Warum ich im Bundestag Andachten halte

Josef Philip Winkler

Wenn man Medienberichte über Religion über einen längeren Zeitraum unvoreingenommen verfolgt, kann man den Eindruck bekommen, das Religiöse habe in unserer Gesellschaft zurzeit keinen guten Leumund: Während die christlichen Kirchen ihre Mitarbeitenden "unzeitgemäß" diskriminieren, stehen die islamischen Gemeinschaften zumeist unter dem Generalverdacht des Extremismus. Als Glaubender ist man in der Defensive. Das gilt zumal in meiner Partei, deren Gliederungen immer wieder mit Initiativen vorpreschen, die kirchlichen "Privilegien" abzuschaffen.

Nun halte ich den Gedanken, Althergebrachtes zu überdenken, nicht von vornherein für schlecht. Ähnlich wie bei den Reformatoren ist von Zeit zu Zeit ein kritischer Blick auf die Tradition erforderlich und die Frage zu stellen, ob der Status quo dem ursprünglichen Auftrag der Kirchen noch entspricht oder ob er eine leere Hülle geworden ist. Allerdings sollte dieser Blick sachlich und pragmatisch sein, denn Kirchenfeindschaft ist keine Haltung, sondern eine argumentative Bankrotterklärung.

Für mich kann ich feststellen: Glauben ist überhaupt nicht "unzeitgemäß" oder "überholt", denn ich empfinde ihn als Kraftquelle und Ruhepol zugleich. Besonders deutlich erkenne ich dies in den Andachten im Gebetsraum des Bundestages, die immer am Donnerstag und Freitag früh in Sitzungswochen stattfinden. Ihr erstes Merkmal ist, dass sie vordergründig zweckfrei sind, denn sie dienen nicht der politischen Kontaktpflege oder dem informellen Gespräch. Sie sind ein Angebot, zur Ruhe zu kommen und die politische Hektik für einen Moment zu vergessen. Das zweite Merkmal der Andachten besteht darin, dass sie interfraktionell und ökumenisch sind. Damit bieten sie die Gelegenheit, sich abseits von Parteizugehörigkeiten und Kirchenmitgliedschaften als das eine "Volk Gottes" zu begreifen.

Ich halte es in einer freiheitlichen Demokratie für unersetzbar, einen Rahmen zu haben, in dem nicht das nackte Finanzielle und das kalte Politische die Oberhand besitzen. Der Gebetsraum ist Stein gewordenes Zeugnis dafür, dass Glauben nichts Einengendes ist, das belastet oder bedrückt. Glaube befreit von der Last, alle Dinge selber machen und erreichen zu müssen. Und deshalb ist es mir ein Anliegen, meinen Teil zum Gelingen dieses Rahmens beizutragen, indem ich von Zeit zu Zeit selbst das Wort ergreife und eine Andacht gestalte.

Josef Philip Winkler
Josef Philip Winkler

ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Meine Rede

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-01-20