Umfrage

Die Mehrheit der deutschen hält den Islam für bedrohlich. Zu einer intensiveren Praxis des Christentums führt das nicht. Für die meisten lautet die Lösung: Keine macht für irgendeine Religion.

Wie reagieren die Deutschen auf die anwachsende religiöse Vielfalt? Sind sie neugierig und kreieren sie eine Patchworkreligiosität, die sich aus allen Religionen "das Beste" nimmt? Verhalten sie sich ablehnend gegenüber dem Fremden oder besinnen sie sich auf das Eigene?

Die Expertenmeinungen über die Auswirkungen der neuen religiösen Pluralisierung in Deutschland lassen sich in drei Hypothesen fassen. Die erste kann als "Individualisierungsthese" bezeichnet werden und geht davon aus, dass die neue kulturelle und religiöse Vielfalt von den Menschen als Bereicherung und Ergänzung der eigenen Religiosität wahrgenommen wird. Das moderne Individuum stellt sich demnach aus der zunehmenden Vielfalt religiöser Angebote seine eigene Religiosität zusammen. Die Gegenthese lautet, dass das Fremde nicht zur Horizonterweiterung genutzt, sondern als Bedrohung erlebt wird. Die Vertreter der Th ese vom "cultural defense" postulieren, dass das Bedrohungsgefühl zu einer starken Abwehr führe und die eigene christliche Identität stärke. Doch die Begegnung mit dem Fremden könnte auch - das wäre die dritte Th ese - dazu führen, dass man angesichts der als bedrohlich wahrgenommenen Vielfalt des Religiösen auf eine schärfere Trennung zwischen Religion und Politik sowie auf die Gewährleistung der Prinzipien individueller Religionsfreiheit drängt. An die Stelle der religiösen Selbstbehauptung träte dann die säkulare Abgrenzung von aller Religion.

Welche der drei hier aufgestellten Hypothesen kann die höchste Erklärungskraft für sich beanspruchen? Dafür soll ein Blick auf die aktuellen Umfragen geworfen werden, in denen repräsentativ deutsche Bürgerinnen und Bürger befragt wurden.

Als Erstes springt ins Auge, dass die Individualisierungs-These, so einleuchtend sie zunächst klingt und so vehement sie vielfach vertreten wird, kaum der Faktenlage entspricht. Die Mehrheit der Deutschen wünscht sich keine größere religiöse Vielfalt. Lediglich rund 20 Prozent der Deutschen greifen nach eigener Aussage in ihrem Glauben auf Lehren unterschiedlicher Religionen zurück. Und nur selten gehen "traditionelle" christliche Praktiken mit "alternativen" Formen von Religiosität Hand in Hand. Selbst dort, wo es zum Aufbau einer synkretistischen Religiosität kommt, besteht kein Interesse an einer Erweiterung der religiösen Optionen.

Insgesamt ergibt sich für Deutschland nicht das Bild einer offenen Gesellschaft , die neugierig auf fremde Religionen schaut. Ganz im Gegenteil. Weit über zwei Drittel der Deutschen sehen in der wachsenden religiösen Vielfalt eine Ursache von Konflikten. Über 40 Prozent der Deutschen haben sogar das Gefühl, dass das eigene Land durch fremde Kulturen bedroht wird. Bemerkenswerterweise findet sich die Furcht vor dem Konfliktpotenzial religiöser Vielfalt sowie vor dem Verlust der eigenen kulturellen Fundamente bei religiösen Personen in gleichem Maße wie bei den weniger religiösen oder areligiösen Menschen. Das heißt, das Bedrohungsgefühl geht nicht einher mit einer Intensivierung des Glaubens oder der religiösen Praktiken. Auch die zweite These, das Theorem der religiösen Selbstbehauptung, bei dem es sich immerhin um eines der best-etablierten Argumente in der religionssoziologischen Diskussion handelt, lässt sich also für Deutschland empirisch nicht bestätigen.

Doch das bedeutet wiederum nicht, dass die empfundenen Spannungen gegenüber anderen Religionen keine Auswirkungen auf das religiöse Feld hätten. Immerhin sehen etwa drei Viertel der Westdeutschen und sogar mehr als die Hälfte der Ostdeutschen im Christentum das Fundament unserer Kultur, während das Bild von den nichtchristlichen Religionen in Deutschland sich immer mehr verschlechtert. Den Islam etwa hält die Mehrheit der Deutschen mittlerweile für eine bedrohliche Religion. Komplementär dazu entwickelt sich das Image des Christentums zum Positiven. So negativ der Islam beurteilt wird, so positiv erstrahlt das Christentum. In dieser Korrelation kann man durchaus eine Art religiöser Selbstbehauptung und damit eine Unterstützung der zweiten These sehen. Allerdings wird man hier das Theorem insofern wieder relativieren müssen, als sich dieser Mechanismus auf der Ebene der Weltdeutungsmuster vollzieht, jedoch auf die religiöse Praxis kaum Auswirkungen zeigt.

Wie sieht es nun mit der dritten These aus, dass die als Bedrohung empfundene Vielfalt zu einer stärkeren Einforderung säkularer Abgrenzung führt? Tatsächlich scheint eine klare Trennung zwischen Religion und Politik für viele Menschen das geeignete Mittel zu sein, die Grundwerte der eigenen Kultur gegen fremde Einflüsse zu verteidigen. Rund drei Viertel der Deutschen sind gegen eine explizite Verankerung des Gottesbegriffs in der europäischen Verfassung. Ebenso wollen die Deutschen in ihrer großen Mehrheit keine Vermischung von Politik, Wissenschaft, Recht oder Wirtschaft mit religiösen Normen und Werten.

Die Fakten über das deutsche Glaubensleben klingen für eine sich globalisierende Welt bedenklich. In Deutschland werden Spannungen zwischen Religionen heutzutage als die entscheidende Ursache für Konflikte angesehen, bedeutsamer als Spannungen zwischen verschiedenen Volksgruppen und das Machtstreben einzelner Länder und genauso bedeutsam wie der Streit über den Zugang zu unverzichtbaren Rohstoffen wie zum Beispiel Öl. Die Vorbehalte gegenüber anderen Religionen gehen so weit, dass nur ein knappes Drittel der Deutschen eine friedliche Koexistenz zwischen Christentum und Islam für möglich hält. Die anderen befürchten, es werde immer wieder zu Konflikten kommen. Immerhin ist die große Mehrheit der Menschen in Deutschland keineswegs für eine Ausgrenzung des Islam aus der Gesellschaft. Drei Viertel der Bevölkerung etwa sprechen sich für die Durchführung eines Islam-Unterrichts an den öffentlichen Schulen aus. Toleranz gegenüber fremden Überzeugungen und Weltanschauungen gilt für die meisten trotz aller Skepsis als hoher Wert.

Prof. Dr. Detlef Pollack
Detlev Pollack

ist Religionssoziologe und stellvertretender Sprecher des Exzellenzclusters "Religion und Politik" an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-07-20