Gespräch mit der Rumänischen Orthodoxen Kirche über Kirchenverständnis

17. Oktober 2000

Unter dem Thema "Die Kirche und ihre politisch-gesellschaftliche Verantwortung heute" wurde bei der neunten Begegnung im bilateralen Theologischen Dialog zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Rumänischen Orthodoxen Kirche auch das Selbstverständnis der Rumänischen Orthodoxen Kirche als "nationale Kirche" diskutiert. Im Kommuniqué des Treffens heißt es: Die Rumänische Orthodoxe Kirche erkennt "den Beitrag der anderen Kirchen in Rumänien sowohl zur Identität der eigenen sie tragenden ethnischen Minderheiten als auch deren Beitrag zum Gemeinwohl und deren eigenen volkskirchlichen Charakter an. Im eigenen Selbstverständnis nimmt die Rumänische Orthodoxe Kirche als Mehrheitskirche Verantwortung für das rumänische Volk gerade jetzt nach den Jahren der Diktatur im Dialog mit der Gesellschaft wie den anderen Kirchen zusammen mit diesen wahr. Das möchte sie mit dem Begriff 'Nationale Kirche' ausdrücken, ohne damit eine rechtliche Bevorzugung anzustreben."

Der in Deutschland gebräuchliche Begriff "Volkskirche" stößt in Rumänien auf Vorbehalte, weil der Ausdruck "Volk" in der Zeit der kommunistischen Herrschaft einen negativen Beiklang bekommen hatte (Volksarmee, Volkskongress). Andererseits ist die in orthodoxen Kirchen übliche Bezeichnung "Nationale Kirche" für viele evangelische Christen aus Deutschland durch Erinnerungen an die nationalsozialistische Zeit zu sehr belastet. Diese unterschiedlichen Akzentsetzungen sind in Gesprächen jeweils aufzuarbeiten. Die Diskussion in Herrnhut ergab die gemeinsame Feststellung: "Staat und Kirche sind in ihren geschichtlichen Lebensformen auf dieselben Menschen bzw. jeweils auf das gleiche Volk bezogen." So entsteht - wie es im Kommuniqué heißt - für die Beziehung von Volk und Kirche "ein einzigartiges Zusammenwachsen, wobei das Kirchenvolk zu einer eigens ausgeprägten Volkskirche werden kann mit einem deutlich nationalen Charakter innerhalb einer geschichtlich gewachsenen Kultur. Angesichts der gegenwärtigen Situation mit ihren unterschiedlichen Graden der Säkularisierung sind diese Gegebenheiten Anlass zu neuem, intensivem Nachdenken."

Die Annäherung der rumänisch-orthodoxen und evangelischen Delegationen bei diesem Thema lässt hoffen, dass auch bei noch strittigen speziellen theologischen Themen ein Gespräch möglich wird, das von dem bis jetzt gewonnenen Vertrauen getragen wird. Es ist denkbar, bei der nächsten Zusammenkunft die unterschiedlichen Positionen in der Frage der kirchlichen Ämter zu behandeln und so das gegenseitige Verständnis zu verbessern. Bei dem Treffen vom 7. bis 12. Oktober 2000 in Herrnhut wurde die Delegation der Rumänischen Orthodoxen Kirche von Metropolit Dr. Serafim von Deutschland und Zentraleuropa geleitet, die Delegation der Evangelischen Kirche in Deutschland von Bischof Dr. h.c. Rolf Koppe, dem Leiter der Ökumene- und Auslandsarbeit der EKD. Zum Abschluss der Begegnung wurden die Delegationen durch den stellvertretenden Vorsitzenden des Rates der EKD, Landesbischof Volker Kreß, im Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens in Dresden empfangen.

Weitere Informationen: Oberkirchenrat Heinz Klautke, Telefon 0511/2796-435.

Hannover, 17. Oktober 2000
Pressestelle der EKD



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