Alles auf Anfang

Der DDR-Staat wies die Kirche zurück. Sie musste Federn lassen. Und fand - auch dadurch - zu ihrer eigentlichen Aufgabe

Die VI. Synode der Evangelischen Kirchen in der DDR hat während der Synodaltagung vom 23. bis 25. Februar 1990 Rückblick gehalten und die Rolle der Kirche in der DDR beschrieben: Als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft, zwischen Volkskirche und Freiwilligkeitskirche, zwischen Anpassung und Verweigerung. Der Kirche waren in der Deutschen Demokratischen Republik Macht und Privilegien weitgehend genommen. Sie hatte die Freiheit einer sich nur an Jesus orientierenden, von staatlichem Wohlwollen unabhängigen Kirche gewonnen. Allerdings ohne dies zu wollen und ohne es zu verstehen.

Noch im Vorfeld des 17. Juni 1953, als die Kirche vom Staat angegriffen, die Jungen Gemeinden als CIA-gesteuerte Agentenzentralen diffamiert und Studentenpfarrer verhaftet wurden, bemühten sich Vertreter der Kirche bei diesem selben Staat um Religionsunterricht an den Schulen und Kirchensteuereinzug durch den Staat! Man konnte sich Kirche ohne die Krücken staatlicher Privilegien einfach nicht vorstellen. Der DDR-Staat wies das Ansinnen der Evangelischen Landeskirchen ab.

Eine Reformation neuen Typus nahm ihren Anfang. Da die Kirche selbst nicht mehr die innere Kraft zur Erneuerung hatte, ging Gott einen neuen Weg mit ihr. Von außen, über den atheistischen Staat, schreckte sie Gott aus dem Schlaf der Sicherheit und rüttelte und schüttelte den Weinberg des Herrn durch und durch, dass die faulen Früchte und toten Äste nur so herunterprasselten.

Die imposanten Zahlen nahmen rapide ab. Dran und drin blieb nur, wer wirklich mit Jesus verbunden war. Wir mussten neu buchstabieren, was es heißt, wenn Jesus sagt: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie solche Reben, die man sammelt und ins Feuer wirft . . ." (Joh. 15, 5-6).

So half der atheistische Weltanschauungsstaat, ebenfalls ohne es zu wollen und ohne es zu verstehen, der Kirche wieder zur Besinnung und Konzentration darauf, wovon sie allein lebte und lebt: vom gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus. Eine ungewollte Alternative wurde Wirklichkeit. Und keiner von uns ahnte, was Gott ausgerechnet mit dieser zu einer Minderheit gewordenen Kirche vorhatte!

Es begann senfkornartig klein. Mit Friedensgebeten gegen den Wahnsinn der Hochrüstung und die Stationierung der Mittelstreckenraketen in Ost und West.

Bei uns in der Nikolaikirche Leipzig begann der Weg der Verheißung vor 32 Jahren, 1981, mit 10 Friedensgebeten der 1. Friedensdekade, 1982 intensiviert durch die Einführung der wöchentlichen Friedensgebete. Und das Senfkorn wuchs unaufhaltsam. Am 9. Oktober 1989, dem Tag der Entscheidung, wurde die Nikolaikirche im Verbund mit den anderen Innenstadtkirchen zum Ausgangspunkt der Demonstration der 70.000 und damit zum Ausgangspunkt der Friedlichen Revolution in der DDR. Immer wieder hatte die Bergpredigt Jesu eine zentrale Rolle gespielt. Immer wieder, so auch an diesem Tag, die Bitte: "Lasst die Gewaltlosigkeit nicht in der Kirche stecken, nehmt sie mit hinaus auf die Straßen und Plätze!"

Denn: Beten und Handeln, drinnen und draußen, Altar und Straße gehören zusammen! So nahm eine politische Entwicklung ihren Lauf, die es in dieser Gestalt noch nie in der deutschen Geschichte gegeben hatte: eine Revolution ohne Blutvergießen, eine friedliche Revolution, eine Revolution, die aus der Kirche kam. Ein Wunder biblischen Ausmaßes!

So war aus der Reformation neuen Typus eine Revolution neuen Typus herausgewachsen! Pfarrer Heinrich Albertz hat das Geschehen Anfang 1990 von der Bundesrepublik her so gesehen und mir gesagt: "Zum ersten Mal in seiner Geschichte hat der deutsche Protestantismus auf der richtigen Seite gestanden - bei den Unterdrückten und nicht bei den Unterdrückern, beim Volk und nicht bei den Mächtigen. Hier wurden ,politische Predigten' im wahrsten Sinn des Wortes gehalten - ein Lehrstoff für uns, bei denen schon dieser Ausdruck verfemt ist.

Ja, wir haben viel zu lernen in unserem westlichen, allerchristlichsten Abendland. In einem atheistischen Staat ist die Frohe Botschaft von Jesus Christus der Anstoß zum politischen Handeln geworden, die Kirche zum Raum der Freiheit und der Menschlichkeit.

Im März 1990 habe ich meine Sicht auf die Ereignisse für die Bezirkssynode zusammen gefasst: "Die Kirche hatte zu ihrer eigentlichen Aufgabe gefunden: Nicht Hüterin der Vergangenheit, nicht Sachwalterin innerkirchlichen Bestandes zu sein, sondern Verantwortung für alle Menschen zu übernehmen, den Menschen vom Evangelium her ganzheitlich und also auch in seinen gesellschaftspolitischen Bezügen zu sehen und sich ihm in innerer und äußerer Not im Namen Jesu zuzuwenden."

Bei Dietrich Bonhoeffer findet sich dieses Kirchenverständnis in dem Begriff "Kirche für andere" verdichtet: "Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. ... Sie muss an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend."

Heute sehe ich nach wie vor als große Chance der Kirche, "offen für alle" zu sein. Ich finde diese Haltung verwirklicht, wo Christen und Nichtchristen um eines konkreten Zieles willen zusammenarbeiten ("Ökumene mit den Atheisten"), wo bei Jesus Mut zur Alternative gewonnen wird für eine solidarische Ökonomie ("Anders wachsen und wirtschaften: jetzt"), in der die Jesus-Mentalität des Teilens praktiziert wird: Teilen von Bildung, Arbeit, Einkommen, Ressourcen und Wohlstand, wo der Mensch an erster Stelle steht, nicht Geld und Profit. Und wo die militärischen Konfliktlösungen von dem Bemühen um gerechten Frieden abgelöst werden.

Dem Reich Gottes entgegen mit "revolutionärer Geduld".

Christian Führer
Christian Führer

war in den 1980er Jahren Gemeindepfarrer der Nikolaikirche in Leipzig. Er ist heute im Ruhestand.

Alltagsgeschichten

Keiner lebt für sich allein: Fünf Alltagsgeschichten über Zelte in der Kirche, Gemeindefeste und Brokdorf-Heimkehrer. Hier lesen Sie mehr.

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-06-14