"Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum"

EKD legt dritte Studie "Christen und Juden" vor

08. Mai 2000

Zu den theologisch brisanten Fragen gehört seit 50 Jahren die nach dem Verhältnis von Kirche und Judentum. Es dauerte nach dem Zusammenbruch der Naziherrschaft noch Jahre, bis die Synode der EKD 1950 in Weißensee sagen konnte: "Wir sprechen es aus, daß wir durch Unterlassen und Schweigen vor dem Gott der Barmherzigkeit mitschuldig geworden sind an dem Frevel, der durch Menschen unseres Volkes an den Juden begangen worden ist." Weitere 25 Jahre mußten vergehen, bis deutlich wurde, dass dies die Herausforderung einschloß, das Verhältnis von Kirche und Judentum auch theologisch neu zu bedenken.

Die Studie der EKD Christen und Juden (I) von 1975 war ein erster Markstein auf diesem Wege. Die Studie II von 1991 ging auf diesem Wege weiter. Nun erscheint im Jahr 2000 die Studie Christen und Juden III, die weitere Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum zu weisen sucht.

In der Studie III wird zunächst der Ertrag des Nachdenkens im Bereich der Gliedkirchen seit Erscheinen der Studie II zusammengefasst. Einen theologischen Schwerpunkt der Studie bildet die Frage: Was leistet der Begriff "Bund" für eine sachgemäße Zuordnung von Kirche und Judentum?

Brisant sind die Themen der weiteren Abschnitte. Da ist vor allem die brennende Frage der sogenannten "Judenmission". "Erlaubt, ja gebietet die leidvolle und schuldbeladene Geschichte der Kirche im Verhältnis zum Judentum heute den Verzicht auf eine organisierte, gesonderte Judenmission - ohne dass damit die universelle Geltung der christlichen Verkündigung, die auch Juden nicht ausschließt, in Frage gestellt wird?" (Vorwort). Der Erörterung wird in der Studie ein ganzes Kapitel von 17 Seiten gewidmet. Ausgangspunkt ist die biblische Erkenntnis: "Christlicher Glaube ist seinem Wesen nach missionarisch. ... Verzicht auf öffentliches Zeugnis wäre gleichbedeutend mit einer Zurücknahme der universalen Dimension christlichen Glaubens". Zur Zeit des Neuen Testaments war, wie das Apostel-Konzil zeigt, nicht das Christuszeugnis gegenüber Juden, sondern das Christuszeugnis gegenüber Heiden ein Problem. Die Vergeblichkeit der Judenmission ist die Chance der Heiden, die bald die erdrückende Mehrheit der wachsenden christlichen Kirche darstellen. Dass Juden in ihrer großen Mehrheit den Christusglauben ablehnen, stellt die Verheißungen Gottes an Israel aber nicht in Frage. Wenn Gott Israel wie die Christenheit am Ende retten wird, ist damit nicht gesagt, dass christliche Missionsbemühungen schließlich doch von Erfolg gekrönt sein werden. Deshalb kann gesagt werden: "Unbeschadet der grundsätzlichen Universalität des christlichen Zeugnisses ist die Notwendigkeit besonderer christlicher missionarischer Zuwendung zu den Juden heute kritisch in Frage zu stellen".

Ein weiteres brisantes Thema: Die Spannungen zwischen dem Staat Israel und den Palästinensern haben viele Facetten. Eine davon ist theologischer Natur: "Wie lässt sich die alttestamentliche Verheißung des Landes, die mit der Zusage des Bundes Gottes an Israel so eng verknüpft ist, verstehen - ohne dass daraus eine christliche Bestätigung von territorialen Ansprüchen jüdischer Gruppen oder eine religiöse Überhöhung des Staates Israel abgeleitet wird?". Die Verheißung ist, da eng mit der Bundeszusage verbunden, für Israel eine grundlegende Aussage. Ihre Bedeutung liegt allerdings darin, dass die Gabe des Landes dem Ziel dient, Frieden und Gerechtigkeit für Israel und die Völker zu erreichen. "Eine religiöse Überhöhung des Staates Israel ist theologisch unzulässig und gefährdet die Bemühungen um einen friedlichen Interessenausgleich zwischen den Bürgern des Staates Israel und seinen arabischen Nachbarn".

In einem weiteren Abschnitt werden in Studie III Handlungsfelder und Aufgaben von Christen und Juden heute benannt: die Frage der Menschenrechte, die Bewahrung der Schöpfung, die Sonntagsheiligung und Sabbatruhe, der Schutz von Minderheiten, die Suche nach Formen des Gedenkens, der christliche Gottesdienst in seinem Verhältnis zum jüdischen Gottesdienst. Einige grundsätzliche Fragen im Kapitel "Orientierung im christlich-jüdischen Gespräch" schließen die Studie III ab.

Im Rat der EKD hat der Entwurf der Studie zwei lange und teilweise kontroverse Beratungen erfahren. Das Ergebnis war eine "differenzierte Zustimmung". Das Vorwort der Studie schließt mit den Worten: "Der Rat übergibt sie den Gemeinden und allen interessierten Leserinnen und Lesern in der Hoffnung, dass die Neubesinnung der Kirche auf ihr Verhältnis zum Judentum an theologischer Tiefe gewinnt und das Gespräch zwischen Christen und Juden neue Impulse erfährt."

Hannover, den 08. Mai 2000
Pressestelle der EKD



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