Verdrängen gilt nicht mehr

Cornelia Coenen-Marx sprach mit dem Politikwissenschaftler Fritz Erich Anhelm über die Notwendigkeit einer Zeitenwende, wie tiefgreifend diese sein könnte und welche Rolle die Kirchen dabei spielen

Cornelia Coenen-Marx: Mit seiner Stellungnahme "Wie ein Riss in einer großen Mauer" hat der Rat der EKD im Jahr 2009 eine politische Perspektive gewiesen: Es geht um die konsequente Entwicklung einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft. Vor welchen Herausforderungen stehen wir heute auf diesem Weg?
Fritz Anhelm: Wer sich darüber ein halbwegs umfassendes Bild machen will, sollte ein paar grundlegende Analysen aus unterschiedlichen Kontexten im Zusammenhang lesen: Das Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU): "Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation" (2011). Den Bericht der Ethik-Kommission der Bundesregierung Sichere Energieversorgung (Toepfer-Kommission) zum Gemeinschaftswerk Energiewende (2011). Den Vorschlag für einen neuen sozial-ökologischen Indikatorensatz zur Ergänzung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) durch die Enquete-Kommission des Bundestages Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität (2013). Den nach Interpretationsquerelen gerade erschienenen Armuts- und Reichtums-Bericht der Bundesregierung. Und die Zwischenbilanz der Millenniumsziele der Vereinten Nationen zur Armutsbekämpfung (2010).
Daraus ergibt sich ein gigantisches Anforderungsprofil für die Transformation, der sich die Weltgesellschaft gegenübersieht, global bis lokal. Klar ist: Vertrösten und Verdrängen gilt nicht mehr. Handeln ist das Gebot der Stunde.
Der Begriff "Große Transformation" ist strittig. Geht es nicht lediglich um einen weiteren zeitgeschichtlichen Übergang, wie wir das seit 1969 oder 1989 erleben?
1969 markiert die Auseinandersetzung der Kriegs- mit der Nachkriegsgeneration zwischen Schuld und Pragmatismus, Vietnam und Wirtschaftswachstum, alten Autoritäten und neuen Lebensentwürfen. 1989 markiert das Ende der Bipolarität hoch gerüsteter Systeme, das Schleifen von Mauern aus Beton und Ideologien, aber auch den Beginn der ökonomischen Uniformierung der Weltgesellschaft nach westlichen Vorgaben. Sicher wirkt dies alles noch. Doch die "Große Transformation" reicht tiefer und weiter. Im Kern geht es um Alternativen zum rücksichtslosen fossilen Naturverbrauch und zu profitgetriebenen ökonomischen Konkurrenzsystemen, um die globalen ökologischen und sozialen Kosten, die wir in der menschheitsgeschichtlich kurzen Zeit der Industriellen Revolution uns und den nachfolgenden Generationen aufgebürdet haben. Diese Fehlentwicklungen stellen die Überlebensfähigkeit des Planeten und derer, die auf ihm wohnen, in Frage. Und die, die am wenigsten dazu beigetragen haben, müssen als erste um ihr Leben laufen. Schon seit 40 Jahren, seit der Veröffentlichung des Club of Rome zu den "Grenzen des Wachstums" wissen wir um das Problem. Die Zeit der Problembeschreibung ist nun vorbei. Dringlich ist die verantwortliche Umsetzung bereits entwickelter wirksamer Alternativen.
Inwiefern ist das eigentlich ein Thema für unsere Kirche? Können wir aus den Quellen der jüdischchristlichen Tradition und der Aufklärung einen spezifischen, einen theologischen Beitrag zu dieser Debatte leisten?
