Provokant!

Die Bibel stiftet zu Widerstand und Widerspruch an. Eine biblische Predigt ist deshalb auch immer eine politische Predigt

Reformatorische Predigt ist bibelorientierte Predigt. Bibelorientierte Predigten sind Widerworte, die polarisieren. Denn die Bibel erzählt von Gottes Liebe als Gottes Parteilichkeit. Aus der Opferperspektive wird Gottes Heilshandeln zur Sprache gebracht. In tausend Varianten erzählen die biblischen Geschichten, wie Gott aus der Sklaverei Ägyptens befreit, und wie Gott den unschuldig Getöteten auferweckt und damit ins Recht setzt. Das Heil der Opfer ist das Unheil der Täter. Das ruft Widerspruch hervor.

Die Parteilichkeit der Liebe Gottes steht in produktiver Spannung zu ihrer Universalität. Die Liebe gilt den Unterdrückten und den Unterdrückenden. Aber sie ist für die Täter anders als für die Opfer. Die einen werden von der Unterdrückung befreit, die anderen von ihrer Rolle der Unterdrücker. Gott versöhnt, indem er die Gegensätze provokativ herausstellt und die damit verbundene Polarisierung nicht scheut. Er widerspricht den geliebten Harmonisierungen.

Wer sich einmischt ins Weltgeschehen, verliert seine Unschuld. Diese menschliche Erfahrung wagt die Bibel auf Gott zu übertragen. Menschen wagen, ihn auf die Anklagebank zu setzen und ihm den Prozess zu machen. Gottes Gerechtigkeit ist nichts als Gegenstand bohrender Fragen: "Mein Gott, warum? Wie lange noch?" Die Bibel stift et zu Widerspruch und Widerstand an.

Predigten, die diesen biblischen Provokationen nicht ausweichen, wagen von Gott in unverbrauchter Sprache provokativ zu reden: vom beweglichen, heruntergekommenen, traumatisierten, behinderten Gott. Da ist der Segen nicht Wellness-Erfahrung, sondern Angriff auf die Fluchwirklichkeit der Welt.

Da erscheint die Kirche als Widerstandsbewegung gegen die Todesmächte. Und darum: Bibelorientierte Predigt ist politische Predigt. Sie trägt dem hebräischen Materialismus Rechnung. Die Hebräische Bibel und der Jude Jesus lehren wie seine jüdischen Jüngerinnen und Jünger, denen wir das Neue Testament verdanken: Es geht um Befreiung und nicht nur um Erlösung, um Heilung und nicht nur um Vergebung, um soziale und politische Verhältnisse, um Körperlichkeit und nicht nur um Herz und Seele. Die Erwählung Israels wie die Fleischwerdung des Wortes Gottes "erden" den Himmel. Erwartet wird "das Paradies auf Erden" und nicht nur ein neuer Himmel. Und das ist fragmentarisch "auch heute schon" Realität und lässt darum "nie zu früh zufrieden" sein. Das Volk Gottes wie die Kirche sind kritische Gegenüber zum jeweiligen Staat, denen die Fürbitte sogar für die gottlose Obrigkeit aufgetragen ist.

Die (durchaus politische) Forderung nach der unpolitischen Predigt ist ein reaktionärer Angriff auf die Bibel, irregeleitet durch griechischen und deutschen Idealismus. Es ist das Erbe des Absolutismus, in dem das Volk zu politischer Abstinenz verdammt war und das im Biedermeier mit den politischen Reaktionären im Rücken neu zur Blüte kam und durch den gängigen Anti-Judaismus verstärkt wurde. Reformatorische Predigt hat dieser (heute immer noch wirksamen) Entpolitisierung der Bibel zu wehren.

Politische Predigten, die sich an der Bibel orientieren, sind seelsorgliche Predigten - und umgekehrt. Denn zur Seelsorge, die diesen Namen verdient, gehören auch Kritik und Korrektur. Und solche Predigten erschöpfen sich nicht in ethischen Appellen, beschränken sich nicht darauf, zu sagen, was Menschen tun sollen. Sie sagen vielmehr, was Gott getan hat, tut und tun wird - in politischen und weltgeschichtlichen Dimensionen -, und erweisen sich gerade so als aufbauende Trostworte.

Politisch allein ist allerdings noch kein Gütezeichen einer Predigt. Es gibt auch die politische Kanzelrede derer, "die von der Königin Tisch essen", Nathan und Hananja (den "Papagei des Jesaja"), die Hofprediger von Konstantinopel bis Berlin, die Speichellecker der Herrschenden. Es sind die Repräsentanten des Mainstreams, "die PfarrerInnen, die es den Leuten recht machen". Transformiert in den Demokratischen Rechtsstaat sind es die, die sich dem Diktat der Ausgewogenheit beugen, die in den Medien unter dem Diktat der Aktualität diese braven langweiligen "Worte zum Sonntag" produzieren, nach denen mir immer nur der Seufzer "O wenn du doch geschwiegen hättest!" entweicht. Es sind die entbehrlichen religiösen Sahnehaubchen, die das säkulare Bedürfnis nach "ein wenig Religion" befriedigen. "Offenheit für alle(s)", Seelsorge als Honigseim.

Auf der anderen Seite Widerspruch und Widerstand der Rebellen, Elia und Jeremia, Johannes der Täufer und Jesus, Einzelkämpfer, Sektierer, Aussteiger, Märtyrer. Sie stehen rückhaltlos für ihre Wahrheit ein, die erst rückblickend erkennbar wird. Sie lassen sich nicht vereinnahmen mit ihrem Mut zur Existenzpreisgabe. Prediger ohne Kanzel und Versorgungsanspruch. Vorsicht vor denen, die sie imitieren, ohne diesen Mut zur Existenzpreisgabe! Vorsicht vor dem hohlen Verbalradikalismus selbst ernannter Propheten heute! Merke: Es gibt keine Propheten mit Bauch. Und dann gibt es die Nomaden, die sesshaft werden, ohne ihre Traditionen zu verraten, die in atemberaubender Weise die Theologie des Exodus in eine kritische (!) Theologie der Landnahme transformieren. Wenn die Botschaft der Wanderradikalen für die Sesshaft en bekömmlich wird, wird aus dem "Wehe den Reichen!" ein "Teilt mit den Armen!" oder ein "Helft den Armen!". Transformationsprozesse mit Risiken und Nebenwirkungen.

Und wenn die Hofpropheten in der Rebellen Schule gehen, kann es unerwartete Ausbrüche aus dem Korsett der political correctness geben . wenn Natan mit der Parabel seinem König die Leviten liest . wenn eine EKD-Denkschrift 1968 zur Versöhnung mit den östlichen Nachbarn aufruft. Vor zwei Jahren hätte ich Lust gehabt, ein öffentliches Plädoyer für das Lachen der Kanzlerin über den Tod Osama bin Ladens zu halten. Vielleicht stift en solche Widerworte dazu an, auch wieder mit Lust Protestantin und Protestant zu werden.

Dr. Rainer Stuhlmann
Rainer Stuhlmann

ist Studienleiter in dem internationalen ökumenischen Dorf Nes Ammim im Norden Israels.

Alltagsgeschichten

Keiner lebt für sich allein: Fünf Alltagsgeschichten über Zelte in der Kirche, Gemeindefeste und Brokdorf-Heimkehrer. Hier lesen Sie mehr.

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-01-20