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Staat und Kirche sind nicht eins. Diese Erkenntnis der Reformatoren brachte neue Freiheit, die es immer wieder neu zu gestalten gilt

Wie die anderen Themenjahre der Lutherbzw. Reformationsdekade auch lenkt das Thema des Jahres 2014 "Reformation und Politik" den Blick auf eine faktisch nur schwer entwirrbare, aber darum nicht weniger nachhaltige Wirkungsgeschichte der Reformation. Dass diese Reformation den Versuchungen der Macht unter den damals herrschenden Bedingungen ebenso erlegen war wie umgekehrt die Landesfürsten, Stände und Städte diese für ihre politischen Machtinteressen nutzten, dürfte im Grundsatz jedem vor Augen stehen. Im Detail allerdings sind die Verwicklungen und Abhängigkeiten nicht leicht zu entwirren. Aber eine derartig kraftvolle Bewegung schreibt unweigerlich selbst Macht- und Politikgeschichte. Dabei hatten die reformatorischen Erkenntnisse viele Einsichten bereitgestellt, um Verirrungen in die (Macht-)Politik zu vermeiden: sie forderten die Trennung der Reiche zur Rechten und zur Linken Gottes und lehrten die Unterscheidung der zwei Regierweisen Gottes. Aber faktisch ist es ihnen selbst so wenig wie ihren Kindern und Kindeskindern gelungen, diese Unterscheidungen und Zuordnungen immer durchzuhalten. Auch in diesem Themenbereich gilt, was auch sonst mitunter gesagt wurde: Der theologisch überzeugende Umgang mit Macht und Politik war der Reformation in die Wiege gelegt, - da aber blieb er oftmals liegen.

  1. Historisch Interessierte werden nun besonders neugierig sein auf die Menschen und Geschehnisse jener Zeit, in denen diese Entwicklungen angelegt wurden: Was wissen wir heute über die vergangenen Lebenswelten, was über die agierenden Personen? Welche politischen Verhältnisse herrschten damals, welche Fragen haben damals die Menschen bewegt, welche Mächte setzten sich durch, welche nicht? Wer sich über diese Vergangenheit genauer informieren möchte, sei auf die wissenschaftlichen Studien verwiesen, die gegenwärtig ein immer präziseres Bild der damaligen Zeit zeichnen. Die Biographien zu Martin Luther von Volker Leppin (2. Aufl. 2010) und Heinz Schilling (2012) oder die Reformationsgeschichte von Thomas Kaufmann (2009) zeigen zwar unterschiedliche, aber historisch eindrückliche Bilder der damaligen Ereignisse. Dabei tritt immer deutlicher vor Augen, dass weder Martin Luther noch die anderen Reformatoren gleichsam "das Rad neu erfanden", sondern in weiten Teilen Anfänge und Impulse der spätmittelalterlichen Theologie und Politik aufnahmen und verstärkten.

    Die Reformation funktionierte wie eine Art Katalysator: Viele Elemente gab es schon, sie wurden durch die theologischen Einsichten vertieft, konzentriert und beschleunigt. Eine vergleichbare Einschätzung legt sich im Blick auf die langfristigen politischen Folgen der Reformation nahe: Zwar urteilt Heinz Schilling, dass Luther und seine Wirkungsgeschichte dazu beitrugen, dass "Deutschland im 19. Jahrhundert als ,verspätete Nation' einen ,langen Weg nach Westen' anzutreten hatte" (Schilling, S. 627), aber zugleich heißt es: "Luther war beileibe kein Fürstenknecht" (ebd., S. 625), und ihm wäre die im 19. Jahrhundert herrschende Ideologie von "Thron und Altar" völlig fremd gewesen. Eine gerade Linie von der Reformation zur modernen Politik gibt es nicht, weder negativ (von Luther über Friedrich den Großen und Bismarck zum Nationalsozialismus) noch positiv (von Calvin über Max Weber zur modernen Lebenswelt). Viele historische Studien stellen die weitere Entwicklung der reformatorischen Impulse in der Wechselwirkung von Aufnahme und Ablehnung dar und zeigen auf, dass es oftmals die nicht-intendierten Folgen der Reformation sind, die beachtliche Wirkungen zeitigten. Aber all diese Fragen sind unerhört komplex und können hier nicht angemessen aufbereitet werden.

