Strategien gegen den Terror

EKD-Ratsvorsitzender plädiert für verstärkten Dialog der Religionen

10. September 2004

In Zeiten des Terrors sei der Dialog der Kulturen und Religionen wichtiger als je zuvor. Die Religionen müssten gemeinsam der Gewalt abschwören, um die Spirale der Gewalt zu überwinden, so der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, in einem Gastkommentar für die Allgemeine Zeitung Mainz (Samstagsausgabe). Notwendig sei die Bereitschaft, "das Fremde und die Fremden als Gegenüber und nicht als Gegner zu sehen".

Religion könne der Legitimierung von Gewalt dienen, das sei auch aus der Geschichte des Christentums bekannt. Im Namen des Christentums seien Kriege geführt und Menschen getötet worden. "Umso mehr haben wir Grund, uns im Gespräch der Religionen um Klarheit zu bemühen."

Um den "Sumpf des internationalen Terrorismus auszutrocknen" brauche man politische Konsequenz, die Herrschaft des Rechts und gegebenenfalls "auch die nötige Härte, es durchzusetzen". Aber das allein genüge nicht, notwendig sei auch eine Kenntnis des Anderen. Religion könne zur Rechtfertigung von Gewalt missbraucht werden, könne dieser Gewalt aber auch widerstehen und zu ihrer Überwindung beitragen. Huber hob besonders die Ökumenische Dekade zur Überwindung der Gewalt hervor, die im Februar 2001 vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) ausgerufen worden war. Zu einer "Achse des Friedens" habe der christliche Glaube Entscheidendes beizutragen.

Hannover, 10. September 2004

Pressestelle der EKD
Silke Fauzi


Der Beitrag im Wortlaut:

"Religion und Gewalt: Terror und Terrorismus drei Jahre nach dem 11. September 2001

Gastkommentar in der Allgemeinen Zeitung Mainz, 11. September 2004

Die Bilder aus Beslan gehen mir nicht aus dem Kopf. Drei Jahre nach den Anschlägen von New York und Washington am 11. September 2001 und ein halbes Jahr nach dem Attentat von Madrid am 11. März 2004 hat in der vergangenen Woche das Geiseldrama in der russischen Schule die Welt erschüttert. Was treibt Menschen dazu, dass ein grenzen- und gnadenloser Hass über Leichen geht, wie wurde die unheilige Globalisierung des Todes und der Vernichtung möglich? Welche Schritte sind nötig, um die Wiederholung solcher Taten zu verhindern und den Sumpf des internationalen Terrorismus auszutrocknen? Gewiss braucht man dafür politische Konsequenz, die Herrschaft des Rechts, gegebenenfalls auch die nötige Härte, es durchzusetzen. Aber das allein genügt nicht.

Für die Anschläge von New York und Madrid scheint sicher, dass religiöse Motive die Täter zu ihren schrecklichen Handlungen bewegten. Und auch in Beslan berufen sich die Terroristen auf den Islam. Religion kann zur Rechtfertigung von Gewalt missbraucht werden. Bevor wir als Christen diese Einsicht in voreiliger Weise mit einem Urteil über den Islam als Religion verbinden, sollten wir uns erinnern, dass im vergangenen Jahrtausend im Namen des Christentums Kriege geführt und Menschen getötet wurden. Die Christenheit ist von Schuld nicht frei. Umso mehr haben wir Grund, uns im Gespräch der Religionen um Klarheit zu bemühen.

"Das waren keine Muslime." So reagierte Raschid Chalikow, ein hochrangiger islamischer Geistlicher aus der Wolgaregion, auf das Geiseldrama in Beslan. Wer Kinder als Geiseln nimmt, wer Frauen Gewalt antut, wer Menschen zu Hunderten dem Tod ausliefert, kann sich dafür nicht auf Gott berufen, auf welchen auch immer. Was brauchen wir demnach, um aus der Spirale der Gewalt ausbrechen zu können? Nötig ist, dass die Religionen gemeinsam der Gewalt abschwören. Das geht freilich nicht ohne Kenntnis des Anderen. Wir brauchen gerade heute den Dialog der Kulturen und Religionen. Die Bereitschaft, Differenzen wahrzunehmen und auszuhalten. Den Mut, das Fremde und die Fremden als Gegenüber und nicht als Gegner zu sehen.

Religion kann der Legitimierung von Gewalt dienen. Aber sie kann der Gewalt auch widerstehen. Sie kann zu ihrer nachhaltigen Überwindung beitragen. Deshalb hat der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK), am 4. Februar 2001 in Berlin eine "Ökumenische Dekade zur Überwindung von Gewalt" ausgerufen. Nach dem 11. September 2001, nach dem 11. März 2004 und nach den Ereignissen von Beslan ist dieses Bemühen noch dringlicher geworden. Denn es gibt Kräfte der Versöhnung und des Friedens im christlichen Glauben. Es gibt im Christentum eine Haltung, die lehrt, Differenzen auszuhalten und Fremdheit zu achten. Terror und Terrorismus fordern klare Antworten. Aber mit Krieg überwinden lassen sie sich nicht. Und sie dürfen die Ziele nicht entwerten, auf die es langfristig ankommt: internationales Recht und soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Toleranz, Wahrhaftigkeit und Nächstenliebe. Aus diesen Eckpunkten kann sich eine Achse des Friedens bilden, zu welcher der christliche Glaube Entscheidendes beizutragen hat."



erweiterte Suche

 

Themenliste



Das könnte Sie auch interessieren...