Mit Gott in den Krieg

Als 1914 die ersten deutschen Soldaten in die Schlacht zogen, standen die Kirchen hinter ihnen. Aber nicht geschlossen

"Die evangelischen Kirchen im Deutschen Reich haben von jeher eine nationale Haltung eingenommen. Sie waren überzeugt, ihrem christlichen Charakter nichts zu vergeben, wenn sie dem Kaiser gaben, was des Kaisers war." So schrieb der Generalsuperintendent der Kirchenprovinz Schlesien, Martin Schian, im Rückblick auf den vergangenen Weltkrieg. Damit lag er richtig: Vom Topos der "teutschen Nation" in der Wittenberger Reformation über den Konnex von Pietismus und Patriotismus bis hin zu den Befreiungskriegen war der deutsche Protestantismus mit dem Gedanken der Nation verbunden. Recht und Pflicht zum Krieg für das Vaterland standen 1914 weithin außer Frage. Die altpreußische Landeskirche etwa ergänzte vor Kriegsbeginn ihre Wehrmachtsfürbitte lediglich um "Luftfahrzeuge". Moderner Pazifismus und Ökumene blieben als Novitäten eine Sache von Minderheiten.

Im Krieg leisteten die Volkskirchen - wie auch in Frankreich oder England - mit großer Selbstverständlichkeit Unterstützung an Front und "Heimatfront": Gottesdienste bei Siegen und Niederlagen, Kriegsbetstunden und vielfältige sozialdiakonische Hilfen auf Gemeinde ebene waren dabei die eine Seite der Medaille, das enge Zusammenspiel von Kirchen- und Reichskriegsbehörden die andere. So ließ der Evangelische Oberkirchenrat in Berlin zu Kriegsbeginn einen - von ihm selbst entworfenen - kaiserlichen Erlass von den Kanzeln verlesen, in dem es hieß: "Reinen Gewissens über den Ursprung des Krieges, bin ich der Gerechtigkeit unserer Sache vor Gott gewiß". 1917 verwies er angesichts wachsender Resignation auf die Passion Jesu als  Vorbild für das Durchstehen von Leiden und machte schließlich die Werbung für Kriegsanleihen zum pfarramtlichen Auftrag.

Wirkmächtig bis heute sind die Bilder der Kriegsbegeisterung vom August 1914. Karl Barth meinte damals, in Deutschland seien "Vaterlandsliebe, Kriegslust und christlicher Glaube in ein hoffnungsloses Durcheinander" geraten und es herrsche eine uniforme "Kriegstheologie". Beides lässt sich so nicht halten. Die Kriegsbegeisterung war weder flächendeckend noch von der ganzen Bevölkerung getragen. Besonders flammte sie nach den ersten Siegen auf. Der Leipziger Pfarrer Georg Liebster schrieb daraufhin: "Jedes Verständnis für Jesus, für Demut, Feindesliebe ist im religiösen Kriegsfuror erloschen." Die Beschwörung des "Geistes von 1914" in der Folgezeit war dann ein Propagandamittel der Heeresführung gegen nachlassenden Enthusiasmus. Auch Ernst Troeltsch dichtete zunächst mit am Mythos "jener unbeschreiblichen Einheit des Opfers, der Brüderlichkeit, des Glaubens und der Siegesgewißheit".

Der Hauptstrom kirchlicher Verkündigung und Verlautbarung bewegte sich in den Bahnen einer nationalkonservativen Geschichtstheologie. Nach Meinung der führenden deutschen Intellektuellen verteidigte sich "ein Kulturvolk, dem das Vermächtnis eines Goethe, eines Beethoven, eines Kant ebenso heilig ist wie sein Herd und seine Scholle", wie es im "Aufruf an die Kulturwelt" hieß.

Jedoch: Eine "Vereinigung von Potsdam und Bethlehem" (Friedrich Naumann) konnte aus politischen wie theologischen Gründen nicht dauerhaft gelingen. Für Liebster war das Gebet um den Sieg der deutschen Waffen "ein Schlag gegen die Jesusreligion". Martin Rade beurteilte den Krieg als "Bankrott der Christenheit", da der Glaube für nationale Interessen instrumentalisiert würde. Und auch Troeltsch konstatierte bereits 1915 ein Versagen der Kirchen. Sie hätten - gegen Realpolitik und Kriegsphilosophie - am Gebot der Feindesliebe festhalten und sagen müssen, dass vom Glauben eine Kraft der Versöhnung ausgeht.

Indes bemühten die Schweizer religiös-sozialen Kritiker des Krieges nationalkulturelle und theologische Differenzen: Leonhard Ragaz erkannte einen welthistorischen Kampf zwischen nationalistischem Luthertum und demokratischem Reformiertentum. Karl Barth sah in den Deutschen "mitsamt ihren großen Kanonen" selbsternannte "Mandatare" Gottes und stellte ihnen die neutrale Schweiz als Gleichnis von dessen Reich entgegen.

