Ich möchte woanders hin

Eine neue Vision macht sich breit: Von einem Wohlstand, der andere nicht arm macht. Und bei dem es um Glück geht. Wer geht voran?

Warum beschäftigen sich die Kirchen mit ökonomischen Fragen? Warum mischen sie sich in die von großer fachlicher Komplexität gekennzeichneten Diskussionen um Energiewende, Umgang mit dem Klimawandel oder ökologische Umstellung von Produktionsvorgängen ein? Die Antwort ist ziemlich einfach und wenig überraschend: weil Christen die Welt als Schöpfung Gottes verstehen und sich aufgrund ihrer Gottesbeziehung für Gottes Schöpfung mitverantwortlich fühlen. Wer die außermenschliche Natur als Schöpfung Gottes versteht, der kann sie nicht nur als Sache behandeln. Und wer jeden Menschen als Geschöpf Gottes sieht und ihm deswegen gleiche Rechte zubilligt, der sucht nach einem fairen Ausgleich der eigenen Lebensmöglichkeiten mit den Lebensmöglichkeiten zukünftiger Generationen.

Jeder Mensch sieht sich und die eigene Zeit als zentral. Das ist normal, weil die eigene Erfahrung in der Zeit einfach tiefer geht als die Lektüre von Geschichten aus vergangenen Zeiten oder von wissenschaftlichen Abhandlungen über Entwicklungen in der Zukunft. Und trotzdem geht der Blick des Glaubens über die eigene Existenz in der je eigenen Zeit hinaus. Der amerikanische Theologe Larry Rasmussen hat für diesen Blick in die Zeit die Metapher eines zehnbändigen Werkes mit jeweils 500 Seiten aufgegriffen, in das die Geschichte des Kosmos eingeschrieben ist: Selbst wenn wir die ersten zehn Milliarden Jahre der Entwicklung des Kosmos überspringen und den Beginn des Werkes bei den letzten fünf Milliarden Jahren ansetzen, dann erzählt jede Seite die Geschichte von 1 Million Jahren. Zellulares Leben wird erstmals im Band 8 erwähnt. Der größte Teil dieses Bandes handelt von Pflanzen und später von Amphibien. Warmblüter tauchen auf S. 455 dieses Bandes auf. Erst auf S. 499 des letzten Bandes, also auf der vorletzten Seite des gesamten Werkes, erscheint der Mensch. Die letzten beiden Worte auf der allerletzten Seite erzählen schließlich die 6000 Jahre dauernde Geschichte menschlicher Zivilisation bis heute. Das Erstaunliche ist die letzte Silbe des letzten Wortes des letzten Bandes: Hier haben die Menschen, gegenüber dem Eingebettetsein in die Natur von Anbeginn an, den Spieß umgedreht und einen Prozess begonnen, der zur fortgesetzten Beschädigung oder Zerstörung natürlichen Lebens führt.

Verschiedene wissenschaftliche Expertisen haben in den letzten Jahren die Dringlichkeit der Wahrnehmung dieser fortgesetzten Zerstörung unterstrichen, vom neuen Bericht des Club of Rome (2052. Der neue Bericht an den Club of Rome: Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre) über das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) von 2011 mit dem Titel "Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation" bis hin zur entsprechenden Studie des World Wild Life Funds (Living Planet Report) sind sie übereinstimmend zu dem Ergebnis gekommen, dass es einer grundlegenden ökologischen Umorientierung der Wirtschaft bedarf, wenn wir auch in Zukunft gut leben wollen.

Neben notwendigen Veränderungen in Politik und Wirtschaft stehen wir auch als Einzelne vor der großen Aufgabe, neu zu definieren, was wir unter "Wohlstand" verstehen wollen. Ist es Wohlstand, wenn wir uns die große Fernreise leisten können? Ist es Wohlstand, wenn wir neue Möbel kaufen, obwohl die alten eigentlich noch gut sind oder neue Kleider kaufen, obwohl der Kleiderschrank schon voll ist? Oder ist es viel mehr Wohlstand, wenn wir wieder Zeit haben füreinander, wenn wir am Wochenende nicht arbeiten müssen, sondern mit den Freunden einen Ausflug machen können? Das alles sind offene Fragen, die jeder und jede, je nach Vorlieben, vielleicht auch unterschiedlich beantworten wird. Und wir werden dabei an allen Ecken und Enden auf Spannungen und Widersprüche im eigenen Leben stoßen, die nur schwer aufzulösen sind. Ist es richtig, interkulturellen Austausch zu pflegen, die ökumenische Gemeinschaft zu stärken und auf ökumenischen Konferenzen dann etwa auch einen weltweit koordinierten Beitrag der Kirchen zur Bekämpfung des Klimawandels in Gang zu setzen, wenn die damit verbundene Beziehungspflege und Konferenzreisetätigkeit nur durch eine Fülle von Flugreisen möglich ist, die genau Teil des Problems sind? Die Möglichkeit, die CO2-Emission durch Kompensationszahlungen (etwa auf www.klimakollekte.de) auszugleichen, mildert den damit verbundenen inneren Widerspruch, sie beseitigt ihn aber nicht. Die Widersprüche jedenfalls wahrzunehmen, könnte indessen schon der erste Schritt zum Annehmen der Herausforderungen sein.

Wir stehen vor der Aufgabe, den Wohlstand so neu zu definieren und die wirtschaftlichen Mechanismen so zu verändern, dass unser gutes Leben nicht länger auf der Zerstörung der Erde beruht.