  2. Das Interesse des hier vorgelegten Magazins "Reformation. Macht. Politik." besteht darin, die Relevanz reformatorischer Grundeinsichten für unser Leben und für unsere gegenwärtige Wirklichkeit deutlich werden zu lassen. Die Beiträge knüpfen deshalb zwar an einzelne historische Aspekte an, sie beziehen sie aber auf unsere Gegenwart. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass diejenigen, die Impulse für die Praxis in Gemeinden, Schulen und kirchlicher Arbeit suchen, viel Anregendes finden. Darüber hinaus sollen elementare Informationen zum heutigen evangelischen Verständnis des Verhältnisses von Politik und Religion bzw. Staat und Kirche entfaltet werden, denn es wächst in vielen Bereichen der Gesellschaft eine Generation heran, für die nicht nur die Reformation und ihre Fragestellungen lange her und also weit weg sind, sondern auch Kirche, Christentum und Religion; es scheint auch hier eine Art "Gedächtnisverlust" zu drohen, der das Gespräch um Reformation und Politik nicht eben erleichtert. Deswegen ranken sich sehr viele der hier aufgenommenen Artikel um diese Frage: Wie ist heute das Verhältnis von Kirche und Politik, Religion und Gesellschaft aus reformatorischer Sicht so zu beschreiben, dass die Pluralisierung der Religionen und das Ende des christlichen Monopols ebenso im Blick bleiben wie die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts im Umgang mit (Macht-)Politik? Dass es hier gegenwärtig auch erhebliche Diskussionen z.B. zu Themen wie Staatsleistungen, Subsidiarität oder Arbeitsrecht gibt, ist nicht zu übersehen; aber diese Diskussionen können dann zu konstruktiven und konkreten Ergebnissen führen, wenn die Grundlagen des heutigen Verhältnisses von Staat und Kirche auf beiden Seiten nicht unklar sind.

  3. Dieses Magazin will zuerst informieren und aufklären, es will Akzente setzen und Linien aufzeigen, es will Anregungen geben für die Gestaltung des Themenjahres 2014 und Schneisen schlagen durch das (historische) Dickicht. Und es will die politische Mitverantwortung eines Christenmenschen für die heutige gesellschaftliche Wirklichkeit stärken, denn die "Demokratie braucht Tugenden", also Menschen, die sich mitverantwortlich wissen "für die freiheitliche Demokratie des Grundgesetzes..., weil diese in besonderer Weise dem christlichen Menschenbild" entspricht. (vgl. Demokratie braucht Tugenden, Gemeinsames Wort 2006, S. 12). Die Konzeption des Heftes basiert auf der Grundüberzeugung, dass die fördernde Neutralität, die der demokratische Staat in Deutschland gegenüber allen Kirchen und Religionen an den Tag legt, der gegenwärtig überzeugendste Weg ist, Werte wie Gerechtigkeit und Frieden, Solidarität und Barmherzigkeit in einer modernen Gesellschaft zu stärken. Denn auf diese Weise werden genau jene Quellen gefördert, die eine Demokratie selbst nicht garantieren kann. Der in anderen Teilen Europas beschrittene Weg einer monopolartigen Dominanz einer Religion bzw. Kirche in einem Land führt oftmals zu einer ethisch normierenden und pluralitätsskeptischen Haltung des Staates, der Phänomene der Pluralisierung und Individualisierung nicht recht integrieren kann. Und der konsequent laizistische Weg im Umgang mit den Religionen bzw. Kirchen in anderen Ländern Europas wiederum führt zu einer Privatisierung der Religionen, die die Transparenz der Religionen gefährdet. In die Unsichtbarkeit abgedrängte Religionen aber können den öffentlichen Diskurs vermeiden - eine ungute Entwicklung. Der mit der Reformation gesetzte Differenzierungsschub setzte eine Lerngeschichte frei, die Staat und Kirchen, Gesellschaft und Religion in guter Weise zu unterscheiden und zuzuordnen vermochte.

