Reformation, Gewissensfreiheit und Toleranz

Die Reformation gilt als Quelle von Gewissensfreiheit und Toleranz. Dafür gibt es gute Gründe. Aber der Befund ist differenziert zu sehen:

Zu den Sätzen, für die Luther verdammt wurde, gehörte seine Feststellung: "Ketzerverbrennung ist wider den Willen des Heiligen Geistes." Ihr entsprach sein Ratschlag: "Man lasse die Geister aufeinander platzen."

Voraussetzung dieser Sätze war die reformatorische Auffassung vom Charakter des Glaubens und seinem Verhältnis zur Welt: Der Glaube ist ein innerliches Geschäft, bei dem nur der Heilige Geist durch das Evangelium tätig ist. Das Gewissen ist von jedem menschlichen, auch kirchlichen und erst recht obrigkeitlichen Zugriff frei. Dafür stand Luther selbst auf dem Wormser Reichstag von 1521 vor Kaiser und Reich ein. Und das wurde auf dem Speyrer Reichstag von 1529 bestätigt, als die Protestanten erklärten, dass es in Fragen des Glaubens auch keine Mehrheitsentscheidungen geben kann. Grundsätzlich darf, wo es um Glauben und Gewissen geht, kein Zwang und keine Gewalt angewandt werden. Dieser Grundsatz hat auch Folgen für die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden: Glaubensdifferenzen und Lehrgegensätze sind im gewaltlosen Disput und in brüderlicher Ermahnung auszutragen. Es gilt: "Ohne menschliche Gewalt, sondern mit dem Wort Gottes", wie es das Augsburgische Bekenntnis (Art. 28) formuliert. Oder mit Calvin, dass zwischen "der ,äußeren' Rechtsgewalt und der des Gewissens" scharf zu unterscheiden ist.

Ihr Gewicht haben diese Sätze unter der Voraussetzung, dass mit ihnen der Gegensatz zwischen rechtem Glauben und Irrglauben nicht aufgehoben wird. Die Geister, die "aufeinander platzen" sollen, sind die von recht und falsch Lehrenden. Es muss also ertragen werden, dass Irrlehre vertreten wird. Hier handelt es sich um "Toleranz" im wörtlichen Sinne, um das geduldige Ertragen einer Auffassung, die man selbst für falsch hält.

Diese Toleranz hat für die Reformatoren jedoch eine doppelte Grenze: Wenn falsche Lehre sich mit Gewalt verbindet, muss die Obrigkeit einschreiten, um den gesellschaftlichen Frieden zu schützen; ihr Einschreiten gilt dann nicht der Lehre selbst und verletzt damit auch die Gewissensfreiheit nicht. In der politischen Realität wurde dieser Grundsatz freilich nicht immer eingehalten. Nicht selten kam es dazu, daß Anderslehrenden der Vorwurf, Gewalt zu propagieren und Aufruhr zu schüren, ohne genaue Prüfung des Sachverhalts gemacht wurde, so einem Großteil der Täufer.

Die zweite Grenze ergibt sich daraus, dass Luther und die anderen Reformatoren trotz neuer Bestimmung des Charakters und der Aufgaben von politischer Gewalt und Kirche, wie die Zeitgenossen allgemein, an der traditionellen Vorstellung des corpus christianum als Grundlage des gesellschaftlich-politischen Zusammenlebens festhielten. Religionsfreiheit im heutigen Sinne war damit ausgeschlossen. Denn nach jener Vorstellung gab es falsche Lehre, die keine bloße Glaubensdifferenz markierte, sondern den Grundkonsens der christlichen Gesellschaft in Frage stellte, so die Ablehnung der Säuglingstaufe und die Leugnung der Trinität. Damit lag hier kein Gegensatz vor, der unter die Gewissensfreiheit fiel und allein geistlich-theologisch auszutragen war, sondern ein solcher, den die Obrigkeit kraft ihrer Verantwortung für die öffentliche Wohlfahrt zu beheben hatte - sei es gegenüber Täufern, Antitrinitariern oder Juden; bejaht wurde auch, doch gleichfalls als Maßnahme zum Wohl der Untertanen und nicht als Glaubenskrieg, die militärische Auseinandersetzung mit den muslimischen Türken.

Im Zuge der Herausbildung geschlossener Konfessionssysteme nach der Reformation kam es auch auf evangelischer Seite erneut zur Verschränkung von Glaube und Macht, so dass Europa eine Periode von Kriegen erlebte, in denen sich auf allen Seiten staatliche und religiöse Belange verquickten. Die andersgerichteten Einsichten der Reformation konnten sich dagegen nicht behaupten. Doch wo jene Konflikte durch die Friedensschlüsse zur Mitte des 17. Jahrhunderts, insbesondere den Westfälischen Frieden, militärisch und juristisch befriedet waren, konnte man die in der Reformation gewonnenen Einsichten wieder aufnehmen und weiterentwickeln, auch über die in der Reformation gegebenen Grenzen hinaus.

So sind die modernen Konzepte von Gewissensfreiheit und Toleranz, die sich im 17. und 18. Jahrhundert herausbildeten und nicht zufällig zunächst in protestantischen Gebieten zur praktischen Wirkung kamen, so wenig sie sich nur auf reformatorische Wurzeln zurückführen lassen, wesentlich auch Ergebnis der Reformation.

Prof. Dr. Michael Beintker, Prof. Dr. Heinz Schilling und Prof. Dr. Dorothea Wendebourg

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Publikationsdatum dieser Seite: 2016-01-20