Nicht nachlassen in Friedensbemühungen für den Nahen Osten

EKD-Ratsvorsitzender zum Israelsonntag

21. August 2003

Anlässlich des Israelsonntags am 24. August 2003 hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Manfred Kock, die Vertreter der Religionen im Nahen Osten dazu aufgerufen, in den Friedensbemühungen für ihre Völker nicht nachzulassen. Der Israelsonntag wird seit dem Mittelalter im Christentum am 10. Sonntag nach Trinitatis gefeiert. Er ist dem Gedenken an die Zerstörung des jüdischen Tempels gewidmet, zugleich seit den sechziger Jahren mit einem Gedenken an die Judenverfolgung des Dritten Reiches verbunden sowie mit der Reflexion des Verhältnisses von Kirche und Israel.

Angesichts des neuerlichen Terroranschlages in Jerusalem sei deutlich geworden, wie zerbrechlich die Friedensbemühungen tatsächlich sind, so Manfred Kock. Der evangelische Propst von Jerusalem, Martin Reyer, hat in einem Brief an die evangelischen Landeskirchen in Deutschland um Fürbitte für die Menschen des Nahen Ostens gebeten. Aus eigener Kraft werde es dem Land nicht gelingen, Sicherheit für die einen und Selbstbestimmung für die anderen zu erreichen, so Reyer.  "Die Menschen haben kaum noch die Kraft, an einen Frieden zu glauben."

"Wir sind am Ende", heißt es in einem Gebet, das die deutschsprachige evangelische Gemeinde in Jerusalem am Israelsonntag beten wird. "Zeig Du uns die Wege miteinander zu leben, vergib alle Schuld und lass über dem vergossenen Blut der vergangenen Jahre Brücken der Versöhnung wachsen."

Der EKD-Ratsvorsitzende Manfred Kock verwies auf die im Januar 2002 von führenden Vertretern der religiösen Gemeinschaften verabschiedete Alexandria-Erklärung. Es sei bedauerlich, dass "die ökumenische und zugleich politische Bedeutung dieser Erklärung in Deutschland bisher kaum zur Kenntnis genommen wurde", so Kock.

In der Erklärung von Alexandria, die unter Vorsitz des damaligen Erzbischofs von Canterbury, George Carey, verabschiedet wurde, verpflichten sich führende Vertreter des Islam, Christentum und Judentum, der Gesinnung des Hasses und der gegenseitigen Diffamierung entgegenzutreten und jede Form der Gewalt als Problemlösung zu verurteilen. Die politischen Führer Israels und der palästinensischen Gebiete werden aufgerufen, "sich für eine gerechte, sichere und dauerhafte Lösung im Geiste Gottes und der Propheten einzusetzen."

An der Friedenskonferenz im ägyptischen Alexandria am 21. Januar 2002 hatten prominente Vertreter der drei wichtigsten Religionsgemeinschaften im Nahen Osten teilgenommen, darunter der christlich-palästinensische Bischof Michel Sabbah, der stellvertretende Außenminister Israels, Michael Melchior, und der höchste geistliche Würdenträger des sunnitischen Islams, Scheich Mohammed Tantawi von der Al-Azhar-Universität in Kairo.

Hannover, 21. August 2003
Pressestelle der EKD
Silke Fauzi

Hinweis: Im Folgenden finden Sie den Gebetstext des Jerusalemer Propstes und  den vollständigen Text der Alexandria-Erklärung: http://www.christen-und-juden.de/html/alex.htm



Gebet
 
Zum Israelsonntag 2003, 10. Sonntag nach Trinitatis, 24.08.2003
 
Du bist der eine Gott,
Gott Israels und der Kirche,
Zu dem im Namen Jesu auch wir beten dürfen.
 
Sieh Dein Land an:  Wie es schreit nach Frieden.
Die Menschen sind müde von der Gewalt.
Und auch quer durch Dein Land die Mauer
Wird Angst und Hass
Nicht eindämmen können.
 
Sieh Dein Land an:
Wagenburg für Dein Volk - Gefängnis für das andere.
Doch Du hast es Deinem Volk gegeben,
Damit es  - auch mit dem Fremden - darin in Frieden lebe.
 
Wir sind am Ende.
Zeig Du uns die Wege miteinander zu leben,
Vergib alle Schuld
Und lass über dem vergossenen Blut der vergangenen Jahre
Brücken der Versöhnung wachsen.
Schenk uns den neuen Anfang.
Aus deiner Gnade. Amen


Erklärung von Alexandria

Abgegeben von den Oberhäuptern der religiösen Gemeinschaften im Heiligen Land

Jüdische, muslimische und christliche Oberhäupter haben in der ägyptische Hafenstadt Alexandria eine Übereinstimmung unterzeichnet, welche die Gewalt im Nahen Osten verurteilt: "Gemäß unseres Glaubens und Traditionen ist das Morden Unschuldiger im Namen Gottes eine Entweihung des Namen Gottes und diffamiert alle Religion in der Welt. Die Gewalt im Heiligen Land ist ein Übel, dem sich alle Menschen guten Willens entgegensetzen müssen."