Im deutschen Protestantismus aber bildeten sich zwei Lager: Im einen sammelten sich unter der Führung von Reinhold Seeberg die Annexionisten. Im anderen fanden die Befürworter einer gemäßigten Kriegszielpolitik und demokratischer wie sozialer Reformen zusammen. Seeberg, der eng mit den Verbänden der deutschen Schwerindustrie kooperierte, vertrat eine völkisch zugespitzte Sozialethik. Aus einer lutherisch begründeten kulturellen Überlegenheit des Deutschtums leitete er das Recht und die Pflicht geistiger wie territorialer Expansion ab. Siegfrieden und unbeschränkter U-Boot- Krieg lauteten die Parolen in Seebergs Lager. Dazu gehörte u.a. der spätere Erlanger Professor Paul Althaus, der als Feldprediger seinen "Gott der feldgrauen Männer fand", der Kopf der Lutherrenaissance, Karl Holl, sowie der Politiker und Theologe Gottfried Traub. Letzterer reagierte 1917 auf den Friedensappell von Benedikt XV. so: "Wir gehen nicht nach Rom und nicht nach Stockholm, wir gehen nach Friedrichsruh und auf die Wartburg und warten bis der Sieg der deutschen Waffen zu Wasser und zu Land sich voll entscheidet". Innere Reformen, insbesondere eine Wahlrechtsreform, galten den Annexionisten als hohes Risiko. Auch pietistische Kreise sahen mit dem "Wahlsystem der Gasse" den "Volksstaat" heraufziehen, in dem die Kirche von den "künftigen Herren" die "Bescheinigung für ihre bisherige Staatsfrommheit" erhalten werde, was allerdings die Chance zur deren Besinnung eröffne, wie im Wochenblatt "Licht und Leben" zu lesen stand.

Das Lager der sozialliberalen Protestanten um Troeltsch, Adolf von Harnack und den Kieler praktischen Theologen Otto Baumgarten dagegen hatte bereits vor dem Krieg auf gesellschaftlichen Ausgleich und eine Integration der Arbeiterschaft gesetzt. Nun fokussierte der von Kaiser Wilhelm II. hochgeschätzte Harnack die Nachkriegssituation und drängte in zwei Denkschriften an den Reichskanzler auf Reformen. Er verlangte eine Wahlrechtsänderung, volle Religionsfreiheit, das Koalitionsrecht für Gewerkschaften und eine Ergänzung der deutschen Politik und Kultur mit westeuropäischen Ideen. Nur so könne das deutsche Volk zu "dem in Gott gegründeten Idealismus" durchdringen. Troeltsch forderte in seiner Kaisergeburtstagsrede 1916 Verantwortung für eine Nachkriegsordnung und suchte in der Geschichte nach Wertmaßstäben für die Zukunft. Ihm schwebte eine "Kultursynthese des Europäismus" vor. Vom alldeutschen Chauvinismus war man hier weit entfernt. Otto Baumgarten griff diesen als antichristlich an, da "die selbstgefällige, trotzige Verleugnung alles Interesses an der Menschheit" unvereinbar sei "mit der Grundgesinnung eines Jüngers Jesu".

Im Jahr des 400. Reformationsjubiläums prallten beide Lager nicht nur im Streit um die Demokratie hart aufeinander. Die Annexionisten feierten den Sturz des gemäßigten Reichskanzlers Bethmann-Hollweg. Zugleich wurde Generalfeldmarschall von Hindenburg anlässlich seines 70. Geburtstags zum deutschen und evangelischen Christen par excellence und Gegenüber Luthers stilisiert. Eine Schrift zum Reformationsjubiläum stellte "Hindenburgworte im Lutherton" neben "Lutherworte zu Hindenburggedanken." Luther erschien als "Mann von Erz" bzw. Schmied, wie in diesem Gedicht:

Du stehst am Amboß, Lutherheld,
Umkeucht von Wutgebelfer
Und wir, Alldeutschland, dir gesellt,
Sind deine Schmiedehelfer.
Wir schmieden, schmieden immerzu
Alldeutschland, wir und Luther Du
Das deutsche Geld und Eisen.
Und wenn die Welt in Schutt zerfällt,
Wird deutsche Schwertschrift schreiben:
Das Reich muß uns doch bleiben.

Intellektuell anspruchsvoller konzipierte Reinhold Seeberg die Reformation dogmengeschichtlich als Christentum im "germanischen Geist", die sich durch "Konzentration aller Kräfte in einer heroischen Führerpersönlichkeit" auszeichne. Nicht völkisch, sondern kulturell wertete dagegen der Historiker Robert Holtzmann die Reformation als "ganz große deutsche Kulturtat" und politisch als "eminent demokratische Bewegung".

Als die Monarchie 1918 kollabierte, herrschte auch im sozialliberalen Lager kein Jubel. Liebster predigte: "Der stolze Bau des neuen deutschen Kaisertums ist zusammengebrochen wie ein Kartenhaus. Es ist nichts mehr davon vorhanden als die leeren Paläste, auf denen die rote Fahne weht." Und weiter: "Ebensowenig wie ich gleichgültig bleiben könnte, wenn sie mir meinen Vater verjagten, kann ich mich freuen, daß sie den Kaiser abgesetzt haben." Während aber Seeberg, Althaus, Holl und Traub weiterhin für den deutschnationalen Weg des Mehrheitsprotestantismus wirkten, gelang es den sozialliberalen Protestanten, sich auf den Boden der neuen Republik zu stellen: Troeltsch saß 1919 für die linksliberale Deutsche Demokratische Partei Friedrich Naumanns, in der auch Baumgarten und Rade aktiv waren, in der Preußischen Landesversammlung. Zudem wurde er Unterstaatssekretär im Preußischen Kultusministerium. Harnack war als Reichskommissar für Kirchen- und Schulfragen an der Weimarer Nationalversammlung beteiligt.

Dr. Sebastian Kranich
Sebastian Kranich

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Systematische Theologie (Ethik) an der Universität Heidelberg.

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-01-20