  4. Religionen und Kirchen haben eingesehen (oder sollten eingesehen haben), dass sie nicht selbst Politik machen, sondern Politik möglich machen sollen. Es ist die "Autorität des bittenden Christus" (Eberhard Jüngel), die die Kirchen zu Mahnerinnen der Gerechtigkeit und Anwältinnen notwendiger Transformationen macht, nicht aber die politische Macht einer Kirche, auf die zu hören ein Staat nicht aus Einsicht, sondern aus Berechnung genötigt wird. Und eben dieser auf alle Macht, Gewalt und Herrschaft verzichtende Christus des Evangeliums - der ist reformatorisches Urgestein.

  5. IV . Mit dieser Einschätzung verbindet sich zuletzt die Frage nach dem theologischen Thema, das sich mit dem Themenjahr 2014 "Reformation und Politik" ähnlich verbindet wie das Thema "Schatten der Reformation" mit dem Themenjahr 2013 "Reformation und Toleranz"? So komplex die historischen Sachverhalte sind und so viele ambivalente Wirkungen die Reformation zeitigte: Es bleibt die Frage, ob man die Reformation als Segen für die (westliche) Gesellschaften betrachten kann oder nicht. Haben die Impulse der Reformation in Aufnahme und Ablehnung zu einer Stärkung der politischen Kultur und Humanität geführt oder schwächten sie diese? Man muss bei dieser Frage weder den geschichtsphilosophischen Idealismus Georg Friedrich Hegels teilen noch den Abendlandpessimismus Oswald Spenglers, um sich vor der Frage nach der Deutung dieser Historie wiederzufinden. Erinnerungskultur ist immer auch Deutung der eigene Herkunftsgeschichte; kann man allen politischen Irrungen und Wirrungen zum Trotz dennoch mit Dank und auch Stolz auf die Väter und Mütter der Reformation zurückschauen in der Überzeugung, dass mit ihrer Wiederentdeckung des Evangeliums und der in diesem Evangelium gebundenen Freiheit des Gewissens, mit ihrer Weltaufwertung und ihrer Unterscheidungskunst die Geschicke der Profangeschichte zum Besseren lenkte? Luther selbst hatte ebenso wie die ganze Generation ein apokalyptisches Weltbild, er sah das Weltende unmittelbar bevorstehen; aber gehört dies zum Kernbestand reformatorischen Glaubens, den wir heute etwa in ökologischen Kategorien fortschreiben?

Oder gilt es trotz der verschlungenen Wege der Wirkungsgeschichte die Überzeugung zu vertreten, dass die Reformation ein von Gottes Geist und seinem Evangelium initiierter Schritt ins Freie und Helle war, der gute Gründe für eine Jubiläumsfeier freisetzt? Wirkt Gott(es Wort) doch Geschichte? Denn wenn man hier zuversichtlich zu urteilen vermag, dann kann man auch die aktualisierenden Fragen konstruktiv aufnehmen: Was haben wir aus den historischen Einsichten damals weiterentwickelt? Welche Potentiale stecken in ihnen für heute? Haben wir das, was damals richtig war, auf eine gute Weise in neue Zeiten "übersetzt"? Und können wir trotz der historischen Ferne und Fremdheit der Geschichten etwas daraus lernen? Die Geschichten der Reformation schreibt jede Generation neu, - Gott sei Dank, denn nur so können sie auch unsere eigenen Geschichten werden.

Dr. Thies Gundlach
Thies Gundlach

ist Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD in Hannover. Er leitet die Hauptabteilung II "Kirchliche Handlungsfelder".

Alltagsgeschichten

Keiner lebt für sich allein: Fünf Alltagsgeschichten über Zelte in der Kirche, Gemeindefeste und Brokdorf-Heimkehrer. Hier lesen Sie mehr.

Material

Bilder für die Gemeindearbeit stehen hier zum Download bereit. Verwenden Sie die Fotostrecken zum Themenheft weiter und gestalten Sie damit Postkarten, Schaukastenplakate und Gemeindebriefe. Dies alles gibt es gratis.

Links

Noch mehr rund um das Themenjahr "Reformation und Politik" finden Sie hier: Links zu besonderen Ausstellungen, zu Veranstaltungen in den Landeskirchen, zu Einrichtungen und Organisationen, die in diesem Themenfeld arbeiten und vieles Andere.


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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-07-20