Die Spannung der Verheissung

Wo scheint bereits das Gottesreich auf? Die Bergpredigt schärft das Bewusstsein für Recht und Unrecht

Kann man plausibel von der Bergpredigt als einer "Politik" des Evangeliums reden? Die ethische Lehre der Friedfertigkeit, des Vergeltungsverzichts und der Einforderung eines Verhaltens der unbedingten Solidarität, ja sogar Liebe gegenüber dem Anderen wird hier in einer programmatischen Rede dargeboten - eine Sprechweise der Politik. Das ist ungewöhnlich für den Nazarener, der seine Botschaft sonst durch vorgelebte Praxis oder in Geschichten mitteilt. Der Inhalt der Rede ist so ungeheuerlich, so umstürzend, dass die Zuhörer "außer sich gerieten" (Mt 7,28). Das kann nicht ohne Wirkung auf die Politik bleiben. Aber deswegen sollte man den Inhalt der Botschaft nicht mit Politik verwechseln. Jesus geht es gerade nicht darum, seine Autorität einzusetzen, um die vorhandene weltliche Machtordnung als solche und wie ein politischer Führer zu übernehmen. Denn mit dem Evangelium wird eine Unterscheidung von Politik und Religion getroffen, die in der Konsequenz auch eine institutionelle Trennung von politischer Ordnung und religiöser Gemeinschaft nach sich zieht. Das Reich in der Bergpredigt, dessen Kommen die Christen im Vaterunser erbitten, ist nämlich nicht von dieser Welt, ist nicht wie am Sinai-Berg ein Versprechen auf ein verheißenes Land, das sich mit einem topographisch bestimmbaren Ort verbindet. Und die Anforderungen des Reich Gottes sind ganz anderer Art als die, die es dem weltlich-politischen Reich gegenüber zu erfüllen gilt, wie sich der Zinsperikope entnehmen lässt, in der Jesus es auf die viel zitierte Formel bringt, dass dem Kaiser zu geben sei, was des Kaisers sei und Gott, was Gottes ist (Mk 12,13-17; Mt 22,15-22): Das Heil fällt in den Kompetenzbereich des Himmelreiches, wohingegen die weltlich-politische Ordnung irdische Zwecke zu erfüllen hat. Damit wird die Politik relativiert und begrenzt und die religionspolitische Einheit der römischen Welt mit ihrer Verschmelzung von Religion und Polis aufgebrochen.

Aber zugleich erwächst aus der Bergpredigt auch eine Verpflichtung für die Politik. Denn hier wird ein kritischer Standpunkt jenseits politischer Handlungszusammenhänge gewonnen, der in einem besonderen Menschenbild gründet. Das Menschenbild, das in der Bergpredigt öffentlich präsentiert wird, hat seinen ethischen Kern in der Anerkennung des Anderen als Person. Das stellt eine im antiken Kontext ungeheure Veränderung dar: dass die Hinwendung zum Anderen nicht von dessen sozialem Status abhängig ist. Es ist für den Wert des Menschen unerheblich, ob er reich, glücklich oder mächtig ist. Denn selig sind die, die arm, traurig, machtlos sind (Mt 5, 3-5). Die Gleichheit der Menschen als gleiche Geschöpfe Gottes ist unhintergehbar, und sie schließt auch jene ein, die von der Heilsbotschaft nicht berührt sind. Der Wert eines Menschen ist auch nicht von den äußeren Leistungen und Eigenschaften abhängig, schließlich lässt Gott "seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte." (Mt 5,45) Und für diesen Anderen und sein Wohlergehen sind wir verantwortlich: Das Prinzip der Nächstenliebe soll die sozialen Beziehungen strukturieren. Das Besondere an diesem ethischen Imperativ ist, dass diese Haltung gegenüber dem Anderen nicht bedingt ist durch sein Verhalten - es ist kein Tauschgeschäft.

Keine Blaupause für eine neue politische Ordnung

Über das angemessene Verständnis der Botschaft der Bergpredigt gibt es eine lange Kontroverse: Programmschrift oder Utopie, kollektive Handlungsanforderung für das Christenvolk oder Individualethik, unmittelbarer Verbindlichkeitsanspruch oder in jedem Kontext neu zu bergender Sinngehalt der Normen? Max Weber hielt der Bergpredigt vor, sie stifte zu einer Gesinnungsethik an, mittels der die Folgen etwa eines Gewaltverzichts ausgeblendet werden und nur die Reinheit des eigenen Handelns relevant ist. Gerade in der Unbedingtheit der Forderungen, die nicht nach den Umständen fragt, sieht Weber das Problem der Bergpredigt, die somit als ethische Richtschnur für die Politik ungeeignet sei, da es dort immer darum gehe, die jeweilige Situation zu bedenken und von den Konsequenzen des Handelns her zu denken. Aber was Weber dabei nicht in den Blick nimmt ist, dass die Bergpredigt mit ihrem Menschenbild eine fundamentale Kritikfolie bereithält gegenüber einer Politik, die auf dem zweckrationalen Kalkül der Nutzenorientierung der Beteiligten beruht und dabei die Frage nach der Güte und Gerechtigkeit des Nutzens gar nicht mehr stellt.

Die Politik bedarf dieser gewissermaßen von einem existenziell anderen Standpunkt formulierten Perspektive, die sie selbst nicht hervorbringen kann, da sie sich nur um vorletzte Fragen kümmern kann und soll. Die Frage nach dem Sinn von allem, danach, woher wir kommen, warum wir hier sind und wohin wir gehen, welche es uns ermöglicht, das Ganze unserer Existenz zu interpretieren, wird nicht von der Politik beantwortet.

In der Bergpredigt wird die Aussicht auf das Reich Gottes verbunden mit der radikalen Kritik an bestehenden ungerechten Zuständen. Damit kann der Politik der Spiegel des ganz Anderen vorgehalten werden, das "Es soll anders sein". Entgegen säkularisierten Heilsideen umfassender gesellschaftlicher Lehren wie dem Marxismus drängt dieses "Es soll anders sein" der Bergpredigt nicht darauf, die Blaupause für die Organisation der weltlich-politischen Ordnung abzugeben. Das ist der kardinale Unterschied zu den totalitären politischen Ideologien des 20. Jahrhunderts, die die Differenz von Immanenz und Transzendenz versuchten und die Gewaltentrennung von weltlich und geistlich eingeebnet haben. In der Bergpredigt wird demgegenüber eine Spannung greifbar, die mit dem verheißenen Gottesreich verbunden ist, das "noch nicht" da, aber zu erwarten ist und dass doch "schon" aufscheint in einem menschlichen Verhalten der Friedfertigkeit, des Vergeltungsverzichts und der unbedingten Solidarität und Liebe zu dem Anderen als gleichem Menschen. So hält die Bergpredigt das Bewusstsein in jedem einzelnen Gläubigen wach, sowohl das eigene, individuelle Verhalten kritisch zu prüfen als auch die weltlich-politische Ordnung mit der Frage nach der wahren Gerechtigkeit zu konfrontieren. Das gehört auch zu den berühmten Voraussetzungen, die der freiheitliche säkularisierte Staat nicht selbst garantieren kann.

Prof. Dr. Tine Stein
Tine Stein

lehrt Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Theorie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-01-20