Wider die Gleichschaltung

Die Barmer Erklärung war zutiefst theologisch - und gerade deshalb hochpolitisch

Wer heute durch Barmen, eines der Stadtzentren in Wuppertal geht, wird vergeblich nach Spuren der Reformation suchen. Ins Auge stechen zunächst die Folgen einer tief greifenden Transformation gesellschaftlicher Wirklichkeit städtischen Lebens. Die großen evangelischen Kirchen der Stadt müssen sich den sozialen und interkulturellen Herausforderungen stellen, wollen sie nicht nur die Silhouette der Stadt zeichnen, sondern das Miteinander der Stadt prägen.

Und doch ist bis heute mit dem Namen "Barmen" auch etwas anderes verbunden: Vor 80 Jahren war die Gemarker Kirche im Zentrum Barmens ein Ort, der die Lebendigkeit und gestalterische Kraft der Reformation im 20. Jahrhundert unter schwierigsten politischen und gesellschaftlichen Bedingungen zum Leuchten brachte.

Im Mai 1934 kommen Vertreter aller evangelischen Kirchen in Deutschland zur Barmer Bekenntnissynode zusammen. Über die Grenzen aller evangelischen Konfessionen hinweg widersetzen sich die 139 Delegierten, unter ihnen eine Frau, der Gleichschaltung der evangelischen Landeskirchen durch die nationalsozialistische Diktatur. In der Konfrontation mit dem umfassenden Herrschaftsanspruch der Nationalsozialisten wird auf der Bekenntnissynode in der Gemarker Kirche ein eigenes Verständnis von Kirchenleitung und Kirchenrecht formuliert und in der Barmer Theologischen Erklärung niedergeschrieben. In der Vielfalt ihrer reformierten, lutherischen und unierten Herkunft finden die Synodalen ihre Orientierung letztlich in der reformatorischen Konzentration auf das Evangelium von Jesus Christus. Ihm allein und darin Gottes Zuspruch und Anspruch in allen Bereichen des Lebens wollen sie gehorchen.

Die Fragen heute sind die Gleichen

Der Stachel des reformatorischen Denkens, der sich im 16. Jahrhundert gegen eine römische Amtskirche und ihre Ordnung des menschlichen Lebens gerichtet hatte, aktualisiert sich 1934 im Kontext auf den totalitären deutschen Staat.

Eine zutiefst theologische Erklärung, die innerhalb der evangelischen Kirche Klarheit schaffen soll, wird auf einmal politisch. Gerade darin liegt wohl bis heute die Kraft dieser Erklärung: Sie ist von Anfang bis Ende ganz bei der theologischen Sache und doch spürt man ihr in Bibelzitat, Thesen und Verwerfungssätzen an, dass sie von der Kraft des Wortes Gottes getragen in die konkrete zeitgeschichtliche Wirklichkeit hinein redet.

Zwischen 1934 und 2014 sind 80 Jahre vergangen, in denen die Welt und die Menschen sich verändert haben. Fremd kommen uns die alten Bilder vor, die alte Frakturschrift macht manch schweren Text für unsere Augen schlecht lesbar und doch werden wir mit den Menschen damals durch unsere gemeinsame Suche nach Orientierung zusammengehalten. Die großen Herausforderungen für das Handeln von Kirche und jeden einzelnen sind andere geworden, aber die Fragen bleiben damals wie heute die Gleichen: abgrenzen?

Nur wer weiss, wo er steht, kann widerstehen

Im Ringen um Antworten auf diese Fragen kann die Barme Theologische Erklärung ihre Kraft entfalten und herausfordern. Denn nur wer weiß, wofür er steht, kann auch widerstehen. Ausstellung zur Barmer Theologischen Erklärung eröffnet. Unter dem Arbeitstitel "Zwischen Widerstand und Anpassung" wird die Erklärung selber, ihre Wirkungsgeschichte und die orientierende Kraft ihrer Aussagen allgemeinverständlich zugänglich gemacht werden. Der Blick auf die 1934 aktualisierte und fortgeführte reformatorische Bewegung soll dabei für ein tieferes Verständnis der Gegenwart sensibilisieren und Besucherinnen und Besucher einladen, die eigene Haltung und das eigene Verhalten im Horizont der gegenwärtigen Herausforderungen zu reflektieren.

Die Barmer Theologische Erklärung - ob als "Bekenntnis" oder zeitgeschichtliches Dokument verstanden - zeigt, welche Rolle reformatorische Traditionen, der christliche Freiheitsbegriff, die Betonung der Eigenverantwortlichkeit und der Gewissensentscheidung jedes Einzelnen bei der Gestaltung einer demokratischen, friedlichen und sozialgerechten Gesellschaft spielen kann. Zugleich nimmt sie aber auch die Kirche im 21. Jahrhundert in die Pflicht, Transformationsprozesse in Staat und Gesellschaft im Vertrauen darauf mitzugestalten, was als Abschlusswort unter die Barmer Theologische Erklärung gesetzt wurde: "Verbum dei manet in aeternum" - "Gottes Wort bleibt in Ewigkeit".

Martin Engels
Martin Engels

Pfarrer in der ev.-reformierten Gemeinde Ronsdorf, leitet das Projekt zur Barmer Theologischen Erklärung im Kirchenkreis Wuppertal.

Alltagsgeschichten

Keiner lebt für sich allein: Fünf Alltagsgeschichten über Zelte in der Kirche, Gemeindefeste und Brokdorf-Heimkehrer. Hier lesen Sie mehr.

Material

Bilder für die Gemeindearbeit stehen hier zum Download bereit. Verwenden Sie die Fotostrecken zum Themenheft weiter und gestalten Sie damit Postkarten, Schaukastenplakate und Gemeindebriefe. Dies alles gibt es gratis.

Links

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-06-14