Nicht alleine in der Welt

Lesenswert: John Howard Yoder wagte eine Annäherung an eine politische Ethik Jesu

Die Kirchen der Reformation waren über Jahrhunderte ausgesprochen staatsnah. Das gilt für nahezu alle lutherischen und für viele reformierte Kirchen, nicht aber für den sogenannten "linken Flügel" der Reformation. Damit sind die aus der Täuferbewegung der Reformationszeit hervorgegangen Gemeinden gemeint mitsamt ihren vielen bis in die Gegenwart reichenden Gemeinschaftsbildungen. Vom "linken Flügel" spricht man hier, weil diese Gemeinschaften einerseits ausgesprochen kritisch gegenüber der staatlichen Autorität waren und andererseits nach innen hin wenig hierarchisch verfasst waren (und sind). Sie wollten sich deutlich unterscheiden von einem staats- und machtnahen Christentum. Der Gefahr, zur "Sekte" zu werden, ist man dabei nicht immer entgangen. Allerdings haben sich die meisten Gruppen ein sehr lebendiges Gefühl für Differenz und Pluralität erhalten, das sich unter gegenwärtigen Bedingungen eines durchgehenden Pluralismus sehr modern ausnimmt. Zwei Grundannahmen prägen die Theologie der täuferischen Gemeinschaften. Die erste Grundannahme besagt, dass sich Glaube nur in einer persönlichen Entscheidung äußert. Die zweite Grundannahme - nur auf den ersten Blick in Widerspruch zur ersten - meint, dass Gott ein neues Volk beruft, das als Gemeinschaft in der alten, vergehenden Welt lebt.

Die erste Grundannahme drückt einen hohen Respekt vor Würde und Freiheit des einzelnen Menschen aus, die zweite macht fähig, als Community innerhalb anderer unterschiedener Gemeinschaften zu leben.

In diesem Traditionsstrom steht das bedeutende Werk des amerikanischen mennonitischen Theologen John Howard Yoder (1927-1997). In der englischsprachigen Welt gehören seine Bücher zu den wichtigsten des 20. Jahrhunderts, in Deutschland allerdings sind sie wenig bekannt. In seinem wohl am weitesten verbreiteten Werk "Die Politik Jesu" ("The Politics of Jesus", 1972) wendet sich Yoder gegen das in der evangelischen Ethik weit verbreitete Vorurteil, dass vom Weg und von der Person Jesu her keine politische Ethik, keine Ethik des Sozialen für komplexe moderne Gesellschaften möglich sei. Wenn Yoder das Neue Testament auslegt (übrigens vollkommen ohne fundamentalistische Untertöne), dann beschreibt er das Gegenteil: Jesus ruft Menschen, mit ihm zu gehen, ihm in Gemeinschaft "nachzufolgen". Jesus übt mit seiner Gemeinschaft neue Regeln des Zusammenlebens ein. Diese Gemeinschaft stellt sich nach Yoder mitten in die politischen und sozialen Gegensätze der antiken Welt und steht für ein neues Lebensmodell von Partizipation, Gerechtigkeit und Gewaltfreiheit, das zutiefst anziehend wirkt.

Wo in einer "messianischen Ethik des anbrechenden Gottesreiches" Jesus selbst als ethisches Modell gesehen wird, dort entfaltet sich nach Yoder die verwandelnde Kraft des Lebens mit Jesus als eine erneuerte politische Praxis der von ihm geprägten Gemeinschaft (so im Buch "Body Politics" von 1992). Die geistlichen Kernpraktiken der Kirche nehmen die elementaren politischen Fragen auf, die bis heute gleich geblieben sind: in der Taufe werden die ethnischen Gegensätze überwunden; im Abendmahl werden die materiellen Ressourcen geteilt; im Binden und Lösen entsteht eine Konfliktkultur; in der Vielfalt der Gaben des Heiligen Geistes wird eine partizipatorische politische Praxis eingeübt. Dies lebt davon, dass mit dem Tod und der Auferstehung Christi die zerstörerischen Mächte entfesselter Gewalt überwunden sind und ein neuer Weg des gewaltfreien Widerstands möglich wird, der Verhältnisse von innen her verändert. Alles hängt, so Yoder, daran, dass die Kirche diese politische Dimension ihres Seins erkennt, in der pluralistischen Arena des Politischen kenntlich macht und in ihrer Gemeinschaft aus dieser Quelle und nach deren Maßstäben lebt.

Yoder bringt in seinem Werk die lange geistliche Praxis der Friedenskirchen in die gegenwärtigen Prozesse der Transformation des Politischen ein. Er beschreibt, welche Rolle die Christen und die Kirchen in diesen Prozessen spielen könnten, wenn sie selbst zur Erneuerung nach dem Bild des Evangeliums von Jesus Christus bereit sind. Im Gestaltwandel der Volkskirchen zu differenzfähigen und differenzsensiblen Minderheitenkirchen wäre von Yoder Entscheidendes zu lernen über die politische Rolle der Christen zwischen liberaler Zeitgeistverstärkung einerseits und der Versuchung zu reaktionärem Traditionalismus andererseits. Politische Praxis der Kirche ist - in Yoders eigenen Worten - "mehr als Individualismus plus Gesellschaftsvertrag auf der einen Seite oder Korporatismus und Subsidiarität auf der anderen." In diesem "Zwischenraum" könnten und müssten die Kirchen der Reformation heute politische Akteure sein.

Dr. Roger Mielke
Roger Mielke

ist Oberkirchenrat, Referent für Fragen der öffentlichen Verantwortung der Kirche im Kirchenamt der EKD.

John Howard Yoder
John Howard Yoder

(1927-1997), bedeutender mennonitischer Theologe, meinte: Christliche Gemeinschaften könnten und müssten als politische Akteure auftreten.

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-07-20