Für friedliches Miteinander von Gläubigen unterschiedlicher Religionen

EKD stellt Handreichung „Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland" vor

11. September 2000

Mit ihrer neuen Handreichung „Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland" will die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) einen Beitrag für ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher religiöser Prägung leisten. Der Vorsitzende des Rates der EKD, Präses Manfred Kock, stellt die Publikation heute (11. September 2000) in Berlin der Öffentlichkeit vor. Damit liegt nun erstmals eine offizielle Positionsbestimmung der EKD gegenüber der muslimischen Bevölkerung in Deutschland vor. Christen sollten sich „den Muslimen in unserem Land in Offenheit zuwenden, um sie zu verstehen und ihre Religion zu respektieren." Für die Gestaltung der Begegnung von Gläubigen beider Religionen erörtert die Handreichung „Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland" in zwei Grundsatzkapiteln theologische und rechtliche Fragen, die dann in einem Praxiskapitel für verschiedene Begegnungsfelder von Christen und Muslimen konkretisiert werden.

Obwohl seit fast 40 Jahren Muslime in größerer Zahl in Deutschland leben (mittlerweile etwa 3 Millionen) und in manchen Stadtteilen erkennbar das Nachbarschaftsgefüge prägen, wird das Bild vom Islam häufig durch Meldungen aus anderen Teilen der Welt bestimmt. Selten wird bei den Glaubensvorstellungen hiesiger Muslime angesetzt. Die neue Handreichung der evangelischen Kirche geht von der in Deutschland lebenden muslimischen Bevölkerung aus, ohne dabei die Situation der in islamisch geprägten Ländern lebenden Christen zu übersehen. Dieser Ansatz ermöglicht es, wissenschaftliche Erkenntnisse über das Glaubenssystem der Muslime mit schon vorhandenen Erfahrungen im Dialog und in Begegnungen zu verbinden.

Auch für die gegenwärtige Auseinandersetzung mit fremdenfeindlichen Einstellungen ist dieser Text wichtig, weil er sich nicht von Klischees bestimmen lässt. Er nimmt Ängste ernst, die durch Informationen und vereinzelte Erfahrungen entstanden sind, setzt aber den Islam nicht mit Erscheinungen des religiösen und politischen Fanatismus gleich, sondern ruft zur Differenzierung auf. „Ein grundsätzlicher Ton des Misstrauens und der Unterstellung führt nicht weiter." Das Gespräch und die offene Begegnung zwischen Menschen verschiedenen Glaubens, nicht das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Systeme, ist in den Blick zu nehmen.

Auf konstruktive Weise wird mit den Glaubensunterschieden umgegangen, so dass sich Gemeinden, Initiativen und einzelne Christen aktiv an der Auseinandersetzung beteiligen können. „Die Begegnung mit Muslimen und ihrem Glaubensleben muss nicht zur Preisgabe der eigenen Identität führen. Im Gegenteil: Die Erfahrung lehrt, dass die interreligiöse Begegnung zur vertieften Nachfrage nach den Grundlagen des eigenen Glaubens anregt. Je sicherer man in der eigenen Glaubenstradition zu Hause ist, desto offener und liebevoller kann die Hinwendung zu Menschen anderen Glaubens geschehen, und desto tiefer wird auch das Verstehen anderer Religionen sein."

Der theologische Teil der Handreichung geht vom Bekenntnis zu dem einen Gott aus, der sich allen Menschen zuwendet. Dabei wird das christliche Gottesverständnis als Ausgangspunkt für die weiteren Überlegungen beschrieben. Die Besonderheit dieses Teils liegt darin, dass er nicht einzelne Lehrsätze der Christen und Muslime miteinander vergleicht, um Nähe oder Distanz festzustellen, sondern jede Religion als ein Ganzes belässt, um Gespräche „in persönlicher Ehrlichkeit und in Treue zur eigenen Tradition" zu ermöglichen. Dann gibt es kein Erschrecken, wenn hinter anfänglichen Gemeinsamkeiten doch wieder Unterschiede auftauchen. Der Umgang mit Differenz und Nähe muss eingeübt werden, um mit einem „Ethos des Dialogs" die Begegnung mit Muslimen selbstverständlich und natürlich zu machen. Das wird an der Frage des islamischen und des christlichen Menschenbildes ausgeführt. Für solche Begegnungen werden Grundsätze dargelegt, die ein gegenseitiges Glaubenszeugnis voraussetzen (also unverkrampft mit dem Reizwort „Mission" umgehen) und mit der Authentizität der Gesprächspartner rechnen. Die Begegnungsfelder gegenseitiger Gastfreundschaft, der Teilnahme an Festen und des nachbarschaftlichen Zusammenlebens werden untersucht. Ein eigener Abschnitt behandelt die Frage des christlichen und des islamischen Gebets.

Im rechtlichen Teil werden die Rahmenbedingungen des Grundgesetzes für die Ausübung des islamischen Glaubens erläutert. Nach einer Darstellung der möglichen Organisationsformen islamischer Religionsgemeinschaften werden rechtliche Ausführungen zu den Themenkomplexen Kindergarten, Schule, Seelsorge in verschiedenen Bereichen und zum Friedhofswesen gemacht. Dieses Kapitel schließt mit der Feststellung: „Das deutsche Religionsrecht ist für alle Religionsgemeinschaften offen und ermöglicht die Religionsausübung auch im öffentlichen Leben."

Der praktische Teil der Handreichung zieht aus all diesen Überlegungen die Konsequenzen für die kirchlichen Handlungsfelder: Kindergarten und Schule werden mit Schwierigkeiten und Chancen der Begegnung dargestellt. Eigene Abschnitte sind den christlich-muslimischen Ehen und der Arbeitswelt gewidmet. Die Seelsorgebereiche von Krankenhaus und Altenheim, aber auch von Gefängnissen werden ausführlich behandelt. Für Gemeinden werden auch die Abschnitte über Friedhöfe, Moscheebau und Raumvergabe wichtig sein, da in diesen Bereichen oft Anfragen gestellt werden.

Hannover/Berlin, den 11. September 2000
Pressestelle der EKD

Hinweis:
Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland: eine Handreichung der Evangelischen Kirche in Deutschland
hg. vom Kirchenamt der EKD
Gütersloh 2000
ISBN 3-579-02373-X



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