Die Herausforderung ist ohne einen "Exodus" aus den strukturellen Dynamiken unserer Lebens- und Konsumkultur nicht hinreichend zu beantworten. Es gilt, das praktische Verständnis von der Würde der Schöpfung Gottes und ihrer Geschöpfe neu zu gewinnen. Das ist in Ökonomie und Politik und unserem Alltagsverhalten weitgehend verloren gegangen. Will man den "Neuen Gesellschaftsvertrag" theologisch deuten, ist man auf die zeitgerechte Interpretation des Bundes zwischen Gott und den Menschen verwiesen. Beim Stichwort Aufklärung sehe ich eine Ambivalenz zwischen dem, was sie als Menschen- und politische Partizipationsrechte geltend gemacht, und dem, was sie an mechanistisch-technisch-funktionaler Natur- und Weltbeherrschung provoziert hat. Für das protestantisch-reformatorische Prinzip der Weltverantwortung sind deshalb transformative Spiritualität und vernünftige Güterabwägung im Geist sozialer Rücksicht und ökologischer Voraussicht die entscheidende Zeitansage.
Welche Rolle können dann die Kirchen in diesem Kontext spielen?
Kirchen in unserem Land mit ihren diakonisch-sozialen Diensten sind große Arbeitgeber, große Grundbesitzer, Großkonsumenten und verfügen über viel Anlagekapital und Gebäudebestand. Wie sie in Zukunft damit umgehen, ist der Prüfauftrag für ihre eigene Transformation. Die sozial-ökologische Gestaltung von Tarif- und Pachtverträgen, des Beschaffungswesens und der Energieversorgung, die verantwortlich-innovative Handhabung von Geldanlagen, die effiziente Gebäudesanierung und Bereitstellung von Dächern und Land für erneuerbare Energieträger, die Beteiligung und Förderung des Engagements von Haupt- und Ehrenamtlichen z.B. bei Genossenschaftsgründungen - all das entscheidet darüber, ob unsere Kirchen der Zeitansage gerecht werden. "Ecclesia semper reformanda" darf vor der sichtbaren Gestalt der Kirche nicht haltmachen.
Ein Gesamtplan kirchlichen Handelns, der die ökonomischen, sozialen und ökologischen Aspekte der Transformation aufeinander bezieht, tut not. Damit könnten die Kirchen gesellschaftlich einen deutlichen Impuls setzen, der ihre Glaubwürdigkeit erhöht und aus der Agonie verbreiteter Rückbaumentalitäten befreit. Der "Konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung" tritt in seine Konkretisierungsphase. Was bedeuten Begriffe wie Ökonomie für das Leben, solidarische oder Ökonomie des Genug, gerechter Friede und Klimagerechtigkeit praktisch? So wie es aussieht, wird die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen im Herbst 2013 in Busan (Südkorea) ihre Mitgliedskirchen zu einem siebenjährigen Pilgerweg genau zu diesen Themen aufrufen. Es sind sieben Jahre, die uns bleiben, um das Wachstum des CO2-Ausstoßes fossil befeuerten Energieverbrauchs umzukehren. Anders ist das Ziel der Begrenzung der Erderwärmung auf 2 Grad nicht zu halten. Danach versagen die Rechnungen der Experten.
Viele halten es für notwendig, dass sich die Kirchen auf diesem Weg in zivilgesellschaftliche Bündnisse begeben. Aber birgt das nicht auch neue Probleme?
Was soll daran problematisch sein? Vielleicht ist es manchmal anstrengend. Aber ohne die öffentlich wahrnehmbare Koalition der großen zivilgesellschaftlichen Akteure wird sich wenig bewegen. Vom Transformationskongress im Juni 2012, der Gewerkschaften, Kirchen und Umweltverbände zusammenführte, gingen trotz mancher innerer Differenzen deutliche Impulse aus. Klimabündnisse von lokal bis global erhöhen den Druck auf politische Entscheidungen. Das alles muss weiter ausgebaut werden. Es ist zu hoffen, dass der Beschluss der EKD-Synode vom November 2012 zur "Beteiligung an der gesellschaftlichen Transformation - nachhaltig handeln - Wirtschaft neu gestalten - Demokratie stärken" in eben diese Richtung wirkt.

Die Fragen stellte Cornelia Coenen-Marx.

Cornelia Coenen-Marx
Cornelia Coenen-Marx

ist Oberkirchenrätin, Referentin für Sozial- und Gesellschaftspolitik sowie für die Verbindung von Kirche und Diakonie im Kirchenamt der EKD.

Dr. Fritz Erich Anhelm
Fritz Erich Anhelm

war bis 2010 Direktor der Evangelischen Akademie Loccum.

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-01-20