An der Friedenskonferenz hatten prominente Vertreter der drei wichtigsten Religionsgemeinschaften Israels und der palästinensischen Gebiete teilgenommen. Auch der höchste geistliche Würdenträger der Sunniten, Sheikh Mohammed Sayed Tantawi, Grossscheich der Al-Azhar-Universität in Kairo, nahm am Treffen teil, zu der auf Anregung des stellvertretenden israelischen Außenministers, Rabbiner Michael Malkhior, der Erzbischof von Canterbury, George Carey, eingeladen hatte.

Die jüdische Delegation wurde vom sephardischen Oberrabbiner, Raw Bakshi-Doron, angeführt. Weitere Teilnehmer waren der Rabbiner und stellvertretende Aussenminister Israels, Malkhior, Rabbi David Rosen, Rabbi Froman und Rabbi Brodman.

Der palästinensischen Delegation gehörten Sheikh Taisir Tamimi (Vorsitzender des Rechtsausschusses der Sharia in der PA), Sheikh Tal El Sider (Staatsminister der PA und eine der höchsten religiösen Authoritäten der palästinensischen Autonomie. Christlich-palästinensische Gemeinden waren durch vier Bischöfe vertreten, unter ihnen Michel Sabbah.

In einer Zeit, in der es um das Los der Palästinenser täglich schlechter bestellt sei, war es nicht einfach eine solche Konferenz zu organisieren, sagte Ali as-Samman, Vizepräsident des Azhar- Komitees für interreligiösen Dialog

Ursprünglich war ein rein religiöser Friedensaufruf geplant gewesen, die gute Atmosphäre ermöglichte schließlich aber auch die Aufnahme politischer Punkte in die Abschlussdeklaration.

Alexandria, den 21. Januar 2002


Im Namen Gottes des Allmächtigen und des Barmherzigen beten wir, die wir uns an diesem Ort als religiöse Oberhäupter der islamischen, christlichen und jüdischen Gemeinschaften versammelt haben, für einen wahren Frieden in Jerusalem. Wir fühlen uns verpflichtet, die Gewalt und das Blutvergießen zu beenden, welche den Menschen das Recht auf Leben und Würde nehmen.

Nach den Traditionen unseres Glaubens bedeutet das Töten Unschuldiger im Namen Gottes eine Entweihung Seines Heiligen Namens und eine Diffamierung der Religion in dieser Welt. Die Gewalt im Heiligen Land ist ein Übel, dem sich alle in gutem Glauben handelnden Menschen widersetzen müssen. Wir streben danach, als Nachbarn zusammenzuleben, welche die Integrität unseres gegenseitigen historischen und religiösen Erbes respektieren. Wir rufen alle auf, sich gegen Hetze, Hass und falsche Darstellung der anderen Seite zu wenden.

1. Das Heilige Land ist unseren drei Glaubensgemeinschaften heilig. Deshalb müssen die Angehörigen der göttlichen Religionen die Heiligkeit des Landes respektieren und verhindern, dass dieses durch Blutvergießen beschmutzt wird. Die Heiligkeit und Integrität der Heiligen Stätten müssen bewahrt und die Freiheit der Religionsausübung gewährleistet werden.

2. Palästinenser und Israelis müssen den heiligen Ratschluss des Schöpfers respektieren, dessen Gnade wegen sie in demselben Land leben, das heilig genannt wird.
3. Wir rufen die politische Führung beider Völker auf, sich für eine gerechte, sichere und dauerhafte Lösung im Geiste Gottes und der Propheten einzusetzen.

4. Als ersten unmittelbaren Schritt rufen wir zu einem religiös gebilligten Waffenstillstand auf, der von allen Seiten respektiert und beachtet werden soll. Wir fordern, die Empfehlungen des Mitchell- und Tenet- Plans umzusetzen, einschließlich der Aufhebung der Beschränkungen und der Wiederaufnahme von Verhandlungen.

5. Wir streben danach, eine Atmosphäre zu schaffen, in der die jetzigen und künftigen Generationen in gegenseitigem Respekt und Vertrauen zusammenleben können. Wir rufen alle dazu auf, von Hass und Dämonisierung abzusehen und die künftigen Generationen entsprechend zu erziehen.

6. Als religiöse Oberhäupter geloben wir, das gemeinsame Streben nach einem gerechten Frieden fortzusetzen. Dieser soll zu einer Versöhnung in Jerusalem und im Heiligen Land führen, zum gemeinsamen Wohl aller unserer Völker.

7. Wir geben die Errichtung einer ständigen gemeinsamen Kommission bekannt, welche die Empfehlungen dieser Erklärung verwirklichen und mit unserer jeweiligen politischen Führung in Beziehung treten soll.



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