Was macht uns wirklich reich?

Transformation und Umkehr zu anderen Werten

Zurzeit erleben wir verschiedene Krisen, die sich gegenseitig bedingen und zuspitzen und nur scheinbar einander widersprechen. Für die meisten Menschen steht derzeit die Finanzmarktkrise im Vordergrund. Die fehlende politische Regulierung und Kontrolle der Finanzmärkte und eine zu expansive Geldpolitik drohen Demokratie, Wirtschaft und Beschäftigung in Europa zu destabilisieren. Ob an ihrem Beginn die Überschuldung von Staaten stand, oder ob die Finanzmarktkrise umgekehrt erst dazu führt, dass Staaten handlungsunfähig und Gesellschaften in Geiselhaft der Finanzmärkte genommen werden können, ist nach wie vor strittig. In jedem Fall erleben wir im Kontext der Krise in den südlichen Staaten Europas eine erschreckend hohe Arbeitslosigkeit, insbesondere der jungen Generation. Und auch im Norden breiten sich unter dem Druck der "Märkte" prekäre Beschäftigung und informelle Tätigkeit aus, und die Ungleichheiten zwischen Arm und Reich spitzen sich zu. Die Abhängigkeit der Sozialstaaten von der Erwerbsarbeit hat nicht nur in Deutschland zu Reformprozessen der sozialen Sicherungssysteme geführt, die immer mehr Menschen von einer gerechten Teilhabe an Bildung, Kultur und sozialer Sicherung ausschließen.

Fast dahinter zurückgetreten ist die ökologische Krise, die sich in vermehrtem Raubbau und einer Überschreitung der ökologischen Tragfähigkeit der Erde, in einem sich beschleunigenden Klimawandel, einer zunehmenden Knappheit nicht erneuerbarer Ressourcen, wachsenden Konflikten um Rohstoffe und einem fortschreitenden Rückgang der Biodiversität zuspitzt - und gleichermaßen die Ernährungskrise, die durch die weltweite Spekulation mit Land und Nahrung noch verstärkt wird. Unsere gemeinsame Zukunft ist gefährdet.

"Unsere gemeinsame Zukunft" - das war der programmatische Titel des Berichts der norwegischen Ministerpräsidentin Bro Harlem Brundtland von 1987, der die Formel von der "nachhaltigen Entwicklung" geprägt hat. Letztlich geht es darum, die Bedürfnisse der Gegenwart zu befriedigen, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können. Die Kirchen gehörten zu den ersten Institutionen, die den Begriff der nachhaltigen Entwicklung nutzen, um die notwendigen gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse zu beschreiben. Schon seit Ende der 1970er Jahre hat das Programm des Weltkirchenrats für "Justice, Peace and Integrity of Creation" (JPIC) friedensethische und ökologische Fragestellungen konsequent mit theologischen Debatten der "Faith and Order"- Kommission verknüpft und damit in vielen Kirchen breite Wirkung entfalten können. Der Konziliare Prozess der deutschen Kirchen hat diesen Ansatz in den 1980er Jahren aufgenommen und dabei auch soziale und gesellschaftspolitische Fragestellungen wie Armut und Lebensschutz thematisiert. Angesichts der sich zuspitzenden Krisen werden diese Fragen heute unter dem Begriff "Transformation" wieder aufgenommen. Damit geht der Gedanke einher, nicht nur über einen neuen, ökologisch gerahmten Wachstumsbegriff nachzudenken, sondern auch über eine neue "Wohlstandsvision". Denn "wenn die gesamte Lebenswirklichkeit dem Gewinnstreben unterworfen wird, verkehrt sich der ökonomische Nutzen in einen Verlust an Lebenswert". Der gesellschaftliche Wohlstand sinkt, das Gemeinwohl zerfällt, die Umweltzerstörung nimmt zu. "Ein ,Weiter so' wäre fatal", schrieb der damalige Ratsvorsitzende Wolfgang Huber 2009 in der Stellungnahme des Rates zur Finanzmarktkrise ("Wie ein Riss in einer hohen Mauer").

Die Frage, welches Wachstum wir brauchen, ist wohl die entscheidende Zukunftsfrage der nächsten Jahre. Haben die Kirchen zu der anstehenden Debatte etwas beizutragen? Um diese Frage geht es in dem folgenden Beitrag des bayerischen Landesbischofs Heinrich Bedford- Strohm und in dem Interview mit Fritz Erich Anhelm. Die beiden ordnen die Fragen von Transformation und Nachhaltigkeit in den Kontext aktueller Forschungen und Ereignisse ein und nehmen Stellung zur besonderen Verantwortung der Kirche in diesem Zusammenhang. Nach Auffassung beider geht es bei den genannten Fragen um die zentralen Zusammenhänge, an denen sich das Verhältnis von Kirche und Politik heute wie im Brennspiegel zeigt.

Cornelia Coenen-Marx
Cornelia Coenen-Marx

ist Oberkirchenrätin, Referentin für Sozial- und Gesellschaftspolitik sowie für die Verbindung von Kirche und Diakonie im Kirchenamt der EKD.

Alltagsgeschichten

Keiner lebt für sich allein: Fünf Alltagsgeschichten über Zelte in der Kirche, Gemeindefeste und Brokdorf-Heimkehrer. Hier lesen Sie mehr.

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-07-20