Mit der Bergpredigt regieren

In der Spur Jesu politisch handeln: Die Täufer

Schwärmer, Himmelsstürmer, Winkelprediger, Wiedertäufer, Sektierer und Aufrührer wurden sie von Luther, Zwingli und anderen Reformatoren genannt. Sie selbst bezeichneten einander als Brüder und Schwestern. Eine geschwisterliche Kirche wollten sie bauen, ohne Einfluss der Obrigkeit, ohne innerkirchliche Hierarchie oder klerikale Bevormundung. Jesus nachfolgen wollten sie im täglichen Leben und in den politischen Zusammenhängen ihrer Zeit.

Beim Speyrer Reichstag 1529 protestierten die evangelischen Fürsten und Städte zwar gegen ihre eigene Diskriminierung durch die katholische Seite. Als frischgebackene Protestanten machten sie jedoch gemeinsame Sache mit Kaiser und Reich, als für das Delikt "Wiedertaufe" die Todesstrafe verhängt wurde.

Unkontrollierbar erschienen die heute als Täufer oder radikale Reformation Bezeichneten den damals Herrschenden. Sie wählten ihre Prediger selbst und verweigerten sich damit staatsfrommer Beeinflussung. Sie lehnten die Säuglingstaufe ab und sprengten damit die bisherige Einheit von Kirche und Gesellschaft. Sie kündigten das über 1000-jährige Bündnis zwischen Kirche und Staat, stellten die Heiligkeit des römischen Reiches deutscher Nation in Frage und sahen die seit Kaiser Konstantin bestehende Bindung der Kirche an die Obrigkeit als Irrweg.

"Das Schwert ist eine Gottesordnung außerhalb der Vollkommenheit Christi..." hatte eine Versammlung von Täufern in Schleitheim bei Schaffhausen 1527 formuliert und daraus den Schluss gezogen, dass Christen die Beteiligung an der Schwertgewalt des Staates verweigern sollten. Sie leugneten nicht die Funktion des staatlichen Gewaltmonopols, sondern stellten mit Röm 13 pragmatisch fest, dass die "weltlichen Obrigkeiten eingesetzt seien, das Schwert zu gebrauchen, die Bösen zu strafen und die Guten zu schützen". Dies sei jedoch weder Aufgabe der Kirche noch der einzelnen Christen, sondern eben der Obrigkeit. Zur Konfliktlösung sollten in der "Vollkommenheit Christi" nur gewaltfreie Mittel eingesetzt werden. Als "ultima ratio" bleibe nach Gesprächen höchstens ein Ausschluss aus der Gemeinde (Mt 18, 15ff.), keinesfalls dürfe Gewalt oder gar die Todesstrafe eingesetzt werden.

Christen seien berufen, den Weg Jesu zu gehen. Als Zeugnis des anbrechenden Reiches Gottes sei es ihr Auftrag, hier und heute schon die kommende neue Ordnung Gottes zu leben. Die Kirche verkörpere die Alternative Gottes zu den Reichen dieser Welt. Wie Schafe sei sie gesandt unter die Wölfe, müsse Leid und Verfolgung ertragen. Sie trage das Kreuz Christi und bleibe auch im Martyrium ihrem Herrn treu, gebe gerade dann Zeugnis von seiner Gerechtigkeit und Liebe, selbst zum Feind.

Der ganze Christ solle ungeteilt in der Nachfolge Jesu leben, statt sich in Christperson und Amtsperson aufzuteilen und in Privatleben und Amtsgeschäften den jeweils unterschiedlichen ethischen Anforderungen der lutherischen Zwei-Reiche- Lehre zu folgen. Sollte er in einem Amt gezwungen sein, gegen die Nachfolge Jesu zu handeln, so sei er als Christ eben nicht zu diesem Amt berufen.
Auch täuferische Theologie spricht von zwei Reichen, sieht es jedoch nicht als Aufgabe der Christen, die gewaltgestützte Ordnung des Reiches der Welt durch Beteiligung daran aufrechtzuerhalten.

Die angestrebte Vernichtung der radikalen Reformation war weitgehend erfolgreich. Etwa 2000 Hinrichtungen durch katholische wie reformatorische Obrigkeiten sind dokumentiert. So konnte die Alternative zur obrigkeitsgestützten Reformation zunächst nur im geographischen Rückzug überleben. Aus den täuferischen Wurzeln entwickelten sich die Mennoniten als erste Freikirche und sogenannte "historische Friedenskirche". Das heutige Recht auf Kriegsdienstverweigerung geht wesentlich auf ihre Verweigerung von Waffendiensten zurück. Im zaristischen Russland erwirkten sie im 19. Jahrhundert den ersten Zivildienst. Nordamerikanische Mennoniten entwickelten im 20. Jahrhundert weltweite freiwillige Friedensdienste. Auch neue Methoden der Konflikttransformation (Mediation, innovative Ansätze im Rechtswesen wie Täter-Opfer- Ausgleich) gehen auf ihre Impulse zurück.

Politisches Handeln in der Spur Jesu verzichtet auf die üblichen politischen Zwangsmittel. Es strebt nicht nach den Hebeln der Macht, da mit deren Einsatz nur die bestehende Gewaltordnung fortgesetzt wird. Es vertraut darauf, dass sich die neue Ordnung des Reiches Gottes im Leben der Kirche exemplarisch verwirklicht. Trotz mancher Irrtümer und Irrwege zeigt die Geschichte der Mennoniten und anderer Minderheiten an den Rändern des konstantinischen Zeitalters, dass dies möglich ist. Mit der Bergpredigt lässt sich wohl nicht die Welt regieren. Darin ist Bismarck und Helmut Schmidt zuzustimmen. Es ist jedoch nicht die Absicht des Bergpredigers, die Welt zu regieren. Es genügt ihm, wenn die Kirche ihn in ihrer Mitte "regieren" lässt und auf die kreative Kraft seines Geistes auch und gerade als Minderheit vertraut.

2010 bat die Vollversammlung des Lutherisches Weltbundes in Stuttgart die Mennoniten um Vergebung für die lutherische Mitschuld an der Täuferverfolgung im 16. Jahrhundert. Als Frucht eines mehrere Jahre dauernden Dialoges wurde Versöhnung gefeiert. Im Dialogbericht "Heilung der Erinnerungen - Versöhnung in Christus" werden die bis heute unterschiedlichen sozialethischen Ansätze entfaltet. Nicht mehr im schroffen Gegeneinander, sondern als gegenseitige Herausforderung.

Wolfgang Krauß
Wolfgang Krauss

ist Prediger der Mennonitengemeinde in Augsburg und Initiator der Aktion "Wieder Täufer in Augsburg und anderswo".

Alltagsgeschichten

Keiner lebt für sich allein: Fünf Alltagsgeschichten über Zelte in der Kirche, Gemeindefeste und Brokdorf-Heimkehrer. Hier lesen Sie mehr.

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-06-14