum Beispiel auf folgende Weise: "Migration und Fremdheit gehören zu den Grunderfahrungen des Glaubens. Diese wesensmäßige Nähe zu Fremden verpflichtet die Kirchen zur Solidarität mit den Migrantinnen und Migranten." So tritt die Kirche - auch in ihrem Selbstverständnis - als öffentliche Anwältin für Migrantinnen und deren Rechte wie insgesamt für Humanität ein: "Humanitäre Verpflichtungen sind keine Verhandlungssache, sondern moralisch und politisch unabdingbar."

Es wird aber auch die Rolle der Expertin eingenommen, wenn beispielsweise populistische Argumente wie die Rede von der drohenden Überfremdung bereits Mitte der 80er Jahre durch die sachliche Expertise einer von der Kirche eingesetzten Expertenkommission entkräftet wurden. Die Debatte über die Rolle der Religion in der Gesellschaft nach dem 11. September wurde auch zum Anlass zur Selbstreflexion, wenn etwa die Kirche angesichts der zunehmenden Zahl von Muslimen und damit einer steigenden Präsenz des Islams in Deutschland auch ihre eigene Rolle und die Position christlicher Religion in der Gesellschaft reflektiert und dabei die Anerkenntnis von Pluralität anmahnt: "Toleranz bedeutet nicht Gleichgültigkeit, sondern will das Zusammenleben höchst unterschiedlicher und einander ausschließender weltanschaulicher Bindungen und religiöser Bekenntnisse in gegenseitigem Respekt ermöglichen."

Die Beispiele der evangelischen Kirche zeigen eine nach wie vor hohe Bedeutung der christlichen Kirchen in den gesellschaftspolitischen Debatten der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Inwieweit der öffentliche Anspruch der Kirchen allerdings bei fortdauernden Entkirchlichungsprozessen auf Zukunft hin durch die Bevölkerung gedeckt sein wird, wird zu diskutieren sein.

Prof. Dr. Judith Könemann
Prof. Dr. Judith Könemann

ist Theologin und Soziologin im Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Universität Münster.

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-01-20