Der Rat der EKD und die Deutsche Bischofskonferenz haben in einer gemeinsam veröffentlichten Erklärung zu dem Gipfel Rio plus 20 im Juni 2012 festgestellt: "Für uns Christen geht es bei Fragen von Umwelt und Entwicklung immer zugleich um den Menschen als Gottes Ebenbild und um die Bewahrung der uns von Gott anvertrauten Schöpfung. Die ethischen Grundlagen des Leitbilds der nachhaltigen Entwicklung finden im Schöpfungsglauben sowie in der biblischen Vision der Gerechtigkeit eine tiefe Verankerung. Die Deutsche Bischofskonferenz und der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland erwarten daher, dass auch die diesjährige Rio-Konferenz am Prinzip der Nachhaltigkeit anknüpft. Für eine zukunftsgerechte Gesellschaftsgestaltung müssen ökonomische Prozesse sozial und ökologisch verträglich gestaltet werden."

Man wird sagen müssen, dass der Rio-Gipfel in dieser Hinsicht die Erwartungen nicht erfüllt hat. Der entscheidende Grund dafür war die mangelnde Verknüpfung der ökologischen Fragen mit den Forderungen sozialer Gerechtigkeit. Die armen Länder konnten den notwendigen hohen Umweltstandards für eine globalisierte Wirtschaft nicht zustimmen, weil sie mit ihren sich entwickelnden Wirtschaften an diesen Standards ohne weltweiten Ressourcenausgleich nur hätten scheitern können. Sie wären gegenüber den weit entwickelten Ländern mit ihren ausgereiften Umwelttechnologien wie Deutschland einmal mehr die Verlierer gewesen. Nur wenn es gelingt, die ärmeren Länder dazu in die Lage zu versetzen, bei einer globalisierten Wirtschaft mit hohen Umweltstandards mitzuhalten, wird die nächste Konferenz erfolgreicher sein.

Um eine Verständigung über Leitplanken des Umsteuerns in der Weltwirtschaft zu gewinnen, die sowohl die ökologische Herausforderungen annehmen als auch das Thema soziale Gerechtigkeit miteinbeziehen, trafen sich im Februar 2013 Repräsentantinnen und Repräsentanten der EKD-Sozialkammer und der Kirchen in Südafrika sowie Ökonomen und Vertreter anderer Professionen aus beiden Ländern - zu ihnen gehörte auch der deutsche "Wirtschaftsweise" Prof. Dr. Peter Bofinger - zu einer Konsultation in Stellenbosch/Südafrika. Der nach einer früheren Konsultation zur Globalisierung nun als "Zweiter Stellenbosch-Konsens" bezeichnete Abschlusstext benennt das, was aus der Sicht der Kirchen trotz der völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontexte und über die politischen Lager hinweg gemeinsam gesagt werden kann. "Jeder Mensch auf dieser Erde" - so heißt es da - "hat das gleiche Recht auf Teilhabe an dem weltweiten Reichtum natürlicher Ressourcen. Das gegenwärtige Ausmaß an Ungleichheit und Ungerechtigkeit ist unvereinbar mit diesem gleichen Recht. Dieses Recht setzt dem privaten Eigentum an natürlichen Ressourcen und dem Handel mit ihnen Grenzen." Das Dokument fordert eine grundlegende Transformation unserer globalen Wirtschaft hin zu einer kohlenstoffarmen Entwicklung und einem neuen ressourcenverbrauchsarmen Wohlstandsmodell. Da die Kosten für unseren gegenwärtigen Lebensstil nicht einfach auf die Menschen in ärmeren Ländern oder auf zukünftige Generationen verschoben werden könnten, sei es die Verantwortung der Reichen, die Armen in jeder Hinsicht in dem notwendigen Transformationsprozess zu unterstützen. Diejenigen, die Schaden an der Umwelt oder an anderen Menschen verursachten, müssten auch die Kosten tragen.

Ausdrücklich wird den Kirchen die Aufgabe zugeschrieben, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen: "Als Kirchen verpflichten wir uns durch konkretes Handeln wie der bewussten Veränderung unserer Konsummuster, unserem Umgang mit Mobilität oder dem Energieverbrauch in unseren Gebäuden zu dem notwendigen Wandel beizutragen. Durch Wort und Tat verpflichten wir uns zu einer Vision erfüllten Lebens, die ein Leben in Würde für alle Menschen und ein Verhältnis zur Natur einschließt, das ihren Charakter als Schöpfung Gottes widerspiegelt."

In vielen Gliedkirchen der EKD hat der mit diesen Worten ins Auge gefasste Prozess längst begonnen. Umweltzertifizierungen breiten sich aus, ehrgeizige CO2-Einsparungsziele werden gesetzt und Klimakampagnen gestartet. Das ist der richtige Weg. Aber er muss gleichzeitig auf politische Veränderungen zielen. Wenn die Kirchen bei sich selbst anfangen, wird das Werben für ein grundlegendes Umsteuern auf der Ebene von Wirtschaft und Politik umso glaubwürdiger. Das Eintreten für eine sozial gerechte ökologische Umorientierung der Wirtschaft verdankt sich als Konsequenz des Bekenntnisses zu Gott als dem Schöpfer einem tiefen geistlichen Impuls. Und es lebt aus der Zuversicht, dass Gott diese Welt in seiner Hand hält und die Kraft zur Veränderung geben wird.

Prof Dr. Heinrich Bedford-Strohm
Heinrich Bedford-Strohm

ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-06-14