Organgensaft? Nicht regional!

Die Besucher im norddeutschen Christian Jensen Kolleg passen auf. Gut so, findet Leiter Friedemann Magaard. Schließlich ist ein "Bildungszentrum für nachhaltige Entwicklung" in der Pflicht, seinen politischen Anspruch auch selbst umzusetzen

In ein Bildungshaus kommen sie alle: die Frommen und die Frechen, Funktionäre und Futuristen, Fußvolk und Avantgarde. Dazu Gewerkschafter, Umweltfreundinnen, Unternehmerinnen, Journalisten: alle kommen, um zu vernetzen, um zu lernen - und dabei befragen sie die Bildungshäuser nach der Stimmigkeit von Inhalt und eigener performance.

In dem nördlichsten kirchlichen Bildungshaus Deutschlands, kurz vor Dänemark zwischen Emil Nolde, Wattenmeer und Windparks gelegen, im Christian Jensen Kolleg in Breklum lautet die Gretchenfrage dieser Tage: "Wie hältst Du es mit der Transformation?" Konkret: wenn etwa die landeskirchliche Klimakampagne in unserem Haus eröffnet wird, fragen Podiumsgäste schon mal nach den Leuchtmitteln im Saal. Allseitiges Aufatmen, wenn ein nachhaltiges Energiekonzept vorliegt . Wenn die Elektrofahrräder, die in Seminarstärke auszuleihen sind, mit regenerativem Strom aufgeladen werden und wenn Veranstaltungen in Abstimmung mit den Fahrplänen des ÖPNV getaktet werden.

Es muss doch Orte geben, in denen wir zeigen: es geht! Worte und Taten kommen nahe zusammen, immer als Kompromiss im Alltäglichen, wie sonst?, aber in kontinuierlicher Reflexion über das, was die stimmige Entsprechung zwischen politischem Anspruch und praktischer Umsetzung erhöht. Orte, die den auffordernden Appell des Transformationsgedankens "Du musst dich ändern" verbinden mit dem das Intrinsische befördernden Zuspruch "Du kannst dich verändern, es geht!"

Nach Doku-Film über Plastik: keine PET-Flaschen mehr

Als "Bildungszentrum für Nachhaltige Entwicklung" im Rahmen der UN-Dekade für Nachhaltige Entwicklung 2009 zertifiziert, denken wir im Christian Jensen Kolleg die Bildungsinhalte zu Themen der Transformation eng mit der operativen Ausgestaltung des Bildungsortes zusammen - nicht zuletzt dank der kritisch-solidarischen Begleitung einer aufgeweckten Gästeschar. Wenn wir schon Kaltgetränke aus der Region anböten, warum wir im Sortiment den Orangensaft der Schleswig-Holsteinischen Süßmosterei im Angebot hätten, fragte mich letztens eine externe Referentin. Sie hätte in unseren Breiten noch keine Orangenplantagen gesehen. Nun stehen neben dem Mineralwasser aus Husum, dem Bier aus Flensburg, dem regionalen Apfelsaft nur Johannisbeer-Säfte. Das Paket stimmt jetzt. Nur das Weißbier kommt weitgereist aus Bayern: da kann man nichts machen. Das gute Leben kommt auch in Nordfriesland ohne Kompromisse nicht aus.

Wenn der Transformationsgedanke nach sich zieht, dass sich alle, wirklich alle Lebensbereiche grundlegenden Wandlungen unterziehen müssen, damit die drängenden Zukunftsthemen dieser Einen Welt angegangen werden können, und wenn damit gemeint ist, dass sich auch in unserem westlich-hochzivilisatorischem Alltag, im kirchlichen zumal, Basales wird ändern müssen, dann zeigen die nachhaltigen Bildungshäuser der Kirche auf, wie das gehen könnte.

Oftmals ziehen Bildungsveranstaltungen unmittelbar praktische Veränderungen im Haus nach sich: nach dem Besuch von dem Wiener Filmemacher Werner Boote ("Plastic Planet") verschwanden sämtliche PET-Flaschen aus dem Sortiment. Als uns durch Elias Bierdel (früher "Cap Anamur") der Zusammenhang von Flüchtlingselend an der afrikanischen Küste und den schwimmenden Fischfabriken der EU-Fangflotten vor Westafrika deutlich wurde, schwenkte die Hauswirtschaft auf MSC-zertifizierte Fischware um. Das Beschaffungsmanagement eines kirchlichen Hauses muss und kann mit den Bildungsinhalten mit- oder nachschwingen. Auch wenn nicht alles, was wünschenswert ist, geht: wenn schon kein Bio- Fleisch, das jeden Kostenrahmen sprengen würde, dann doch immerhin beim regionalen Schlachter einkaufen, stets flankiert mit hochwertigen vegetarischen Alternativen, denn anders, etwa fleischlos essen, kann sehr, sehr lecker sein.

Neben Bildungsinhalten, die auch das Politische in Diskurs oder Dialog nicht scheuen, steht ein Bildungsort der Transformation wie das Christian Jensen Kolleg auch für innovative Bildungsformen, die den Transformationsprozess methodisch unterstützen. Das "Demokratie- Kolleg", eine Veranstaltungsreihe, zu der Landes- und Bundesprominenz zu Podiums- und Publikumsgesprächen in die norddeutsche Peripherie reisen, wird von lokalen Basisgruppen vorbereitet, passend zusammengesetzt zum jeweils verhandelten gesellschaftspolitischen Thema. Und die Basisgruppen haben immer das Recht des ersten Wortes, des Eingangsimpulses, und sind zudem für das Publikumsgespräch bestens vorbereitet: so wirken die Themen in den Alltag von Gemeinden und Dörfern tiefer hinein. Und Themen wirken nach, wenn sie nach zwei Jahren wieder aufgegriffen und die Podiumsgäste nach den aktuellen Entwicklungen befragt werden. Die "Tage der Utopie", die im Jahreswechsel nahe der Nordsee in Breklum und nahe des Bodensees im österreichischen St. Arbogast stattfinden, referieren Expertinnen zu kollektiven Utopien, gerahmt von kammermusikalischen Uraufführungen, in einem Setting von aktivierenden Beteiligungsformen, in denen aus Zuhörenden engagierte Visionäre und erfolgreiche Netzwerker werden.

Gibt es eine Spiritualität der Transformation?

Wenn am Ende dann alles bedacht sein mag, Beschaffung und Mobilität, das Energiekonzept und die Partizipation, Bildungsinhalte und Bildungsformen, dann bleibt nur noch eine letzte Frage offen, bislang unerwähnt, aber die vielleicht wichtigste. Wie spiegelt sich dies alles in einer Spiritualität wieder, die den kirchlichen Orten Kern und Mitte gibt? Gibt es eine Spiritualität der Transformation? Ist sie rebellisch, ethisch, politisch? Ja, und noch mehr. Sie ist beherzt. Hat Herz. Spricht das Herz an: Sorge und Liebe, Herzdruck und Herzklopfen. Leidenschaftlich engagiert und dabei weit, nicht moralisch- politisch verengt. Verengungen führen ebenso medizinisch wie theologisch dazu, dass der Blutfluss, der Lebensfluss verstopft.

Friedemann Magaard
Friedemann Magaard

ist theologischer Leiter und Geschäftsführer des Christian Jensen Kollegs.

Alltagsgeschichten

Keiner lebt für sich allein: Fünf Alltagsgeschichten über Zelte in der Kirche, Gemeindefeste und Brokdorf-Heimkehrer. Hier lesen Sie mehr.

Material

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Links

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-06-14